A Tale of two Halves

Zwischen dem überragenden 5:0 Sieg gegen Lotte und dem heiß erwarteten Pokal-Viertelfinale gegen die Münchner Bayern verblasste das Spiel in Großaspach nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern anscheinend auch in den Köpfen der Spieler. Die wenig hochklassige, nur in den letzten Minuten spannende Partie, endete 1:1.

Mannschaftsaufstellungen

SC Sonnenhof Großaspach - SC Paderborn

Der Gastgeber aus Großaspach begann in seiner üblichen 4-4-2 Aufstellung, die sich vor allem defensiv sehr klar formierte. In der Spitze spielte der ehemalige Paderborner Saliou Sané, auffällig waren ansonsten der enorm wendige Gyau, der bewusst gegen Herzenbruch eingesetzt wurde, sowie der starke Linksverteidiger Fehr.

SCP-Trainer Steffen Baumgart zeigte erneut, dass er kein großer Freund von Rotation ist. Im Vergleich zur Vorwoche ergaben sich nur zwei Änderungen: In der Innenverteidigung kehrte der zuvor gelbgesperrte Schonlau zurück, auf der rechten Seite begann Neuzugang Yeboah anstelle von Zolinski. Im zentralen Mittelfeld wurde Ritter mit einem weiteren Startelfeinsatz für seine überragende Leistung belohnt.

Halbzeiten

Die Bedeutung von Halbzeiten ist im Fußball ein kontroverses Thema. Tabellen, welche die Halbzeiten separat voneinander betrachten, werden in den Medien häufig zitiert. In gedrehten Spielen wird die Psyche der verlierenden Mannschaft verantwortlich gemacht, der Trainer des siegenden Teams wird für seine Halbzeitansprache gefeiert.

Die teils grundverschiedene Struktur beider Halbzeiten resultiert dabei aus verschiedenen, miteinander verwobenen Teilaspekten:

  1.  Zufall: Im Fußball fallen wenige Tore. Wenn eine Mannschaft in einem ausgeglichenen Spiel in Führung gehen kann, kann der Gegner in der zweiten Hälfte genauso einfach ausgleichen. Instabilitäten in den Ergebnissen der Halbzeiten sind somit vor allem diesem Aspekt geschuldet.
  2. Psychologie:  Fußball wird von Menschen gespielt. In hohem Maße zufällige Ereignisse wie Gegentore, Schiedsrichterentscheidungen, Gelingen und Misslingen von Aktionen  haben sowie auch Fangesänge und Ansprachen des Trainers einen Einfluss auf den mentalen Zustand des einzelnen und der Mannschaft. Grundsätzlich gilt: je weniger die Mannschaft über ihre Aktionen nachdenken muss, je mehr sie in einen Fluss kommt, desto besser.
  3. Fitness: Profisport wird an der Grenze der körperlichen Leistungsfähigkeit ausgeübt. Abhängig von der Intensität, die auf den Platz gebracht wird, braucht es Regenerationsphasen. Viele Mannschaften overpacen in der ersten Halbzeit oder direkt nach Wiederanpfiff . Dadurch fehlt die Kraft in der Schlussphase, Ergebnisse kippen „unerwartet“.
  4. Matchplan: Trainer versuchen die Entwicklung der obigen Aspekte vorherzusehen und in ihrem Plan zu berücksichtigen. So werden bewusst Phasen hohen und tiefen Pressings abgewechselt, Auswechslungen auf Schlüsselpositionen vollzogen, oder andere taktische Anpassungen vorgenommen

Im Spiel waren diese Aspekte relevant und für die Erklärung der zwei unterschiedlichen Halbzeiten notwendig.

Erste Halbzeit: Paderborn dominant, Großaspach passiv

Die erste Hälfte fand vor allem in Ballbesitz Paderborn statt, entsprechend werden die anderen Spielphasen an dieser Stelle schnell abgehandelt.

Großaspach baute aus einer recht statischen 4-2-4 Ordnung auf, bei der sich einer der beiden Sechser etwas höher bewegte. Flache Aufbauversuche wurden von Paderborn mit den üblichen Pressingabläufen begegnet: Die Stürmer pressten mannorientiert, um das Spiel auf die Flügel zu leiten, Ritter unterstützte in hoher Position. In den meisten Fällen griff Großaspach allerdings auf hohe Bälle für Zielspieler Sané zurück, die aufgrund der hohen individuellen Qualität der Offensive verarbeitet werden konnten.

Stark zeigte sich zudem das Verhalten der Gastgeber im offensiven Umschaltmoment. Nach Ballgewinn wurde sofort der durchstartende Gyau gesucht, der seinerseits inverse Dribblings anschloss. Aus diesen folgend wurden Steilpässe in die Lücken der Paderborner Abwehr fokussiert. Herzenbruch zeigte erneut seine Defizite im isolierten Verteidigen starker Gegenspieler, allerdings zeigte sich die gesamte Defensive etwas ungeschickt, weil überaggressiv, im Defensivverhalten.

In den langen Ballbesitzphasen bestätigte sich die positive Paderborner Entwicklung, ohne ein Feuerwerk abzufackeln. Großaspach begab sich in der Defensive fast dauerhaft in ein passives tiefes Mittelfeldpressing. Im 4-4-2 positionierten sich die Ketten eng aneinander, die Stürmer befanden sich als höchste Spieler nur knapp vor der Mittellinie. Innerhalb der Formation wurden die Läufe der Paderborner nicht mannorientiert verfolgt, vielmehr dienten die Mitspieler und die Abstände in der Formation als Referenzpunkt.

SC Sonnenhof Großaspach - SC Paderborn OFF 1
vertikale Passmöglicheiten der Paderborner IV

Der SCP begegnete diesem System durchaus passend. Die nominellen Flügelspieler Jimmy und Yeboah positionierten sich eingerückt im Halbraum. Die Positionierungen von Ritter und dem jeweiligen Außenverteidiger zogen die Aufmerksamkeit des Aspacher Mittelfelds auf sich und öffneten somit einen Passweg.

Dieser konnte aus der Innenverteidigung genutzt werden, in welcher Strohdiek und Schonlau, mit freundlicher Beihilfe von Torwart Zingerle, sehr breit auffächerten. Aus dieser äußeren Position konnten sie an den Aspacher Stürmern vorbei andribbeln. Auf die so reduzierte Distanz konnten die Pässe recht erfolgsstabil angebracht werden.

SC Sonnenhof Großaspach - SC Paderborn OFF2
Paarbewegungen: einmal gut, einmal schlecht.

Schwierigkeiten zeigten sich im Ausspielen dieser Situationen. Gerade Yeboah hatte noch etwas Probleme sich kleinräumig aufzudrehen und vernünftige Anschlussoptionen zu finden. Weiter erschwert wurde seine Aufgabe durch das unpassende Bewegungsspiel Tietz‘. Während Michel auf der linken Seite meist im richtigen Moment die Laufwege nach außen suchte, um gute Passwinkel für Antwi-Adjei zu schaffen, verpasste er den Moment, blieb zu zentral und versperrte damit den notwendigen Raum.

Auch die Einbindung der Außenverteidiger war in diesen Situationen suboptimal, gerade Boeder hätte noch höher eingebunden werden können, um eine weitere Option zu schaffen.

Dieses interessante Angriffsmuster darf dabei nicht darüber hinaus täuschen, dass Paderborn zu oft pomadig agierte. Krauße positionierte sich nicht durchgehend passend, wählte seine Ballannahmen darüber hinaus schlecht aus. In einigen Situationen hätte er sich ohne Probleme aufdrehen können, legte den Ball aber weit nach hinten, wodurch er nicht nur unter Druck gesetzt werden konnte, sondern auch einen Angriff beendete.

SC Sonnenhof Großaspach - SC Paderborn OFF3
In einer tieferen Position kann Ritter von bis zu 7 Mitspielern angespielt werden, vorgerückt realistischerweise von 3

Ritter machte aus individueller Perspektive erneut ein starkes Spiel. Er konnte einige Chancen durch seine Dribbling durchs Mittelfeld oder auf die Abwehr zu einleiten. Darüber hinaus unterstützte er das Spiel weiträumig, war auf beiden Seiten als Anspielstation ebenso zu finden, wie mit Tiefenläufen in der Spielfeldmitte. Problematisch war, dass er damit in der übergreifenden Struktur als Verbindungsgeber fehlte.

In Kombination mit teilweise schlechtem Timing, seltsamer Entscheidungsfindung und zu wenig Risikobereitschaft sorgten diese Aspekte dafür, dass das Paderborner Spiel in Phasen der ersten Hälfte zu Stückwerk verkam.

Zweite Halbzeit: Manndeckung Großaspach

SC Sonnenhof Großaspach - SC Paderborn OFF5

Großaspach kam mit einer komplett veränderten Einstellung aus der Kabine. Anstelle eines passives Pressings wurde über den ganzen Platz manngedeckt, der Aufbau direkt zugestellt.

SC Sonnenhof Großaspach - SC Paderborn DEF1

An die Stelle von sicheren langen Bällen und vorsichtigem Aufrücken traten enorm aggressive und riskante Staffelungen, die Außenverteidiger rückten weit vor, die Innenverteidiger dribbelten an und gingen in Person von Gehring sogar mit in den Sturm.

Der Matchplan ging auf. Großaspach hatte durch das tiefe Verteidigen in der ersten Hälfte Kräfte gespart, während Paderborn dem hohen Pressing und intensiven Angriffsspiel Tribut zollte und das Tempo nicht mehr mitgehen konnte.

Psychologisch brach der SCP ebenfalls ein. Nach dem ruhigen und geordneten Spiel in der ersten Halbzeit hatten die Spieler Probleme mit dem ständigen Druck. Der Spielaufbau versagte. Die Angriffsmuster funktionierten nicht mehr. Auch die eingewechselten Klement, Zolinski und Bertels konnten sich nicht aus der Umnachtung befreien.

Großaspach hingegen erspielte sich zunehmend mehr Chancen und konnte das Spiel ausgleichen. Nach einer starken zweiten Halbzeit wäre sogar noch mehr möglich gewesen. Paderborn konnte sich glücklich schätzen, einen Punkt geholt zu haben.

Klingt logisch, oder?

Wenn ihr diese Frage mit „ja“ beantwortet, wurdet ihr getäuscht. Unsere Wahrnehmung ist nicht objektiv, unsere Einschätzungen nicht frei von äußeren Einflüssen. Nach einem gedrehten Spiel gibt das Narrativ unser Denken vor. Es besagt, dass eine Mannschaft physisch, taktisch und psychisch überlegen war, dass der Trainer eine mitreißende Ansprache gehalten/perfekte Anpassungen getroffen/ein goldenes Händchen bei Auswechslungen bewiesen hat.

Diese Aussagen wirken logisch, fundiert und alternativlos. Aber nur, weil wir einen Aspekt vergessen: den Zufall.

Auch in diesem Spiel, auch in der zweiten Hälfte, auch gegen einen tatsächlich umgestellten, gewandelten und verbesserten Gegner, war Paderborn die bessere Mannschaft. Chancen waren im chaotischen Spiel zur Genüge vorhanden, wurden aber nicht genutzt. Schüsse wurden geblockt oder prallten an den Pfosten.

Es ist einfach, zufällige Ereignisse zu rationalisieren, aber eben nicht korrekt.

Fakt ist hingegen, dass Sonnenhof zur Halbzeit umstellte. Fakt ist, dass Paderborn sich dem anpassen und andere Lösungen finden musste. Fakt ist, dass das Spiel offener wurde und beide Mannschaften zu mehr Chancen kamen. Fakt ist aber auch, dass Großaspach einen, gerade offensiv, überragend besetzten Kader hat, der mit einem passiven, vorsichtigen Spielstil verschwendet wird.

Fazit

Paderborn zeigte in Großaspach ein mittelmäßiges Spiel, bei dem gerade in der ersten Halbzeit viel spielerisches Potenzial brach lag. Zur zweiten Halbzeit stellte der Gegner um und konnte dem SCP so mehr Probleme bereiten. Dennoch war man die bessere Mannschaft und hatte genug Chancen, das Spiel zu gewinnen.

Letztendlich konnte man auch mit nur einem Punkt die Tabellenführung ausbauen, da Magdeburg zeitgleich gegen Würzburg verlor. Vor dem größten Spiel der Saison sind das gute Vorzeichen.

 

 

2 Kommentare zu „A Tale of two Halves

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