Prolog im Schimmel

Am 34. Spieltag der Drittligasaison kehrte der SC Paderborn an den Ort des letztjährigen sportlichen Abstiegs zurück. Während das Spiel damals von Häme und Schadenfreude der Osnabrücker Fans begleitet wurde, lag derlei nun sehr fern. Der SC Paderborn siegte in der in die Jahre gekommenen Bremer Brücke mit 5:0.

Mannschaftsaufstellungen

Vfl.png

Der VfL Osnabrück ging mit zwei Umstellungen in das Spiel: Für Reimerink und Heider starteten Appiah und Iyoha, seines Zeichens wohl bester Osnabrücker auf dem Platz. Die beiden fanden sich in der Rechtsverteidigung, respektive im linken Mitttelfeld der von Coach Daniel Thioune gewählten 4-4-2/4-2-3-1-Formation wieder.

Bei Paderborn gab es im Vergleich zum 6:0-Schützenfest gegen Jena keine Änderungen in der Startformation zu verzeichnen. Auch die Struktur blieb weitestgehend unverändert, Paderborn agierte offensiv in einem 4-1-2-3, das in der Defensive zu einer 4-1-3-2/4-4-2-Mischformation wurde.

Feuer mit Feuer

Auch wenn es beim Endstand von 0:5 absurd klingen mag, der VfL agierte, gerade zu Beginn der Partie, recht stark. Insbesondere der tiefe Spielaufbau wusste dabei zu gefallen. Anders als viele Paderborner Gegner versuchte man, sich hinten herauszukombinieren.

Dafür fielen die beiden Innenverteidiger beim Abstoß neben den Strafraum zurück, während sich die beiden Sechser ebenfalls tief, meist nur wenige Meter vor dem Sechszehner positionierten. Gleichzeitig schoben die Außenverteidiger höher und die Flügelspieler situativ ein (Wenn der Spielaufbau nicht flach erfolgte, bewegten sie sich frühzeitig weit auf die Außenbahn).

VfL Osnabrück - SC Paderborn
Grundstruktur im Paderborner Pressing

Paderborn agierte dagegen mit seiner üblichen 4-1-3-2-Struktur im Angriffspressing, in der die Stürmer und Flügelspieler klare Mannorientierungen auf die gegnerische Viererkette aufnehmen, während Ritter im Zehner- und Krauße im Sechserraum von Seite zu Seite pendelt. (Ritter nimmt normalerweise Mannorientierungen auf den ballnahen Sechser auf, diesmal waren sie allerdings zu tief, sodass er scheinbar verloren in der Gegend rumstand)

VfL Osnabrück - SC Paderborn Def 1
Pressing und Verlagerungsoption

Die ungewöhnlich tiefe und breite Osnabrücker Formation erschwerte den Paderborner Zugriff deutlich. Um die Mitte nicht zu sehr zu öffnen, mussten die Stürmer ihr Pressing aus einer recht engen Position starten, Wenn einer der beiden zum Lauf auf einen Innenverteidiger ansetzte, musste sein Partner zentraler bleiben, um die Sechser zu decken. So stand allerdings die Verlagerungsoption über den spielstarken Torwart Gersbeck offen, Paderborn konnte quasi keinen Druck auf die Innenverteidiger erzeugen.

VfL Osnabrück - SC Paderborn Def 2
Anspiel in den offenen Halbraum

Sobald sich nach einer der vielen Verlagerungen ein Passweg nach vorne ergab, wurde dieser sofort flach genutzt. Angepeilt wurden dabei die Halbräume neben dem Sechser, die praktischer Weise die nominelle Lücke einer jeden 4-1-3-2-Staffelung darstellen. Da die Osnabrücker 2-4-4-Struktur diese Räume auch nicht besetzte, musste Präsenz durch Zurückfallen der Stürmer, oder häufiger, der Flügelspieler geschaffen werden.

Dem aufmerksamen Leser mag bereits auffallen, dass dieser Ablauf große Ähnlichkeiten mit dem Paderborner Spielaufbau zu Anfang der Rückrunde hat. Und, nun ja, es hatte seinen Grund, warum man davon Abstand nahm. Durch die hohe Geschwindigkeit der Bewegung und die schlechte Orientierung (halt einfach in die falsche Richtung) lassen sich kaum vernünftige Anschlussoptionen nach vorne finden, zumal der Außenverteidiger im Rücken ein etwaiges Aufdrehen enorm erschwert.

Es bleiben also nur noch die Optionen, eine Ablage nach hinten, oder eine etwas unkontrollierte Verlängerung in den eigenen Rücken (nach innen zu den Stürmern) zu spielen. Da ersteres durch die sehr tiefen Positionen der Mitspieler und die wenigen proaktiven Bewegungen in den Raum (vor allem der Sechser) wenig produktiv war, wurde meist zu letzterem gegriffen. So kam man zwar zu zwei Chancen, meistens aber geriet der unkontrollierte Ball aber nicht zu einem Mitspieler, sondern konnte komfortabel von einem Paderborner aufgenommen werden.

Während ich, auch während des Spiels, schon voll des Lobes war, geschah etwas Unerwartetes. Da sich Paderborn bei einem Abstoß nicht schnell genug korrekt formieren konnte, war Krasniqi zwischen Michel und dem noch innen befindlichen Klement mit viel Platz zum Aufdrehen anspielbar. Ritter, der diesen Raum eigentlich besetzt, hatte gleichzeitig die breite Position Klements eingenommen.

VfL Osnabrück - SC Paderborn Krauße
Die Entstehung des Paderborner Führungstreffers

Gersbeck sah dies und führte schnell den Pass auf seinen Sechser aus… soweit eine perfekte Entscheidung. Krasniqi allerdings schien noch nicht bereit für den Pass, nahm ihn mit dem Rücken zum gegnerischen Tor an und ließ ihn zudem weit prallen. Von nicht nur einem, sondern gleich zwei Pressingsignalen auf einmal getriggert, sprintete N’Golo Krauße von seiner Position vor der Abwehr los, attackierte Krasniqi und konnte zuletzt dessen, ebenfalls verunglückten, Rückpass unmittelbar vor dem Osnabrücker Strafraum gewinnen und sicher einschieben.

Dieses Tor stellte einen Wirkungstreffer dar. Osnabrück verlor schlagartig den Glauben an einen flachen Spielaufbau und griff stattdessen zunehmend auf lange Bälle zurück. Diese wurden von Iyoha, mit 1,93m unfassbar groß für einen Flügelspieler, zwar gut verarbeitet, haben über 50 Meter geschlagen aber nicht die Erfolgsstabilität eines Flachpasses.

Was soll man zur Paderborner Offensive noch groß schreiben?

Osnabrück konnte sich dem Paderborner Offensivspiel anfangs noch mit Mannorientierungen erwehren, wurde dann aber zunehmend ein Opfer der selbigen. Das Zentrum wurde erneut von Klement überladen und beherrscht, die Osnabrücker Innenverteidiger verfolgten Michel und Tietz auf Schritt und Tritt.

Ok, man könnte jetzt anmerken, dass Tietz sich nicht allzu viel bewegt… Michel aber öffnete durch seine horizontalen, vertikalen, diagonalen, orthogonalen, pyramidalen und was-auch-immer-„alen“ Bewegungen Räume und Schnittstellen nach Belieben. Beobachtet während eines Spiels einfach mal genau, was Michel macht, das ist deutlich spaßiger, als eine meinerseitige Aufzählung hunderter verschiedener Szenen.

Spätestens mit dem dritten Tor ging Osnabrück neben dem Glauben in sein Offensiv- auch die Lust am Defensivspiel verloren. Die Flügelspieler liefen nicht mehr zurück, die Sechser verschoben nicht mehr aktiv genug, Paderborn verlegte seine Dominanz aus dem Mittelfeld direkt vor die VfL-Abwehr. Jimmy rückte immer wieder mit Tempo in den Rückraum ein und konnte auch nach seinen beiden, auf diese Art und Weise erzielten Toren für Gefahr sorgen.

Kurz und knapp: (Qualität+System)*Form = Schützenfest

Fazit

Paderborn befindet sich nicht mehr im Aufstiegsrennen, sondern (nur noch) auf Rekordjagd. Nachdem der Torrekord für drei aufeinanderfolgende Spiele, wie oben erwähnt, bereits gebrochen wurde, werden wohl auch die ewigen Drittliga-Rekorde der Zeit ohne Gegentor, und der insgesamt geschossenen Tore gegen Unterhaching fallen.

Mit etwas Glück (und Dotchev) werden an diesem kommenden, viertletzten Spieltag nicht nur diese Rekorde gefeiert, sondern auch das, wovon schon die gesamte Saison geträumt wird: Der Aufstieg.

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