Vier Engel für Baumi

Am 22. Spieltag der Saison empfing der SC Paderborn die Sportfreunde aus Lotte. Nachdem das Hinspiel nur knapp mit 2:1 gewonnen werden und Lotte zuletzt zwei Siege feiern konnte, durfte ein enges Spiel erwartet werden. Insbesondere der überraschende Abgang von Topscorer Srbeny dämpfte die Paderborner Erwartungen.

Letztendlich sollten sich diese Befürchtungen als haltlos herausstellen. Mit einer phasenweise beeindruckenden Leistung und überragenden, gefühlten wie tatsächlichen Neuzugängen feierte der SC Paderborn ein Schützenfest.

Mannschaftaufstellungen

SC Paderborn - Sportfreunde Lotte
Die Grundaufstellungen beider Teams

Aus verschiedenen Gründen standen beim SC Paderborn Veränderungen in der Startelf an. Aufgrund seiner Gelbsperre musste Schonlau von Fesser vertreten werden, der seine Startelfpremiere feiern durfte. Im zentralen Mittelfeld ersetzte Ritter bei seinem Comeback den angeschlagenen Wassey. Srbeny, der unter der Woche für 1,5 Millionen Euro zum englischen Zweitligisten Norwich City wechselte, wurde von Neuzugang Tietz vertreten.

Mit diesem Personal formierte sich Paderborn in einer sehr offensiven 4-1-3-2 Grundstruktur, in der sich Ritter in den meisten Situation klar vor Mittelfeldpartner Krauße bewegte.

Die Sportfreunde Lotte traten in ihrer üblichen 4-4-2/4-4-1-1 Grundformation an. Personell besteht Kontinuität, Trainer Andreas Golombek benannte den gleichen Kader wie schon beim 1:0 Sieg gegen Zwickau.

Offensive Lotte

Da die Partie vornehmlich in Paderborner Ballbesitz stattfand, gibt es an dieser Stelle nur wenige Worte zur Lotter Offensivstrategie. Wie bei vielen deutschen Teams üblich, erfolgte Lottes Spielaufbau aus einer 4-2-4 Grundstruktur, in welcher beide Außenverteidiger eher flach neben der Innenverteidigung bleiben, als hochzuschieben. Im Mittelfeld fiel meist ein Sechser zurück, während sein Partner sich höher bewegte.

Aus dieser Struktur folgten Angriffsmuster nach bekannten Heuristiken. Wenn ein flacher Vertikalpass in die Spitze möglich war, wurde dieser versucht. Andernfalls wurde das Spiel über die Außenverteidiger eröffnet, welche ebenfalls den flachen Weg suchten, letztendlich aber oft auf einen Flugball in die Spitze zurückgriffen.

Dort zeigte sich Lotte wenig fokussiert im Attackieren der zweiten Bälle. Auch in Überzahlsituationen gegen die spärliche Paderborner Restsicherung wurde meist nur individuell gepresst, Ballgewinne blieben somit fast komplett aus.

SC Paderborn - Sportfreunde Lotte DEF1
Grundstrukturen und Paderborner Zuordnungen

Paderborn agierte im Angriffspressing mit gewohnten Mustern. Aus der grundsätzlich positionsorientierten Staffelung entstanden im hohen Anlaufen ballnah flexible Mannorientierungen. Die Zuteilung war dabei recht klar, die 4 Paderborner Offensiven (Stürmer+Flügel) orientierten sich jeweils an ihrem Pendant in der Lotter Viererkette, ballfern blieb der Flügelstürmer eher tief und eingerückt, um zentrale Präsenz zu schaffen. Ritter deckte, falls nötig, den zurückfallenden Lotter Sechser, bewegte sich aber auch weiter nach außen, um den Druck im Pressing zu erhöhen. Krauße verblieb konstant als tiefster Spieler im Mittelfeld.

SC Paderborn - Sportfreunde Lotte DEF2
Paderborner Überzahl nach Leiten auf Außenbahn

Falls Lotte das Pressing durch ein Anspiel auf den zurückfallenden Flügelspieler aufzulösen versuchte, rückte zudem der Außenverteidiger weit vor, die Restsicherung war mit drei Mann nominell recht offen, wurde aber kaum ernsthaft gefordert. Gelang der Pass ins zentrale Mittelfeld, so zeigten sich Jimmy und Zolinski aggressiv in der Rückwärtsverteidigung der mittigen Räume. Im Gegenzug wurden dafür die Außenbahnen etwas weiter geöffnet, was sich aufgrund des vorsichtigen Aufrückens der Lotter Außenverteidiger nicht rächte.

Ein weiterer interessanter Punkt war bei gegnerischen Abstößen zu sehen. Bei diesen tauschten Ritter und Tietz die Position, sodass letzterer seine Größe besser einbringen konnte.

Offensive Paderborn

In Ballbesitz scheint Paderborn die nächste Entwicklungsstufe erreicht zu haben. Noch nie in der Saison war das Aufbauspiel so risikofreudig und offensiv angelegt.

 

SC Paderborn - Sportfreunde Lotte OFF1
Einfache Optionen zu Beginn des Spiels

Gegen das Lotter Angriffspressing, in dem sich die Stürmer an ihnen orientierten, bildeten die Innenverteidiger zusammen mit Zingerle eine „Torwartkette“, standen also auf einer Höhe. Dadurch, dass die Zirkulation nun von drei statt nur zwei Spielern durchgeführt wurde, konnten sich Strohdiek und Fesser breiter positionieren und das Lotter Sturmduo auseinanderziehen.

Diese zentrale Schnittstelle konnte von Zingerle genutzt werden, um einen der leicht zurückfallenden Mittelfeldspieler, meist Krauße anzuspielen. Da Lotte im Mittelfeld eher auf Stabilität bedacht war, konnte dieser ohne Druck aufdrehen, um in der Folge eine der verschiedentlichen Optionen vor ihm zu bedienen. Besonders Ablagen von Tietz wurden in diesen Situationen gesucht und gefunden.

SC Paderborn - Sportfreunde Lotte OFF2
Ritter schafft nach erfolgreichen Pass auf Tietz Struktur

Wenn die vertikalen Passwege geschlossen werden konnten, war Ritter stets vor dem Mittelfeld anspielbar, um den Ball durch die Enge nach vorne zu tragen. Sollten die Pässe gelingen, suchte er stets den Anschluss an den Ballführenden, um ballnah Struktur zu schaffen.

SC Paderborn - Sportfreunde Lotte OFF3
Paderborner Schwierigkeiten gegen Manndeckung

In Reaktion auf die Instabilität ihres Ansatzes wurde Lotte im Verlauf der ersten Halbzeit auch im Mittelfeld mannorientierter. So wurde Krauße in seinem Zurückfallen enger verfolgt. Auch Ritter wurde durch die Besetzung der zuvor offenen Schnittstelle etwas seltener angespielt. Horizontalpässe der unter Druck gesetzten Innenverteidiger wurden vom ballnahen Stürmer bis auf Zingerle weiterverfolgt.

SC Paderborn - Sportfreunde Lotte OFF4
Auflösung des Pressings durch Anspiel auf Flügel

Paderborn hatte mit dieser Anpassung kurzzeitig Schwierigkeiten, die in der schwächsten Phase vor der 30. Minute in einfachen Ballverlusten und einigen Chancen resultierten. Man blieb sich glücklicherweise treu, Zingerle fokussierte, wenn er angelaufen wurde, Flugbälle in den geöffneten offensiven Halbraum, meist auf einen der invers entgegenkommenden Flügelspieler.

SC Paderborn - Sportfreunde Lotte OFF5
Etwas chaotische Graphik zur Entstehung des ersten Tores. Nachdem Ritter zuvor zwei Gegner ausgespielt hat, passt er auf Tietz, der den Ball wiederum auf Michel ablegt. Dieser spielt den Ball etwas glücklich durch die Abwehr, genau in den Lauf von Ritter. Gleichzeitig laufen drei Paderborner zentral in die Tiefe und öffnen somit den linken Halbraum.

Sobald ein Anspiel in den Zwischenlinienraum von Abwehr und Mittelfeld erfolgte, kollabierte Lottes Abwehrkette in eine extrem enge Struktur, in der nur die direkten Wege zum Tor verteidigt werden sollten, sogar die Halbräume wurden freigelassen. Dies nutzte Ritter mit intelligenten Läufen aus der Tiefe. Das 1:0 steht exemplarisch.

Darüber hinaus waren die Paderborner Außenverteidiger abermals sehr aktiv im Überlaufen. Boeder war bei nahezu jedem Angriff an der Außenlinie zu finden, auch Herzenbruch überlief so häufig wie nie zuvor. Wann immer Jimmy ins Dribbling ging, war er nicht fern. Allgemein entwickelt Paderborn auf den Außenbahnen eine immer bessere Abstimmung, auch ballfern zeigen sich klare Abläufe, bei denen sich ein Flügelspieler früh in die Mitte bewegt, um Raum für einen vorstoßenden Außenverteidiger zu öffnen.

Paderborn zeigte noch weitere Abläufe, um der Manndeckung zu entkommen. Mein persönlicher Favorit ist es, das Pressing auf den Torwart einzuladen, um in der Folge den nun freien Innenverteidiger über einen zurückfallenden Sechser anzuspielen.  Um weiter Druck zu erzeugen, muss ein Lotter Spieler seinen Gegner aufgeben, was diesen wiederum öffnet. Die Manndeckung fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Eines der schönsten Beispiele für diese Kombination lässt sich absurderweise in der Entstehung der roten Karte finden. Rosinger stoppte den Ablauf, offensichtlich frustriert vom dritten Gegentor, durch sein Foulspiel.

Nach der roten Karte verlor das Spiel den letzten Rest an Spannung. Paderborn konnte gegen einen verbleibenden pressenden Stürmer auch mit einer tieferen Einbindung von Zingerle einfachen Raumgewinn erzielen, die Offensive konnte sich frei ausleben, die Fans ausgelassen feiern. Letztendlich war Lotte mit fünf Gegentoren noch gut bedient.

Neuzugänge

Wir konnten in diesem Spiel zwei Startelfdebüts (Fesser, Tietz) sowie zwei weitere Premieren (Klement, Yeboah) sehen. Da diese Diskussion bereits auf Twitter angeklungen ist, werde ich die vier kurz einschätzen.

Leon Fesser

Der 23-Jährige wurde bereits zu Beginn der Saison aus der zweiten Mannschaft des FC Bayern geholt. Bisher gab es für Steffen Baumgart wenig Grund, in der Abwehr zu wechseln, seit dem 3. Spieltag sind Strohdiek und Schonlau gesetzt, Fesser kam nur zu 2 Spielminuten.

Das Spiel gegen Lotte zeigt, dass es vermutlich nicht dabei bleiben wird. Nicht nur erhöhte Fesser seine Einsatzzeiten um den Faktor 46, er überzeugte im Spielaufbau ebenso wie in der Defensive.

Im Andribbeln konnte er einige Male die erste Pressinglinie des Gegners überwinden, fand in der Folge immer passende Anschlussoptionen. Gerade in diesem Belang hat Partner Strohdiek manchmal Schwächen. nach einem Dribbling muss er den Versuch wieder abbrechen, weil sich eine Option geschlossen hat.

Im Herausrücken auf hohe Bälle zeigte er sich ebenfalls konzentriert und kopfballstark, auch wenn die Abstimmung mit Strohdiek ab und zu noch mangelte (was sie bei Schonlau leider auch tut). So rückten beide in einer Situationen gleichzeitig heraus und behinderten sich gegenseitig. Im Zweikampfverhalten war er noch etwas überhastet und versuchte oft den Ball wegzuspitzeln, ohne seinen Körper zwischen Gegner und Ball zu bringen.

Und, ach ja… er hat ein Tor gemacht.

Phillip Tietz

Der 20-Jährige kam in der Winterpause von Eintracht Braunschweig als Ergänzung für das Sturmduo Michel/Srbeny. Nachdem letzterer den Verein verlassen hat, dürfte Tietz eine größere Rolle zufallen, als erwartet. Dass er die Lücke füllen kann, welche von Srbeny gerissen wurde, zeigte er in diesem Spiel vortrefflich.

Etwas weniger dynamisch, dafür körperlich ähnlich stark und zudem mit sehr guter Ballkontrolle versehen, stellt Tietz einen ähnlichen Spielertyp dar. Gerade gegen tief stehende Gegner konnte Srbeny seine Dynamik ohnehin selten ausspielen, entsprechend wird diese Schwäche bei Tietz weniger ins Gewicht fallen. Lediglich im Pressing machte sich dieser Nachteil deutlich bemerkbar.

Tietz‘ Ablagen sind noch präziser und vielseitiger, allerdings kann man noch nicht einschätzen, wie stark er mit dem Gesicht zum Tor ist. Wenn er einen ähnlichen Überblick entwickeln kann, hat Markus Krösche einen beeindruckend vollwertigen Ersatz verpflichtet.

Und, ach ja… er hat einen geilen Volley geschossen… und einen Fallrückzieher probiert… und ein Tor gemacht.

Kwame Yeboah

Der 23-Jährige wurde ebenfalls in der Winterpause von Gladbach ausgeliehen. In der halben Stunde, in der man ihn auf dem Platz sehen konnte, zeigte er eine starke Körperlichkeit und gute Dynamik. Laufwege wurden von ihm bereits sehr passend und überraschend, meist in den Rücken der Gegenspieler, ausgewählt. In der Positionierung wirkte er gerade in der Spitze noch etwas zu unfokussiert. Bessere Abstimmung wird zweifelsohne mit der Zeit kommen, das Potential ist auf jeden Fall da.

Phillip Klement

Der 25-Jährige ist der bisher letzte Zugang der Winterpause, und vielleicht der beeindruckendste. In seinem ersten Spiel gestaltete Klement das Paderborner Spiel unmittelbar. In der tiefen Position vor der Abwehr forderte er durchgehend den Ball seine Dribblings aus diesen Positionen waren für den dezimierten Gegner kaum zu verteidigen.

In der engen Ballführung nutzt er seinen Körper um größere Gegner abzuschirmen, kann das Tempo aber auch veschärfen um an ihnen vorbeizugehen. Ähnlich wie Ritter sucht er stets den sauberen vertikalen Lauf- oder Passweg, wenn sich dieser schließt, bricht er frühzeitig ab und verlagert.

Dabei ist er nicht auf die Spielgestaltung aus der Tiefe festgelegt. Er fand sich im Angriffsvortrag auch in deutlich höheren Regionen, wo er durch seine gute Positionierung viele Bälle in gefährlichen Situationen erhalten und verarbeiten konnte.

Auch wenn seine Technik stark ist, die Schusspositionen waren recht wenig erfolgsversprechend, bessere Passoptionen möglich. Da seine Abschlüsse beim Stand von 5:0 erfolgten, sei ihm dies verziehen.

Zuletzt zeigt sich Klement als wahrer Freistoß- und Eckenkünstler. Nur wenige Spieler vermögen Standards mit so viel Drall und Präzision zu spielen wie Klement (und noch weniger zelebrieren das Hinlegen des Balles derart). Die Vorlage zum 5:0 ist der verdiente Lohn, wird aber nicht das letzte Ausrufezeichen bleiben.

Möglichkeiten über Möglichkeiten

Die Neuzugänge geben dem Kader unglaublich viel Qualität, sowohl in der Breite, als auch in der Spitze. Aus den verschiedenen Profilen lassen sich sehr variable Systeme bilden. Egal ob Formationen, Taktiken oder Strategien, der Kreativität des Trainerteams sind wahrlich keine personellen Grenzen mehr gesetzt.

Fazit

Paderborn feiert seinen zweithöchsten Saisonsieg, Ritter zeigt bei seinem Comeback das vielleicht beste Spiel seiner (noch jungen) Karriere, Tietz macht Srbeny vergessen, alle Neuzugänge schlagen ein. Der SCP ist gewappnet für die Dreifachbelastung.

 

2 Kommentare zu „Vier Engel für Baumi

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