„Defensive sieht anders aus“

Das letzte Ligaspiel stand für den SCP bei der Kölner Fortuna an. Nachdem diese noch eine sehrstarke Hinrunde bestritt und auch gut in die Rückrunde startete, erfolgte in den letzten Wochen ein deutlicher Einbruch. Schlechten Ergebnissen in der Liga folgte das peinliche Ausscheiden im Mittelrhein-Pokal gegen den Stadtrivalen Viktoria Köln.

Die große Unzufriedenheit im Verein, unlängst von Trainer Uwe Koschinat geäußert, ist in Anbetracht des Saisonverlaufs zwar verständlich, vernebelt aber etwas den Blick darauf, dass der Erfolg der Hinrunde in keinster Weise nachhaltig war.

Bereits in der Analyse des Hinspiels, eines 3:1-Siegs des SCP, kritisierte ich das Kölner Defensivverhalten scharf. Die Reaktion auf die eigenen Mängel, welche ich in der Winterpause erwartet hätte, blieb in der Kölner Euphorie aus. Die Schwächen blieben unverändert bestehen, brachten der Fortuna eine Vielzahl an Gegentoren und kosteten ihr folglich Punkte. Das Spiel gegen die beste Offensive der Liga stellte keine Ausnahme, sondern lediglich ein weiteres Anschauungsbeispiel dar.

Mannschaftsaufstellungen

Fortuna Köln - SC Paderborn
Startaufstellungen

Die Unzufriedenheit mit den aktuellen Leistungen wirkte sich bei Fortuna insbesondere auf die Startaufstellung aus. Im Vergleich zur 0:1-Niederlage in Zwickau erfolgten ganze 6 Wechsel. Neben Torjäger Keita-Ruel, der in den Sturm zurückkehrte und Zehner Kessel kam auch eine komplett neue (!) Viererkette ins Spiel. Dadurch, dass Rotation die Kommunikation in der Mannschaft schwächt und die Probleme ohnehin kollektiver Natur waren, sollte sich diese Maßnahme nicht auszahlen – ganz im Gegenteil.

Paderborn wechselte im Vergleich zum letzten Heimspiel auf zwei Positionen. Michel kehrte nach abgesessener Gelbsperre in die Startformation zurück, während auch Vucinovic, der sein Abschiedsspiel gab, von Boeder ersetzt wurde. Im Tor fand sich abermals Ratajczak wieder, sodass Leopold Zingerle seine weiße Weste in die nächste Saison trägt.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Spiele wie diese werden immer als Höhepunkt der Fußball-Unterhaltung dargestellt. Offensive, schnelle Angriffe, viele Tore. Als Taktikblogger und vor allem als Trainer muss ich differenzieren. Auch wenn torreiche Partien als untaktisch gefeiert werden, sind sie meistens das Gegenteil. Wie ich in diesem Blog am Beispiel des SCP zu begründen versuche, folgen Torerfolge meist aus den taktischen Rahmenbedingungen, aus Vorteilen, die sich die Teams durch bessere Staffelung, Orientierung und Kommunikation verschaffen.

Auch in dieser Partie wäre es falsch, die taktische Dimension kleinzureden. Die Vielzahl an Treffern ist vielmehr ein Resultat der systematischen Bankrotterklärung der Kölner, sowie einer ungünstigen Spieldynamik, die Paderborner Schwächen schonungslos aufdeckte.

Aber beginnen wir mit dem Gastgeber.

Kölns Defensivstrategie zu charakterisieren, ist nicht ganz trivial. Die Orientierung erfolgt weder konstant an einem direkten Gegenspieler, noch an möglichen Passoptionen oder offenem Raum. Vielmehr wirkt es so, als sollten sich die Spieler auf vorgegebene Positionen zu begeben, um sehr nahe Gegenspieler aufzunehmen.

Fortuna Köln - SC Paderborn Off1
Schematische Situation im Kölner Mittelfeldpressing: große Abstände, merkwürdige Positionierungen, (im Standbild nicht zu sehen) keine Intensität im Pressing auch bei Anspielen in den Block. Auf Paderborner Seite ist vor allem die Positionierung Kraußes als tiefster Mittelfeldspieler interessant. Nach links verschoben ermöglicht er Schonlaus weiträumiges Andribbeln.

Mit der nötigen Kompaktheit in der Grundordnung und einer individuell hohen Intensität im Zugriff, könnte eine solche Strategie durchaus Früchte tragen, Köln allerdings schien sich beider Aspekte in keinster Weise bewusst zu sein. Dies führte dazu, dass Paderborn keine Probleme hatte, das Mittelfeldpressing aufzulösen und ins Angriffsdrittel zu spielen.

Durch das Überspielen des „Pressings“ zum Rückzug gezwungen, wusste Köln abermals zu überraschen. Obwohl die eigenen Spieler sich im initialen Mittelfeldpressing relativ nah aneinander befanden, suchte man wenige Sekunden später und nur zehn Meter weiter hinten vergeblich nach Flügelspielern, Zehner und Stürmer. Anstelle den Raum zu verknappen, den Paderborn vor dem Strafraum fand, blieben sie gemütlich in höheren Positionen stehen.

Fortuna Köln - SC Paderborn Off2
Ritter kann unbedrängt auf Abwehr zudribbeln

Dass es eventuell nicht die allerbeste Idee ist, Ritter oder Klement unbedrängt auf die eigene Abwehr zulaufen zu lassen, mussten schon andere Teams spüren. Nachdem sie dien Ball im Halbraum erhalten und das Pressing überspielen konnten, fanden sich die beiden dennoch ein ums andere Mal in solchen Situationen. Bereits in der ersten Halbzeit kam Paderborn auf diese Art und Weise zu einigen Halbchancen, um in der zweiten Hälfte in Person von Ritter Kapital zu schlagen. (Doppelpass mit Tietz)

Falls der Weg durch den Halbraum durch einen der beiden Sechser versperrt wurde, bot sich Paderborn eine Ausweichoption. Da (remember, remember…) die Kölner Flügelspieler hoch blieben, war der rechts allein breitengebende Boeder eigentlich immer frei in einer hohen Position anspielbar. Auf Höhe des Strafraums befindlich konnte er frühe Flanken ansetzte, ohne zuvor ins Dribbling zu müssen.

Flanken aus einer solchen, etwas zurückgezogenen Positionen wurden durch statistische Analysen hinlänglich als ineffizient bewiesen. Für einen gut eingestellten Gegner besteht durch die kaum ein Problem, da sie gut einschätzbar und, vor allem im Vergleich zu Cutbacks, scharfen Rücklagen von der Grundlinie, schlichtweg langsam sind.

Der Grund, warum eine solche Flanke nicht nur zur Führung, sondern noch zu diversen weiteren Chancen führte, ist ein abermals vernichtendes Testament der Defensivtaktik.

Üblicherweise wird die Abwehrkette dazu angehalten, den sogenannten „Trichter“ zu beachten. Dieses Bild soll die maximale Breite in der man, abhängig von der Entfernung zum eigenen Tor verteidigt illustrieren. Besipielsweise ist im Angriffspressing in der gegnerischen Hälfte die gesamte Feldbreite zugelassen, sodass die Außenverteidiger vorstoßen und das Pressing unterstützen können, während man sich am eigenen Strafraum auf dessen Breite beschränkt.

Falls man sich in Erwartung einer Flanke in diesen zurückziehen muss, ballen sich die Verteidiger auf verschiedenen Höhen im Fünfmeterraum, der Flankengeber soll zumeist vom eigenen Flügelspieler, Sechser, oder seltener, Achter unter Druck gesetzt werden.

Köln ignorierte dieses Prinzip konsequent. Während die reduzierte Breite bei nahezu allen Flanken missachtet wurde (Beachtung erfolgte wahrscheinlich aus Versehen), und die Kette sich über den gesamten Strafraum und noch viel weiter streckte, ließ auch die Geschlossenheit in der Rückwärtsbewegung zu wünschen übrig.

Na gut, die Flügelspieler waren raus, die Sechser mittig gebraucht. In diesem Notfall ist die übliche Reaktion den jeweiligen Außenverteidiger hinaus rücken zu lassen, was Fortuna auch tat. Das Problem besteht nun darin, dass man einen Mann weniger im Zentrum hat. Da man noch den rechten Außenverteidiger und zwei nahe Sechser zur Verfügung hat, sollte dies aber kein Problem darstellen, oder? Oder?

Unbenannt
Entstehung des ersten Treffers

Ähnlich wie die Offensivspieler nach Überspielen der ersten Pressingphase abgeworfen wurden, fühlten sich nun die beiden Sechser, sowie hier auch der ballferne AV nicht verantwortlich für die Verteidigung des eigenen Tores. Ergebnis: Flanke, Ritter, Tor.

Trotz aller Kritik muss man Fortuna in einigen Teilaspekten sie Schuld absprechen. Das Angriffspressing an der Außenbahn funktionierte ebenso wie das Durchsichern bei seitlichem Mittelfeldpressing ganz passabel. Zudem hatte auch der SCP defensive Probleme, die unter anderem dem hohen Spieltempo mit seiner Vielzahl an Kontern und Gegenkontern geschuldet war. Für eben diese sollte es sich auszahlen, dass Fortuna drei bis vier Spieler hatte, die sich nicht am tiefen Verteidigen beteiligen mussten…

Leerlauf

Nach Ballgewinn hatte man nämlich unmittelbar mehrere tiefe Anspielstationen, die in dieser Zahl nicht stabil zu verteidigen sind. Auch wenn der SCP fünf Spieler hinter dem Ball hielt, ist der zu verteidigende raum einfach zu riesig. Die beste Chance besteht im Verzögern des Gegners, während man sich selbst zurückzieht und hofft, von zurückkommenden Mitspielern unterstützt zu werden.

Innerhalb weniger Sekunden bewegte sich das Spiel von einem Strafraum zum anderen, die zuvor höchsten Spieler hatten gar keine Chance, zu unterstützen, da die Wege schlichtweg zu weit waren. Noch krasser wurde es, wenn Paderborn schnell der Wiedergewinn des Balls gelang und zum Gegenkonter angesetzt wurde.

Das Spiel wurde zwar schneller und schneller, die Kraft und damit Qualität in den einzelnen Aktionen nahm aber rapide ab, sodass es nicht wirklich zu guten Chancen kam. Das Spiel drehte im Leerlauf.

Alte Probleme neu verpackt

Der Spielrhythmus führte dennoch dazu, dass Paderborns bekannte Schwachstellen im Defensivspiel stärker zum Tragen kamen. Mit weniger Absicherung und Kompaktheit wurde die Überaggressivität im Vorwärtsverteidigen zur Achillesferse.

Im ersten Gegentor war dies sehr anschaulich. Als Köln den Angriff am linken Flügel startete, schoben Ritter und Jimmy nicht genügend ins Zentrum ein. Sobald Krauße ebenfalls herausrückte und ebenso wie Klement den Zweikampf verlor, war der Raum vor der Abwehr weit offen.

Das Anspiel ins Zentrum konnte ebenso verhindert werden wie die Steil-Klatsch Kombination, aufgrund derer Strohdiek herausrückte und Raum in seinem Rücken öffnen musste. Dieser Raum, diese Schnittstelle konnte durch einen stark getimten Tiefenlauf von Keita-Ruel, mit dem Paderborn nicht zu Unrecht in Verbindung gebracht wurde, zum Ausgleich genutzt werden.

Ein wenig mehr Zurückhaltung und Ruhe wäre in ähnlichen, wenig kompakten Situationen erstrebenswert und ausbaufähig.

(An dieser Stelle soll das erneut starke Paderborner Angriffspressing nicht unerwähnt bleiben. Gerade auf die Kölner Außenverteidiger reagierte amn mit enorm frühem, hohen Aufrücken von Collins und Boeder. So konnte man nicht nur immer Druck erzeugen, sondern auch die diagonale Passoption schließen und hatte zudem eine lokale Überzahl, wenn der Ball gewonnen wurde.)

Fazit

Paderborn liefert zum Abschluss dieser großartigen Saison ein, zumindest offensiv, tolles Spiel mit gewohnten Stärken und wieder aufgedeckten. Die Partie kann als Anschauungsmaterial nicht nur für de SCP, sondern auch für die Kölner Fortuna dienen, die sich abermals nicht mit Ruhm bekleckerte.

Letztendlich reichte dieser Sieg auch nicht zum Gewinn der erhofften Meisterschaft, da Magdeburg in (überspitzt gesagt) letzter Sekunde einen Sieg im Parallelspiel einfahren konnte.

Ein Spiel, eine Titelchance steht noch aus. Obwohl ich live beim Pokalfinale sein werde, kommt vermutlich keine Analyse dieses Spiels. Wer dennoch ein Gespräch führen oder mir eine Cola ausgeben möchte, kann sich einfach bei mir melden…

Auf diesem Block ist die Saison dennoch nicht vorbei. Über die Sommerpause werden noch eine Zusammenfassung meiner eigenen sowie eine Analyse der Paderborner Saison, das ein oder andere Spielerporträt und nicht zuletzt weitere Artikel ohne direkten SCP-Bezug folgen.

Falls es von eurer Seite noch Wünsche oder Anmerkungen gibt, so äußert diese gerne über Twitter (@JanGHartel) oder direkt in den WordPress-Kommentaren.

 

Ein Kommentar zu „„Defensive sieht anders aus“

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