Cannae

Am 32. Spieltag der Saison wurde der SC Paderborn vom VfR Aalen empfangen. In der vergangenen Saison bedeutete diese Auswärtspartie, eine 4:0-Niederlage, das Ende der „Ära“ Emmerling. Wie weit man seitdem gekommen ist, zeigt sich nicht nur daran, dass über Steffen Baumgarts Posten nicht diskutiert werden musste, auch das Ergebnis spricht Bände. Mit dem 5:0 Sieg zum Ende der englischen Woche wurde ein Ausrufezeichen und ein klares Signal an die Aufstiegskonkurrenz gesendet.

Mannschaftsaufstellungen

VfR Aalen - SC Paderborn
Startaufstellungen beider Teams

Beim VfR Aalen gab es zwei Veränderungen in der Startformation. Welzmüller kam für den gelbgesperrten Stanese in die Mannschaft, während Topscorer Morys nach auskurierter Nagelbettentzündung Bär ersetzte. Beide Spieler nahmen in der 4-4-2/4-4-1-1-Ordnung besondere Rollen ein. Während erstgenannter eine im Vergleich zu Sturmpartner Schnellenbacher deutlich zurückgezogene und defensiv aktivere Rolle spielte, hatte Morys auf der linken Seite eine Freirolle inne.

Der SCP veränderte ebenfalls auf drei Positionen und stellte mit Collins, Michel und Krauße den Kader des 2:0 Siegs in Bremen wiederher. Mit diesem Personal formierte man sich erneut in einer 4-1-3-2/4-1-2-3 Hybridformation, bei der Klement zwischen dem zentralen Mittelfeld mit und dem rechten Flügel gegen den Ball pendelte.

Aalen in der Offensive

Die Partie spielte sich den Großteil der Zeit in Paderborner Ballbesitz ab, dennoch kam Aalen, gerade zu Beginn der ersten Hälfte, zu einigen guten, wenn auch vergebenen Chancen. Herausgespielt wurden diese vor allem auf zwei Arten und Weisen.

Zum einen wurden Konter und Schnellangriffe entlang der linken Seite, über den starken Morys gespielt. Dieser Flügel ist nach Paderborner Ballverlust nominell einfach (nur von Boeder) besetzt, da Klement im Ballbesitz weit ins Zentrum zieht und entsprechend länger braucht, um wieder auf außen zu verschieben.

In den meisten Situationen aber kam es gar nicht zu Aalener Kontern. Paderborn zeigte sich aktiv im Gegenpressing, in dem beide Aalener Innenverteidiger mannorientiert von den Stürmern angelaufen wurden, während Jimmy auf dem linken Flügel den Außenverteidiger deckte und Ritter sowie Klement im Zentrum die Aalener Doppelsechs besetzten. Der linke Außenverteidiger war zwar nominell offen, wurde nach Anspiel aber vom weit vorpreschenden Boeder unter Druck gesetzt.

VfR Aalen - SC Paderborn Def 1
Grundstruktur im Aalener Spielaufbau

Letzteres hätte zum Problem werden können, da Aalen, sobald die einfachen kurzen Optionen gedeckt waren, jegliches spielerisches Risiko vermied und den Ball lang in die Spitze schlug. Gerade in geordneteren Phasen des Paderborner Pressings, in denen Klement zurück auf den Flügel fand, während seine vormalig höhere Position von Krauße übernommen wurde, zeigten sich diese sehr effektiv.

VfR Aalen - SC Paderborn Def 2
Angriffsschema lange Bälle

In der Vorbereitung der langen Bälle ballten sich die Aalener Offensivspieler auf einer Seite, Wegkamp fiel etwas zurück. Dadurch konnte man zum einen besser auf zu kurz geratene Bälle reagieren, zum anderen auch Dynamik aus der Tiefe aufbauen. Die Pässe wurden nämlich auf den breit gebliebenen Flügelspieler, zumeist Trianni bei Ballung auf rechts, geschlagen, der den Ball wiederum verlängern sollte. Gleichzeitig sprintete Wegkamp aus seiner tieferen Position in den Raum hinter den herausrückenden Paderborner AV und hatte so einen deutlichen Tempovorteil.

Wenn er den Ball erhielt, rückte der Paderborner Innenverteidiger heraus, öffnete damit aber zentrale Räume, die in der Folge durch Flanken oder Cutbacks von der Grundlinie angespielt werden konnten. Auf diese Art kam Aalen zu seiner größten Chance, die allerdings von Morys vergeben wurde.

Ein weiteres Problem im Paderborner Defensivspiel lag in der mangelnden Intensität in der Rückzugsbewegung. Vor allem bei Schnellangriffen waren Krauße und Ritter (oder Klement) auf sich allein gestellt, da neben den beiden Stürmern meist noch zwei weitere Spieler vorne verblieben.

Im Verlauf des Spiels kompensierte Paderborn die Ausnutzung der Tiefe indem die Abwehrkette etwas weiter zurückfiel und somit weniger Platz hinter sich ließ, während auch die Mittelfeldspieler zurückgezogenere Positionen mit mehr Präsenz auf den ersten Ball einnahmen.

Paderborner Offensivspektakel, Aalener Defensivdebakel

Paderborn agierte in Ballbesitz erneut mit der zuletzt häufiger gesehenen Hybridformation. In diesem Spiel bedeutete dies, dass man sich bei Ballgewinn von der 4-4-2-Defensivordnung in eine 4-1-2-3 (genauer gesagt 2-3-2-3)-Struktur umformte.

VfR Aalen - SC Paderborn Off 1
Grundstrukturen im Paderbornern Spielaufbau

Die ersten beiden Linie gestalteten sich dabei wie üblich. Strohdiek und Schonlau fächerten strafraumbreit auf, Boeder und Collins schoben breit und hoch, Krauße verblieb zentral. Davor bewegten sich Klement und Ritter auf unterschiedlichen Höhen, wobei letzterer meist weiter vorne zu finden war. Die Offensivreihe formierte sich etwas asymmetrisch: So blieb Jimmy auf der linken Seite breiter als Tietz auf der rechten.

Aalen betätigte sich im hohen Mittelfeldpressing ähnlich wie bereits Meppen. Ein Stürmer sollte den ballführenden Innenverteidiger unter Druck setzen, während der andere Krauße deckte. Die Aalener Flügelspieler orientierten sich stark an den Außenverteidigern, während die beiden Sechser nah an der Abwehrkette blieben, um das Zentrum, vor allem gegen lange Bälle zu sichern.

Das mag vielleicht gut gedacht gewesen sein, funktionierte in der Praxis aber überhaupt nicht. Paderborn musste nur selten zu langen Bällen zurückgreifen, wenn diese gespielt wurden, dann in den Rücken der Abwehr, wo die Sechser nun auch keine wirkliche Hilfe sind.

VfR Aalen - SC Paderborn Off2
Räume, nachdem die erste Pressinglinie im Dribbling überwunden werden konnte

Das Problem bestand darin, dass Aalen die Paderborner Innenverteidiger nicht vom Andribbeln abhalten konnte, da die eigenen Stürmer zu spät kamen und keinen Zugriff hatten (vgl. Meppen). Gleichzeitig waren durch die tiefe Position der Sechser riesige Räume im Zentrum vorhanden, in denen Ritter und Klement ohne Probleme gefunden wurden.

Im weiteren Verlauf der Paderborner Angriffe war zudem die nicht vorhandene Rückzugsbewegung der Aalener Flügelspieler eklatant, sodass die Sechser auf sich allein gestellt waren. Zu zweit kann man natürlich nicht die gesamte Breite des Feldes kontrollieren, sodass die Halbräume offen blieben und nach Verlagerungen (endlich!!!) zu vielversprechenden Chancen dienen konnten.

Die ersten beiden Tore spiegeln dieses Motiv wieder, wobei die Entstehung des zweiten Treffers als Musterbeispiel dienen kann. Nach Ballgewinn auf der rechten Seite wurde eine Verlagerung auf den freien Klement gespielt, der im Halbraum genug Platz hatte, um alle Optionen in Ruhe zu überprüfen, einige Schritte mit dem Ball zu gehen, und schlussendlich zum Schuss anzusetzen. Dieser war zwar nicht sonderlich präzise, aber anscheinend fest genug, dass Bernhardt ihn nur Ritter vor die Füße prallen lassen konnte.

Bei den Toren wurde deutlich, mit welcher Dynamik der SCP einen in der Rückwärtsbewegung befindlichen Gegner bespielen kann. Tiefenläufe von Ritter und Michel waren ebenso besser eingebunden wie Tietz‘ Ablagen.

Zur zweiten Halbzeit rechnete ich ehrlich gesagt mit einer deutlichen Steigerung Aalens im Defensivspiel. Diese blieb aus, vielmehr war das Gegenteil der Fall.

So verhielten sich die beiden Stürmer etwas anders: Schnellbacher bleib höher und versperrte den Passweg zwischen den beiden Paderborner Innenverteidigern, während Wegkamp Krauße in Manndeckung hielt. Zwar hatte Aalen so einige gute Ansätze im Angriffspressing, wenn der nun notwendigere Pass auf Zingerle erfolgte, das Hauptproblem wurde allerdings nicht behandelt: Strohdiek und Schonlau konnten nun noch problemloser an den beiden Offensiven vorbeidribbeln und den Angriff starten.

VfR Aalen - SC Paderborn Off3
Veränderte Positionierung der Aalener Stürmer ermöglicht Andribbeln

Im Rückzug wurde ebenfalls nichts besser. Insbesondere Morys, der bereits zu Ende der ersten Hälfte angeschlagen schien und kaum laufen konnte, blieb die gesamte Spielzeit auf dem Platz und stellte defensiv keinen Faktor dar. Auch Herausrücken aus der Innenverteidigung wurde, vermutlich in Reaktion auf das erste Tor seltener, sodass auch Jimmy, Tietz und vereinzelt Michel sich unbedrängt in den offenen Halbraum fallen lassen konnten.

VfR Aalen - SC Paderborn Tor3
Enorm viel Platz im ballfernen Halbraum

Antwi-Antjei’s tiefere Position im linken Halbraum war der entscheidende Aspekt in der Entstehung des dritten Tores: Nach einer Verlagerung konnte er aus dieser Position auf Traut zugehen und abwarten, bis Michel bei seinem nach außen gerichteten Tiefenlauf anspielbar war. Das Kettenverhalten der Aalener war ebenfalls erschreckend: während Müller vorschiebt, um Michel ins Abseits zu stellen, fallen Geyer und Schorr weiter in den Strafraum zurück.

VfR Aalen - SC Paderborn Tor32
(Tatsächlich befanden sich alle Spieler etwas weiter hinten und näher aneinander, zur besseren Anschaulichkeit angepasst)

Bis zum fünften Paderborner Treffer agierte Aalen komplett vogelwild, die horizontale Kompaktheit blieb gering, während man sich auch vertikal weiter strecken ließ, Paderborn konnte durch das spärlich besetzte Zentrum verlagern und gegen die Außenverteidiger an die Grundlinie kommen. Der vierte Treffer wurde so von Jimmy vorbereitet, der fünfte vom nach langer Verletzung zurückgekehrten Vucinovic.

(Aalen stellte zur Mitte der zweiten Hälfte auf eine Fünferkette um, hatte aber, da die Außenverteidiger nun höher waren, noch größere Schwierigkeiten in der Rückzugsbewegung.)

Fazit

Paderborn kommt nach der etwas schemichelhaften Führung der ersten Hälfte richtig in Fahrt und fährt den dritten 5:0-Sieg der Spielzeit ein. Der VfR Aalen fällt nach starkem Beginn zunehmend den eigenen Mängeln im Defensivspiel zu Opfer und muss sich zum ersten Mal in dieser Saison auf heimischen Grund geschlagen geben.

Für den SCP verlief der Spieltag in Anbetracht der Wiesbadener Niederlage gegen Würzburg annähernd perfekt. Die strapaziöse Woche mit drei Auswärtsspielen kann mit sieben Punkten und ohne Gegentor beschlossen werden, der Abstand auf den Relegationplatz erhöht sich auf beruhigende(re) fünf Punkte, die beste Tordifferenz kehrt nach Paderborn zurück

 

 

 

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