Die Kunst des Sieges

Am 37. Spieltag stand für den SC Paderborn das letzte Heimspiel dieser überragenden Saison an. Dass es sich dabei nicht um ein lockeres Auslaufen, sondern um ein Spiel auf Topniveau handeln würde, wurde nicht erst durch Baumgarts Ernsthaftigkeit auf der Pressekonferenz, sondern bereits mit Blick auf den Gegner klar.

Zu Gast war nämlich eine der zwei Mannschaften, deren Ligazugehörigkeit nocht nicht klar war. Wehen Wiesbaden kämpfte nach einer starken Saison (und vor allem Hinrunde) noch mit dem Paderborner Gegner der Vorwoche, dem Karlsruher SC, um den Relegationplatz.

Dieser Relevanz entsprechend entwickelte sich ein hochintensives und spannendes Spiel. Wiesbaden kämpfte um seine letzte Chance, den Rückstand auf Karlsruhe aufzuholen und kam in der ersten Halbzeit zu den besseren Torgelegenheiten. Dennoch kontrollierte Paderborn das Spiel mit mehr Ballbesitz und gutem Pressing; Qualitäten, die sich zur Beginn der zweiten Halbzeit auszahlen sollten.

Mit einem Doppelschlag innerhalb von zwei Minuten zwang man Wehen dazu, mehr Spieler nach vorne zu werfen. Eine Methode, die zwar im Anschlusstreffer resultierte, Paderborn aber unglaubliche Räume im Konter gab. Während man vorne nicht zu klaren Torchancen kam, und viele Angriffe ungeschickt verschenkte, wurde der Tanz auf Messers Schneide in der 86. Minute endgültig beendet. Ein langer Ball auf den durchstartenden Jimmy ließ die letzten Aufstiegsträume platzen.

Für Wehen Wiesbaden steht somit nach einer guten Saison nur der 4. Platz. Eine Position, die nicht nur in Anbetracht der zweitbesten Offensive der Liga und im Vergleich zu Karlsruhe deutlich besseren Tordifferenz schmerzt. Auch die Erkenntnis, dass die kurze Schwächephase vom 31. bis 35. Spieltag genau in den Lauf der Konkurrenz fiel, ist unglücklich.

Letztendlich illustriert der Nichtaufstieg des SV Wehen nicht das eigene Unvermögen, sondern die unglaubliche Konstanz des Spitzenduos der Liga. Während 65 Punkte mit einem ausstehenden Spiel in der vergangenen Saison noch die Meisterschaft möglich gemacht hätten, weist der 1.FC Magdeburg diese Saison bereits 17 Punkte Vorsprung auf, während auch der SCP eine der besten Drittliga-Saisons aller Zeiten spielt.

Die Partie strotzte nicht vor großen taktischen Ideen, war kein meisterhaftes Schachspiel, zeigte dafür aber umso besser, was den SC Paderborn, auch im Vergleich zum nun gescheiterten Aufstiegskonkurrenten, auszeichnet.

Ehre, wem Ehre gebürt

SC Paderborn - SV Wehen Wiesbaden

Der SVWW trat im Entscheidungsspiel nahezu in Stammbesetzung an. Aus der vermeintlich ersten Elf fanden sich lediglich Andrist und Ruprecht auf der Bank wieder, während auch Lorch, im vergangenen Spiel für den angeschlagenen Schäffler agierend, ersetzt wurde. In die Startformation kamen, neben dem bereits erwähnten Topstürmer. noch Brandstetter und Dams. Mit diesem Personal formierte die Mannschaft von Trainer Rüdiger Rehm in ihrer gewohnt klaren 4-4-2-Aufstellung.

Mehr Abwechslung gab es unterdessen bei den Gastgebern zu sehen. In Abwesenheit von Topstürmer Sven Michel, der neben der Trainerbank und somit, aus irgendeinem Grund, nicht im Innenraum saß, wurde die Sturmspitze von Ben Zolinski besetzt. Weiter hinten wurde Ratajczak für sein professionelles Verhalten und Auftreten als Ersatztorwart mit einem Startelfeinsatz belohnt.

Ebenfalls wurde Marc Vucinovic, nach fünf Jahren beim Verein, in denen er 3 Ab-, und nun auch zwei Aufstiege mitgemacht hatte, den SCP zum Bundesligaaufstieg schoss und in jeder der drei Ligen traf, mit einem Startelfeinsatz in der Rechtsverteidigung verabschiedet. Die Rolle, die er nach langer Verletzung und sportlich schwieriger Zeit, immer noch in der Mannschaft spielte, wird in den Aussagen aller Beteiligten deutlich. Vuci wird fehlen.

Ein Spiegelbild der Saison

Die Partie war, wie gesagt, hochintensiv und interessant. Letzteres leider weniger für einen längerfristigen Beobachter beider Mannschaften. Sowohl beim SV Wehen, als auch beim SC Paderborn liegt ein klares Muster, ein klarer Plan, eine klare Idee von Fußball vor. Vor allem auf Wiesbadener Seite blieb diese seit der Hinrunde (und somit dem Hinspiel) weitestgehend unverändert.

Angriffe werden, insofern das von der Doppelsechs besetzte Zentrum zugestellt ist, vor allem über lange Bälle ins Sturmzentrum eingeleitet. Dort versuchen Schäffer, Brandstetter und der oftmals einrückende Dittgen den ersten Ball zu gewinnen, während Andrich frühzeitig seine tiefe Position verlässt und auf zweite Bälle spekuliert. Sobald der Ball behauptet ist, erfolgt eine Verlagerung auf die rechte Seite, wo RB-Leihgabe und Herzenbruch-Nemesis Diawusie breit bleibt. Bei Anspiel auf den Flügel bewegt sich Außenverteidiger Kuhn unmittelbar nach vorne, um Diawusie zu überlaufen und den gegnerischen Außenverteidiger vor ein Dilemma zu stellen.

In der Defensive staffelt sich Wehen in einem klaren 4-4-2, das verhältnismäßig hoch angelegt ist. Aus dieser Positionierung werden Gegenspieler ballnah enger gedeckt, während die Orientierung ballfern an der Kompaktheit des eigenen Blocks erfolgt. Sobald ein Pass in diesen hinein gelingt, zeiht man sich schnell zusammen und kann so Ballgewinne forcieren.

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Paderborn spielte dagegen seinen Rückrunden-Schuh runter und hatte keine größeren Überraschungen in petto. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen kann das Spiel als Musterbeispiel für strategische, taktische und menschliche Elemente dienen, die diese Paderborner Saison auszeichnen

Spielzeit als Auftrag

Der Fakt, dass Ratajczak und Vucinovic zum Einsatz kamen, spricht vom großen Respekt, den das Trainerteam seinen Spielern entgegenbringt. Gleichzeitig ist Spielzeit beim SCP immer auch eine Mission, ein Auftrag, Leistung zu bringen, ein Auftrag, zu laufen, zu arbeiten und nicht zuletzt, mutig mit dem Ball zu spielen.

Über die gesamte Saison hinweg finden sich so kaum Spiele, in denen auch nur ein einziger Spieler nicht bis zur Ermüdung arbeitete. Die Prinzipien des Paderborner Spiels und insbesondere das aggressive und kraftraubende Pressing werden bedingungslos und bis zur Ermüdung durchgezogen.

Aggro-Pressing

Wie ernst die Paderborner ihren Pressing-Auftrag nehmen, wird durch die extrem riskanten taktischen Mittel deutlich, die zu dessen Umsetzung vonnöten sind. Der direkte Zugriff auf Gegner und Ball ist so wichtig, dass die Absicherung im Verlaufe der Saison öfter hinten über fiel. Die wohl krasseste (taktische) Anwendung dieser Prinzipien wird bei Angriffen über den Flügel klar:

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So sollten die beiden Paderborner Flügelspieler bei Pässen zwischen den Innenverteidigern eben diese anlaufen, während sie die Außenverteidiger in ihren Deckungschatten stellen. Wenn dem Gegner dennoch der Pass auf die Außen gelang, so musste der jeweilige Außenverteidiger seinen Gegenspieler stehen lassen und auf den Gegner herauspressen. Wenn dies auch nicht gelingt und der Longline Pass am Flügel gespielt werden kann, schiebt der ballnahe Innenverteidiger weit heraus, wenn dieser überspielt wird, folgt noch der ballferne.

In der gesamten Folge wird gar nicht in Betracht gezogen, den Gegner einfach nur zu stellen, gar nicht daran gedacht, auf Sicherung zu gehen. Dass am Ende ein einzelner Spieler das Zentrum gegen drei Gegner verteidigen muss, ist eine Gefahr, die billigend in Kauf genommen wird, um den Ballgewinn zu erzwingen.

Der pure Wille wird absolut von Robin Krauße verkörpert. Sein Pressinglauf inklusive Flug-Grätsche auf den Wehener Torwart Kolke stellt ein Musterbeispiel für die Spielweise dar, der Applaus war ebenso verdient wie die gelbe Karte.

Fitness

Die Bedeutung von Körperlichkeit und Laufvermögen wird von Betrachter zu Betrachter unterschiedlich bewertet. Gerade in meinen Trainererfahrungen im Jugend- und Amateurfußball wurde mir zuletzt zunehmend deutlich, dass Fitness, (oder sollte man besser sagen, spezifische Fußball-Fitness?) einen riesigen Stellenwert einnimmt.

Nach Raymond Verheijen, einem der bedeutsamsten Sportwissenschaftler und Fitnesstrainer des Fußballs, setzt sich die Fitness aus vier Komponenten zusammen:

  1. Qualität der Aktionen (Wie gut kann ein Spieler passen, flanken, schießen, sich freilaufen…?)
  2. Frequenz der Aktionen (Wie häufig, wie schnell nacheinander…?)
  3. Beibehaltung der Qualität (Wie lange kann ein Spieler gute Aktionen ausführen? Wie sehr fällt die Qualität ab?)
  4. Beibehaltung der Frequenz (Wie lange kann ein Spieler die Frequenz seiner Aktionen beibehalten? Wie sehr fällt diese ab?)

Wenn man Fitness auf diese Art und Weise versteht, wird klar, dass sie untrennbar von Technik und Taktik ist, da diese nur dann ihre Wirkung entfalten können, wenn die notwendigen Aktionen körperlich ausgeführt werden können

Worauf Ich mit diesem Exkurs hinaus will, ist ganz einfach. Paderborn gelingt es, sein Spiel lange Zeit in höchstem Tempo durchzuziehen. Während andere Mannschaften sich lediglich für 15 Minuten im Angriffspressing betätigen, um sich danach zu schonen, so ist dieses für den SCP der Normalzustand.

Natürlich bricht die Qualität und Häufigkeit der Aktionen zum Schluss des Spiels etwas ein. Auch gegen Wehen wurden in den letzten zehn Minuten Läufe im Rückwärtspressing und Konter nicht mehr in höchstem Tempo und gewohnter Frequenz angesetzt. Im Vergleich zu den Gästen aus Wiesbaden, die über die gesamte Spielzeit ein weniger aggressives Auftreten zeigten, schien dennoch mehr Kraft übrig zu sein.

In Verbindung mit dem recht geringen Maß an Rotation und der geringen Zahl an Verletzung muss man Steffen Baumgart und seinem Trainerteam ein überragendes Zeugnis im Bereich der Trainings- und Belastungssteuerung ausstellen.

Teamgefühl

Einer der Hauptgründe für Leistungen im Teamsport ist die extrinsische Motivation durch das Team. Je besser dieses funktioniert, je besser sich die Spieler verstehen und gegenseitig antreiben, desto größer ist der Effekt. Dies ist aktuell auch beim SCP zu sehen: nicht nur äußerten sich in den vergangenen Wochen einige Spieler in diese Richtung, sprachen „von der besten Mannschaft, in der sie je gespielt haben“, nein, auch Kommunikation und Verhalten auf dem Rasen unterstützen diese Aussagen deutlich

Individualität

Dennoch besteht Fußball nicht nur aus Mannschaften. Ein jedes Team lebt von den Qualitäten seiner Einzelspieler. Bei einigen war diese bereits vor der Saison ausgeprägt: Zingerle, Ritter, Klement und Michel beispielsweise zeigten bereits in ihren ersten Saisonspielen konstant starke Leistungen. Noch hinzu kommen überragende Entwicklungen vieler einzelner Spieler:

Sebastian Schonlau wurde vom defensiven Mittelfeldspieler zum Innenverteidiger umfunktioniert und entwickelte sein Spiel dort stets weiter, auf verbessertes Kopfballspiel folgte gutes Stellungspiel folgten gute Vertikalpässe folgten gute Dribblings. Aus einem hüftsteifen und fast schon vergessenen Eigengewächs wurde ein (für Drittligaverhältnisse) kompletter Innenverteidiger.

Schonlau stellt neben seiner Entwicklung auch ein perfektes Beispiel für die Art und Weise dar, wie Spieler mit all ihren Stärken und Schwächen im System eingebunden werden, ohne dass dabei ein allzu großes Augenmerk auf vermeintlich besten Positionen liegt. Schonlau war kein Innen-, Boeder kein Außenverteidiger, Zolinki agierte in den letzten Jahren öfter als Rechtsverteidiger denn als Flügelspieler und wird nun als Stürmer eingesetzt, Phillip Klement hat seine ganze Karriere im Zentrum gespielt, um nun (zumindest nominell) den Flügel zu beackern.

Flexibilität

Letzterer stellt ein Musterbeispiel für meinen letzten Punkt dar. Die Paderborner Spieler sind keine Maschinen, die nur Befehle und taktische Anweisungen befolgen. Mehr als jede andere Mannschaft, die Ich bei unserem Verein erleben durfte, suchen und finden die Spieler eigeninitiativ und eigenverantwortlich Lösungen.

Gegen Wiesbaden war es Klement, der mir diesbezüglich am meisten auffiel. In der Anfangsphase wurden seine Bewegungen in den präferierten rechten Halbraum eng vom Wehener Mintzel verfolgt. Dies bemerkend, testete Klement die Reaktion des Verteidigers auf verschiedene Positionierungen.

So konnte er herausfinden, dass er nicht mehr verfolgt wurde, wenn er sich horizontal oder vertikal weit aus dessen Zuständigkeitsbereich entfernte. Klement bewegte sich also entweder weit nach links, um dort eine Überzahl herzustellen, oder an die rechte Seitenlinie, wo er für Verlagerungen zu Verfügung stand.

Fazit

Ich bin begeistert von dieser Mannschaft. Auch wenn makrotaktische Offenbarungen ausbleiben, gibt es viele verschiedene Teilaspekte, die den in Paderborn stattfindenden Prozess auszeichnen. Diese zu bewahren, auch wenn die Gegenwehr in der nächsten Saison, in der zweiten Liga größer wird, wäre die größtmögliche Auszeichnung für Steffen Baumgart, Markus Krösche, das Trainerteam und die sportliche Leitung, wie auch für den gesamten Verein

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