Lazarus

Vor einem Jahr war der SCP ein Verein in Trümmern. Zum dritten Mal in Folge abgestiegen, von der Bundesliga bis in die Regionalliga durchgereicht, hatte der Verein innerhalb von drei Jahren nicht nur seine sportliche Identität verloren, sondern auch seine Fans mit überzogenen Ticketpreisen vergrault und die kürzlich gewonnene wirtschaftliche Stabilität geopfert.

Der Zwangsabstieg der Münchner Löwen war für den SC Paderborn ein Geschenk des Himmels. Statt der wirtschaftlichen wie sportlichen Insolvenz der Viertklassigkeit, konnte der Neuaufbau zumindest in der dritten Liga angegangen werden.

Ein Jahr später ist der SC Paderborn Tabellenzweiter und somit Aufsteiger der Liga, hat alle Startrekorde gebrochen, Bestwerte an geschossenen Toren und aufeinanderfolgenden Spielen ohne Gegentor aufgestellt. Nach einem langen Niedergang spielte der SC Paderborn die drittbeste Saison der Drittligageschichte, rückte im DFB-Pokal bis ins Viertelfinale vor und siegte im Westfalenpokal.

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Dieser Artikel soll dazu dienen, die handelnden Personen, Spieler und Verantwortlichen zu würdigen, sowie eine taktische Erklärung für die Stärke des SCP zu liefern.

Warnung!

Ich erwarte nicht, dass irgendjemand diesen Artikel am Stück liest. Der Artikel ist in vielen Dutzend Stunden (reiner Schreib-)Arbeit entstanden und bewegt sich in seiner Länge von gut 10 000 Worten und teilweise umständlicher Sprache an der Grenze zu einer Doktorarbeit (ok, zumindest Mediziner-Doktor). Meine Empfehlung wäre, den Text in einem Tab offen zu halten und über mehrere Sitzungen verteilt zu lesen.

Viel Spaß und gutes Gelingen!

Kader

Jedes Lob, dass in der Folge einzelnen Spielern zuteil wird, kann und sollte gleichzeitig auch als Kompliment an die gesamte Mannschaft und das Trainerteam verstanden werden. Auch wenn dieses Verständnis in der Medienlandschaft vorherrscht, ist Qualität nicht absolut, keine festgeschriebenen Ziffer, die über dem Kopf der Spieler schwebt.

Jeder Fußballer hat eine eigene Persönlichkeit und ein breites Portfolio an Aktionen, die er mehr oder weniger gut ausführen kann, und vor allem mehr oder weniger häufig ausführen will. Zwei Spieler mit den selben Fähigkeiten können sich auf dem Platz grundverschieden verhalten, da sie andere Präferenzen und Angewohnheiten haben.

Jede erfolgreiche Mannschaft zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Einzelspieler gut eingebunden sind, dass Stärken zu ihrer vollen Ausprägung kommen während Schwächen kompensiert werden. Die Bewertung eines Spielers kann deshalb nur im komplexen Kontext einer Partie, unter Berücksichtigung von Mitspielern und Gegnern, Rolle und Umfeld erfolgen.

Die Bewertungen werden folglich weder mit Noten oder Ziffern erfolgen, noch sind sie pauschal oder allgemeingültig. Ein überragend guter Spieler kann bei einer anderen Mannschaft, in einem anderen System total versagen, während scheinbar schwache Spieler auftrumpfen können.

Schlüsselspieler

Es gibt einige Spieler in einer jeden Mannschaft, die einen größeren Anteil am Erfolg tragen oder einen stärkeren Unterschied zur Konkurrenz ausmachen. All diejenigen Spieler, ohne die der überragende Erfolg dieser Saison, also der Aufstieg, nicht möglich gewesen wäre, werden in der Folge als Schlüsselspieler bezeichnet und ausführlich vorgestellt.

Leopold Zingerle – TW

Kaum ein anderer Spieler in der dritten Liga wird so kontrovers behandelt, an kaum einem anderen spalten sich Meinungen und Berichterstattung so sehr. Sogar in den beschaulichen Fankreisen des SC Paderborn gibt es viele Kritiker des Stammtorwarts.

Der Grund für diese Kluft ist schnell gefunden. Zingerle ist ein sehr moderner Torwart, der das Spiel vornehmlich flach aufbauen möchte. Meist nur knapp hinter den weit auffächernden Innenverteidigern befindlich, bewegt er sich immer proaktiv und ballfordernd, wenn die Situation es bedarf, sogar weit auf den Flügel.

Seine Technik ist, vor allem für einen Torwart, vorbildlich. So spielt er nur selten mit dem ersten Kontakt, sondern nutzt diesen, um den Ball zu sichern und sich eine vorteilhafte Orientierung zu verschaffen. Auch vor der Annahme orientiert er sich gut und verschafft sich mit einem aktiven Umblickverhalten Übersicht.

Dennoch ist die Einschätzung gegnerischer Pressingläufe noch seine größte Schwäche. Während er ein vortreffliches Timing bei seitlichem Anlaufen zeigt, reagiert er manchmal überhastet, wenn ein Gegner im frontalen Pressing eine unerwartete Richtungsänderung vollführt. Entsprechende Situationen in deren Folge er den Ball blind nach vorne zu schlagen versuchte, führten zu den medienwirksamen Patzern der Saison.

Ansonsten lassen sich noch sehr positive Worte über sein Passspiel verlieren. Von langen Abschlägen über Flug- bis hin zu Chipbällen über gegnerische Linien kann er Optionen auf den ganzem Platz erreichen und gegnerisches Pressing in fast jeder Konstellation erfolgsstabil umspielen.

Defensiv kann sich Zingerle insbesondere durch schnelle Reflexe in Körpernähe und eine gute Reichweite auszeichnen, während Fangsicherheit und Strafraumbeherrschung noch mehr Aufmerksamkeit bedürfen.

Christian Strohdiek – IV

Christian Strohdiek ist als Eigengewächs, langjähriger Stammspieler und aktueller Kapitän der Mannschaft eine absolute Identifikationsfigur. Diesem Stellenwert wurde er, meines Erachtens, in den vergangenen Jahren nicht immer gerecht. Natürlich sind seine Kopfball- und Zweikampfstärke ebenso unbestritten wie seine Führungsqualitäten, die sich nicht zuletzt im aktiven Coaching seiner Mitspieler zeigen.

Nichtsdestotrotz war Strohdieks Spielweise immer mit viel Risiko verbunden. So treibt er den Ball gerne weit ins Mittelfeld, ohne passende Anschlussoptionen zu finden, presst überaggressiv aus der Abwehrkette heraus, ohne abgesichert zu werden, oder schießt aus großer Entfernung, ohne eine wirkliche Torchance zu haben.

Wie zu Beginn angeführt, hängt der Effekt solcher Charakteristika stark von der Einbindung ab. Neben dem Passpiel, das er in dieser Saison nicht nur in Bezug auf Passauswahl und Präzision verbessern, sondern auch um linienbrechende Flachpässe erweitern konnte, finden sich diese Elemente weiterhin in seinem Spiel wieder.

Auch in dieser Saison trägt Strohdiek den Ball weit nach vorne, überwindet dabei aber die erste gegnerische Linie und erhält anschließend Optionen über einstudierte Laufwege. Auch in dieser Saison ist er überaggressiv im Vorwärtspressing, diese Aktionen entsprechen aber dem Defensivverhalten der gesamten Mannschaft und fallen im höheren Tempo, das dem Gegner aufgezwungen werden kann, seltener ins Gewicht. Und auch in dieser Saison schießt er manchmal aus der Distanz, aber… nein, das ist einfach dämlich.

Seine Präferenzen sind nicht grundsätzlich verändert, sondern schlichtweg fokussierter und besser eingebunden in das Spielsystem der gesamten Mannschaft.

Sebastian Schonlau – IV

Die wahrscheinlich größte Überraschung der Saison. Als Sechser durchschritt Schonlau die Jugendmannschaften des SCP, um in den letzten Jahren immer mehr Einsatzzeit in der Profimannschaft zu erhalten. Der Sprung zum Stamm- geschweige denn Schlüsselspieler blieb ihm dennoch (zurecht) verwehrt.  Schonlau war im Mittelfeld sehr, sehr, sehr… unauffällig.

Er fiel weder als Balljäger, noch als Spielgestalter aus der Tiefe oder gar Nadelspieler auf. Sein Positionsspiel war recht vorsichtig und bestenfalls balancierend, sein Passspiel war wenig raumgreifend, seine Übersicht ließ ebenso wie seine Dribblingfähigkeit zu wünschen übrig. Und dennoch haben wir es nach dieser Saison mit einem Spieler zu tun der gerade aufgrund seines Passspiels, vor allem wegen seiner Dribblings, hauptsächlich wegen seines Stellungsspiels einer der besten Spieler der Liga ist.

Sebastian Schonlaus Entwicklung hat ursächlich mit einer simplen Entscheidung zu tun. Trainer Steffen Baumgart teilte ihm während der Vorbereitung mit, dass er als Innenverteidiger eingeplant sei. Schonlau zeigte sich von dieser Umschulung laut eigener Aussage überrascht, ging die Herausforderung aber offen an – Zum Glück.

In der Innenverteidigung kommt seine größte Schwäche, der Überblick über 360°, der im Mittelfeld ständig gefordert ist, weniger zur Geltung. Stattdessen kann er sich voll und ganz darauf konzentrieren, welche Optionen sich vor ihm eröffnen. Diese Vereinfachung der Wahrnehmung kam auch seiner Entscheidungsfindung bei Pässen zugute, die er  noch linienbrechender einsetzt als sein Abwehrpartner.

Zudem erfordert das Andribbeln aus der Abwehr weniger Richtungswechsel, ist weniger gegnerschlagend und stärker raumnutzend als Dribblings in höheren Zonen. Für Schonlau, dem die Agilität zuweilen abgeht, ein klarer Vorteil. Noch extremer als Strohdiek wägt er vor jeder Ballannahme den Raum ab, der ihm zu Verfügung steht und nutzt diesen unmittelbar mit einer weiträumigen Ballannahme und Andribbeln im höchsten Tempo.

Kleinere Schwächen zeigte Schonlau zu Beginn der Saison im Stellungsspiel, sehr aktives Coaching von Strohdiek und die hinzugewonnene Erfahrung leisten mittlerweile Abhilfe. Dass letztere auch in anderen Situationen fehlt, zeigte sich vor allem in der Entscheidung zwischen Vorwärtspressing und Zurückfallen (von wem soll er das auch lernen).

Robin Krauße – DM

14 gelbe Karten – es gibt vermutlich keine Worte, die Robin Kraußes Spiel so gut illustrieren wie diese Statistik. Allerdings lassen Karten Raum für Spekulationen zu, schließlich können diese aus Unsportlichkeiten, Schwalben, Zeitspiel, schnell ausgeführten Freistößen und noch vielem mehr resultieren. Nichts von alldem trifft auf Krauße zu. Er erhält seine Karten nämlich in der schönsten Form – nach Fouls.

Ob sie einen Konter verhindern, den Gegner beim Aufdrehen behindern oder der eigenen Mannschaft Zeit zur Reorganisation geben, Kraußes Fouls sind immer taktisch. Als einziger Sechser hinter Paderborns weiträumigen Angriffspressing muss er schließlich einen riesigen Raum alleine abdecken. Die Verwarnungen sind keine Undiszipliniertheit, sondern Kalkulation, trotz 14 gelber folgte nie eine rote Karte.

Wenn man das Paderborner Spiel genau betrachtet, erscheint die Menge an Verwarnungen fast schon als Kompliment. Vermutlich kein anderer Spieler kombiniert Zweikampfstärke und Dynamik so gut mit einem genauen Gespür für Pressingsignale, in Folge derer er seine tiefe Position schlagartig verlässt und den schlecht orientierten Gegner in einen Zweikampf verwickelt.

Zu Beginn der Saison war Kraußes Einfluss weitestgehend auf die Defensivphase beschränkt, während er offensiv nur wenige Ausrufezeichen setzen konnte. Seine tiefe Sechserrolle diente in Ballbesitz hauptsächlich zur Absicherung der vorrückenden Innenverteidiger.

Doch während das Paderborner System fort schritt, entwickelte sich auch Krauße. Neben einer stabileren Positionsfindung, bei der er sich öfter aus dem Deckungsschatten der Gegner lösen konnte, wurde er vor allem mutiger mit dem Ball am Fuß, und greift mittlerweile wie die Innenverteidiger geöffnete Räume mit hoher Dynamik an. Auch die Qualität seiner Flugbälle zur Spielverlagerung auf den Flügel nahm im Laufe des Jahres rapide zu.

Ironischerweise wird Krauße noch relativ häufig das zum Verhängnis, was er bei seinen Gegnern besonders ausnutzt. Orientierung und Körperhaltung sind zu häufig zum eigenen Tor gewandt, sodass er Gegenspieler in seinem Rücken außer Acht lässt. Wenn er sich bei der Ballannahme trotzdem aufdreht um Dynamik zu erzeugen, ist der Ballverlust vorprogrammiert.

Marlon Ritter – OM

Vorlagengeber und Torjäger, Filigrantechniker mit Gewaltschuss, Fußballprofi mit Rasenallergie…

Was soll man noch über Marlon Ritter sagen? Der Leihspieler von Fortuna Düsseldorf vereint scheinbare Gegensätze zu einem Gesamtpaket, das in der dritten Liga seinesgleichen sucht.

Er holt sich den Ball tief im Halbraum ab und trägt ihn durch gegnerische Linien nach vorne, wartet in der Schnittstelle des gegnerischen Mittelfelds darauf, dass der Ball zu ihm gespielt wird oder bewegt sich in Ballnähe, um als Kombinationspartner zu dienen. Unabhängig von der Position bleibt eines konstant – seine unbedingte Tororientierung.

Ritter denkt erst gar nicht darüber nach, den Ball zu sichern, um einen Angriff neu aufzubauen. Jede seiner Aktionen dient dazu, Torchancen zu kreieren. Was bei anderen Spielern eindimensional genannt würde, wird in Verbindung mit seinen Fähigkeiten so wertvoll.

Allen voran sind seine Tempodribblings zu nennen, bei denen er den Gegner erhobenen Hauptes nach einer Schwäche absucht, während er mit einer engen Ballführung am Spann und vielen kleinen Finten, und Chips über grätschende Verteidiger, Gegner aus dem Spiel nimmt. Sobald er eine Lücke in der gegnerischen Abwehr erkennt, wählt er den schnellsten Weg diese auszunutzen.

Entscheidend ist dabei die Dynamik, die er aus statischen Situationen erzeugen und für die Vollendung von Angriffen nutzen kann. So überläuft er seine Mitspieler nach Vertikalpässen mit voller Überzeugung oder läuft sich nach Steilpässen in den rechten Halbraum im linken frei.

Marlon Ritter ist zu gut, um nur ein Zahnrad im System zu sein. Und doch ist die betonte Individualität seine größte Schwäche. Seine Tororientierung nimmt dem Paderborner Spiel Verbindungen im Mittelfeld, seine Direktheit im Erarbeiten von Torchancen kann zu unvorteilhaften Staffelungen führen, wenn ein Mitspieler den angepeilten Raum bereits zuvor besetzte oder sich aus einer besseren Position in diesen hineinbewegt.

Andere Spieler müssen seine Wege freiräumen, die von ihm verwaisten Räume besetzten und Verbindungen im Spiel aufrechterhalten. Während dies in der Hinrunde schwer fiel, löste ein Mitspieler diese Aufgaben in der Rückrunde mit Bravour…

Philipp Klement – RM/ZM/OM

Der in der Winterpause vom Bundesligisten Mainz 05 verpflichtete Philipp Klement ist eine unauffällige Gestalt. Er ist weder trickreich noch kopfballstark, weder schnell noch kräftig. Und doch ist Klement individual- und mannschaftstaktisch, technisch und mental so spektakulär gut, dass sein Spitzname „Dirigent“ mehr als angemessen ist.

Symptomatisch für seine Qualität steht das Westfalenpokalfinale gegen den Regionalliga-Absteiger aus Erndtebrück. Während man bei den meisten Spielern keinen Klassenunterschied, sondern nur leichte Vorteile in Athletik und Handlungsschnelligkeit bemerken konnte, spielte Klement auf einem gänzlich anderen Niveau.

Seine enge Ballführung mit Innen- und Außenrist, seine Drehungen auf einer Nadelspitze und die daraus folgende Pressingresistenz, seine ständige Beobachtung von Mitspielern, Gegnern und den daraus resultierenden Räumen und Passoptionen, seine Spielverlagerungen und Schnittstellenpässe genau in den Lauf und auf den richtigen Fuß sowie, nicht zuletzt, sein leidend dreinblickendes Gesicht, erzeugen das Bild eines gequälten Genies.

Genie, das in Perfektionismus ausartet, wenn es um die Standardsituationen geht. Nachdem er den Ball so gezielt, genau und geradezu genüsslich wie möglich auf den Boden legt, erfolgt die Ausführung ebenso mustergülig. Anstelle Freistöße und Ecken auf direktem Wege zum Ziel zu bringen, verpasst Klement ihnen einen unglaublichen Topspin, der es erlaubt, Tempo und steile Flugkurve mit Präzision und Unberechenbarkeit zu verbinden.

Die Frage, warum ein solcher Fußballer sich dennoch in der dritten Liga oder sogar den Untiefen des deutschen Amateurfußballs herumtreiben muss, ist nicht leicht zu beantworten. Man könnte an dieser Stelle natürlich behaupten, dass beim FSV irgendetwas schief läuft, wenn Spieler wie Nigel de Jong und Danny Latza vorgezogen werden (und das tue ich), allerdings würde man so Klements Schwächen übersehen.

Während Marlon Ritter seine überragenden Fähigkeiten in einer extrem brachialen Spielweise zum Ausdruck bringt, ist Klement deutlich filigraner. Dynamik und Körperlichkeit, Elemente, die im Abstiegskampf gefordert werden (auch wenn sie nicht zwingend gefordert sind) fehlen ihm deutlich.

Insbesondere wird dies problematisch, wenn man bedenkt, dass er manchmal zu verspielt ist, zu lange nach der perfekten Option sucht und so unnötige Ballverluste verschuldet. Im Zweikampf fehlt es ihm so deutlich an Robustheit und vor allem Explosivität, dass das folgende Nachsetzen ins Leere läuft. Sein gesamtes Defensivspiel, wenn sonst auch durch hohe Laufbereitschaft, gute Antizipation und vollkommenes Spielverständnis getragen, leidet deutlich unter diesem Schwachpunkt.

Christopher „Jimmy“ Antwi-Adjei – LF

Man kann darüber diskutieren, ob Jimmys Einfluss ausreicht, um ihn als Schlüsselspieler in der Mannschaft zu bezeichnen. Er hat weder die Torquote eines Ben Zolinski (auf den wir später noch zu sprechen kommen) noch die Omnipräsenz eines Marlon Ritter, weder den Perfektionismus eines Phillip Klement, noch die Unkonventionalität eines Sven Michel (Spoiler). Aber Jimmy steht sinnbildlich für einen Aspekt, der sich durch den gesamten Artikel zieht – Entwicklung.

Zu Ende der Saison 2016/17 dachte Antwi-Adjei intensiv darüber nach, im Fußball einen Schritt kürzer zu treten und sich mehr auf sein Studium zu konzentrieren. Zu diesem Zeitpunkt spielte er bei der TSG Sprockhövel in der Oberliga. Einer Spielklasse, die weder Fisch noch Fleisch ist. Zu zeitaufwändig für Amateurfußball, zu finanzschwach für Profifußball. Doch dann kam der 18.04.2017, das Halbfinale des Westfalenpokals gegen den SC Paderborn.

In einer Geschichte, die nur der Fußball schreibt (© Max-Jacob Ost), überzeugte Jimmy die Paderborner Verantwortlichen, die verzweifelt nach einem schnellen Flügelspieler suchten, so sehr, dass er prompt verpflichtet wurde.

Eine Verpflichtung, sie sich auszahlen sollte. Vom ersten Tag an konnte er mit seiner Geschwindigkeit, Laufbereitschaft, Einsatzwillen und Geschwindigkeit überzeugen. Was er mit diesen Metern machte, steht auf einem anderen Blatt.

Jimmy war zu Beginn der Saison noch sehr roh, man merkte ihm die Umstellung aufs höhere Niveau deutlich an. Während seine Athletik in der Oberliga noch so manche Probleme kompensieren konnte, so traten diese im Profibereich deutlich stärker in Erscheinung. Jimmy war zu berechenbar in seinen Dribblings, zu unsauber in Positionsspiel und Ballnahme, zu unpräzise in seinen Flanken, zu unfokussiert im Passspiel und gänzlich unbrauchbar im Torabschluss.

Seine Einsätze verdiente er sich somit hauptsächlich über die defensive Seite seines Spiels. Über Tempo und Bereitschaft in langen Sprints gegnerische Konter aufzuhalten oder Außenverteidiger zu stellen und der Robustheit, auch im Zentrum Zweikämpfe zu gewinnen.

Glücklicherweise konnte die spielerische Entwicklung mit seinem Tempo mithalten. Sein Passspiel wurde schnell schärfer, seine Annahmen sicherer, seine Flanken präziser und seine Dribblings kleinräumiger. Wichtiger noch waren die Verbesserungen in der Entscheidungsfindung. Er erkennt mittlerweile, wo sich Räume ergeben und überlegt genauer, ob er gegen isolierte Gegner ins Dribbling geht, oder in Unterzahl lieber abbricht.

Auch im Abschluss hat er endlich verstanden, dass er nicht platziert, sondern nur (sehr, sehr) hart schießen kann. Seine Vollspannstöße mit weit nach vorne gelehnten Körper sind eine Augenweide und führten zu ein paar der schönsten Tore der Saison.

 

Sven Michel – ST

Weniger ästhetisch, dafür aber deutlich häufiger, kommt Sven Michel zum Torerfolg. Der 27-Jährige ist der Spieler, den man am ehesten und sichersten auf einer solchen Liste erwarten würde. Schließlich spricht man über den Topscorer der Liga, der 19 Tore und 13 Vorlagen vorweisen kann.

Ich möchte dieses Segment mit der wenig kontroversen Aussage beginnen, dass Michels größte Schwäche im Torabschluss, genauer gesagt im 1 gegen 1 mit dem gegnerischen Torwart liegt. Allein in den letzten 8 Partien der Saison gab es ca. 20 solcher Situationen (konservativ gezählt), in denen Michel den allein gelassenen Torwart nicht überwinden konnte.

Die Frage sollte im Bezug auf Sven Michel also nicht lauten, wie er so viele Tore erzielt, sondern eher, wie zur Hölle er zu so vielen Torchancen kommt.

Zuerst einmal ist Michel trotz seiner geringen Körpergröße relativ robust und kann den Ball gut mit seinem Körper abschirmen. Abgesehen von Ablagen, für die er jederzeit zur Verfügung steht, nutzt er diese Fähigkeit vor allem dafür, in seinem Rücken befindliche Gegner in Leere schieben zu lassen. Gleichzeitig ist er ziemlich schnell und extrem wendig, sodass er Chipbälle über und Schnittstellenpässe durch die Abwehr meist früher erreicht als ein Gegner.

Eine viel wichtigere physische Anlage besteht in der Unkonventionalität seiner Bewegungen und Aktionen. Im Dribbling bleibt der Ball scheinbar liegen, nur damit Michel ein Bein nach hinten streckt und ihn doch noch mitnimmt. Während er auf den Gegner zuläuft, vollführt er Bewegungen, die  dermaßen seltsam anmuten, dass sie von vielen Gegnern als Körpertäuschung misinterpretiert werden, während Michel einfach auf das Verhalten der Verteidiger reagieren und den entgegengesetzten Weg wählen kann.

Diese Unkonventionalität wirkt sich in geringerem Maße auch auf sein Positionsspiel aus. Zudem zeigt er viele horizontale Bewegungen vor, Positionierungen in und Tiefenläufe durch die Abwehrkette, womit er den Gegner bereits zu Tode verwirrt, bevor er überhaupt den Ball erhält. Gleichzeitig ist sein Timing für Läufe hinter die Abwehr und das Verhalten im Strafraum überragend. Michel befindet sich nicht nur in ungewöhnlichen, sondern zum richtigen Zeitpunkt auch in sehr guten Positionen.

Um etwas Hybris zu begehen: Sven Michel ist das uneheliche Kind von Thomas Müller und Ousmane Dembele.

Die Seltsamkeit einer solchen Spielweise hat natürlich nicht nur positive Auswirkungen. Nicht nur können seine eigenen Mitspieler von den kruden Ideen, die er mit seinen etwas unsaubereren, leicht hoppelnden Pässen hat, überrascht werden. Auch im direkten Duell mit dem Torwart sorgt der Mangel an mustergültiger Technik für vergebene Chancen.

Dennis Srbeny – ST

Ich habe lange mit mir gerungen, wo in dieser Liste Dennis Srbeny einzutragen ist. Reicht eine Hälfte der Saison, reichen 15 Spiele um als Schlüsselspieler bezeichnet zu werden? Dann fiel mir auf, dass ich genau das selbe bei Philip Klement bereits getan habe… Der Grund, warum es mir schwer fällt Srbenys Leistungen zu würdigen ist ein Auswuchs meines Fantums.

Wie wohl jeder andere Unterstützer auch war ich extrem enttäuscht, als Srbeny nach der Winterpause, in der letzten Woche der Januar-Transferperiode, den Wechsel zu Norwich City antrat. Erschüttert über die Kurzfristigkeit des Wechsels und die Entscheidung, den Paderborner Weg nicht bis zum Ende zu bestreiten, sondern ganz im Gegenteil, den Aufstieg zu gefährden.

Aus einer rationalen Sicht ergibt dieses Argument keinen Sinn. Wie kann jemand, dessen Abgang für Aufstiegsangst sorgte, kein wichtiger, kein Schlüsselspieler gewesen sein?

Natürlich war Srbeny ein wichtiger Spieler, wahrscheinlich sogar der einflussreichste Spieler in der Paderborner Mannschaft. Und natürlich erfüllt er das Kriterium, dass ich an Schlüsselspieler anlege: Ohne Srbeny wäre Paderborn wohl kaum aufgestiegen.

Zu imposant ist die Quote von 1,33 Torbeteiligungen pro Spiel, zu groß die Folgen seines Fehlens. Seine Verletzung zu Ende der Hinrunde stand in engem Zusammenhang mit einer ersten Paderborner Schwächephase. Sein Abgang sollte zwar von zwei Spielern kompensiert werden, führte aber dennoch zu einem weiteren Durchhänger.

Es gibt viele Dinge, die Srbeny so stark machen. Allen voran sind die athletischen Fähigkeiten zu nennen. Seine Größe verhilft ihm zur Kopfballstärke und der Fähigkeit, den Ball vom Gegner abzuschirmen, seine unerwartete Geschwindigkeit macht ihn gefährlich im Umschaltmoment und bei Tiefenläufen.

Srbeny ist ein kompletter Stürmer, der neben den physischen Anlagen noch eine durchweg starke Technik, Übersicht und Entscheidungsfindung zeigt. Dieses breite Fähigkeitenprofil erlaubte Paderborn eine große Flexibilität in der Angriffsgestaltung, welche bis zum Ende der Saison nicht mehr repliziert werden konnte.

Ergänzungsspieler

Neben diesen, einflussreichsten, wichtigsten und stärksten Spielern des Kaders haben natürlich noch viele weitere einen Anteil am Erfolg. Ich werde in der Folge eine kurze Einschätzung all jener geben, die in dieser Saison zu mindestens 5 Ligaeinsätzen kamen.

  • Michael Ratajczak – TW: Erfahrener Torwart und guter Ersatz. Zuletzt mit deutlicher Entwicklung am Ball, wenn auch weniger variabel als Zingerle.
  • Leon Fesser – IV: Hinter der Stammverteidigung aus Schonlau und Strohdiek kam Fesser zu nur wenigen Einsätzen, fiel bei diesen aber kaum ab. Robust und ballsicher, mit nur kleineren Schwächen im Stellungsspiel ist Fesser ein für Drittligaverhältnisse guter Innenverteidiger und überragender Ersatz.
  • Lukas Boeder – RV: Zu Beginn der Saison zum Außenverteidiger umgeschult, wurde er sofort zum Stammspieler. Solide Technik, gutes Auge für diagonale Passeröffnung und ein starkes Positionsspiel machen ihn offensiv wie defensiv wertvoll. Schwächen bleiben in isolierten 1v1-Situationen (als Angreifer).
  • Marc Vucinovic – RV: Das Paderborner Urgestein überzeugt mit grundsolidem Defensivspiel und gefährlichen Flanken, kam aufgrund von Verletzungen aber nur selten zum Einsatz.
  • Jamilu Collins – LV: Vor der Saison aus der zweiten kroatischen Liga gekommen, brauchte Collins ein halbes Jahr, um sich an die Liga zu gewöhnen. Seitdem überzeugt er mit Tempo und Zweikampfhärte, erfüllt seine Rolle im Pressingsystem ebenso wie in der 1v1-Verteidigung im Konter.
  • Felix Herzenbruch – LV: Als Stammspieler der Hinrunde konnte Herzenbruch mit einem sehr starken Zugriffsverhalten mit gutem Timing überzeugen. Erheblicher Geschwindigkeitsrückstand und technische Schwächen setzen seinem Spiel allerdings Grenzen.
  • Sebastian Wimmer – DM: Kopfball- und defensivstarker Sechser mit weniger weiträumigen Pressingverhalten, schwacher Übersicht und unspektakulärem Passpiel. Öfter eingesetzt, um lange Bälle zum Ende der Spiele zu kontern.
  • Massih Wassey – ZM: Stammspieler der Hinrunde mit starken Ballannahmen und großem Laufpensum, das allerdings hauptsächlich aus seinem kruden, enorm weiträumigen Bewegungsspiel resultiert, bei dem er sogar die Außenverteidiger hinterläuft. Balltreibend, wobei der Ball sich zu häufig weit von seinem Fuß entfernt und so verloren geht.
  • Ben Zolinski – RM: Überraschte vor allem in der Hinrunde mit Torgefahr. Zeigt von der rechten Seite viele Tiefenläufe und gutes Verhalten im Kombinationsspiel, sowie defensive Disziplin. Seine Ausdauer reicht meist lediglich für 70 Minuten.
  • Thomas Bertels – LM: Dynamischer Spieler mit großen technischen Mängeln, vor allem in statischen Situationen
  • Phillip Tietz – ST: In der Winterpause von Eintacht Braunschweig verpflichtet zeigte Tietz gute Momente in seiner Rolle als Zielspieler für Ablagen und Verlängerungen. Diese Momente werden noch etwas überschattet von Koordinationsproblemen (vergleichbar mit C-Jugendlichen im Wachstum) und mangelnder Übersicht.
  • Kwame Yeboah – ST: Ebenfalls in der Winterpause geholt zeigt der Australier sich mit vielen Tiefenläufen und hoher Dynamik, lässt in der Entscheidungsfindung aber noch deutlich Federn.

Zusammenfassung

Wenn man sich den Paderborner Kader ansieht, so wird schnell klar, auf welche Kriterien bei der Verpflichtung neuer Spieler wert gelegt wurde. Nahezu jeder Spieler im Kader weist eine hohe Aggressivität im Pressing und eine enorm offensive Ausrichtung im Ballbesitzspiel auf. Die Innenverteidiger dribbeln gerne weit an, die Außenverteidiger rücken häufig auf…

Darüber hinaus wird bei den Offensivspielern auf eine hohe Dynamik geachtet, die diese in Umschaltsituationen oder für Tiefenläufe einbringen können, während das Anforderungsprofil auch im Mittelfeld die Stärken im Ballbesitz betont.

Insgesamt ergibt sich so ein klar orientierter, im Detail aber ausgeglichener und insgesamt sehr breit besetzter Kader, der mit Ausnahme der Linksverteidigung keine größeren Schwächen oder Engpässse aufweist.

Trainer

Wenn man die Spieler im Detail betrachtet, so muss man auch einige Worte über Steffen Baumgart, den neben Sportdirektor und Chefeinkäufer Markus Krösche, wichtigsten Mann im Verein verlieren.

Bereits in der vorherigen Saison gekommen, stach Baumgart bei seiner Vorstellung und in seinen ersten Pressekonferenzen nicht heraus. So äußerte er sich wenig angetan von taktischen Winkelzügen und stellte Kampf und Teamgeist in den Vordergrund. Aussagen, die man bei einem abstiegsbedrohten Club nur allzu häufig vernimmt.

Dennoch schien Baumgart mit dieser Ansprache den Nerv der Mannschaft zu treffen und führte diese zur erfolgreichsten Phase der Drittligasaison sowie zum Sieg im Westfalenpokal. Obwohl dies wegen der schlechten Ausgangslage und wegen überraschenden Siegen der Konkurrenz trotzdem nicht zum Klassenerhalt reichte, stand Baumgarts Job nie auf der Kippe.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Baumgart die sportliche Führung bereits so sehr überzeugt, dass diese den Neuaufbau in der Regionalliga mit ihm gestalten wollte.

Als 1860 München dem SCP dankenswerter Weise zur Hilfe kam und der Verein glücklicherweise in der dritten Liga verbleiben konnte, zeigte sich Baumgart in seiner ganzen Qualität. In der Vorbereitung formte er eine Mannschaft, die nicht nur im Bezug auf Kampfeswillen und Teamgeist, sondern auch spielerisch auf ganzer Linie überzeugte.

Während der gesamten Saison lebte der an der Seitenlinie patrouillierende Baumgart Einsatz, Demut und unbedingte Entschlossenheit vor. So sprach er während der Hinrunde nicht vom Aufstieg, nur um in der Schwächephase der Rückrunde den Glauben an das Erreichen ebendieses Ziels zu betonen.

Mit seinem Trainerteam fand er über die gesamte Saison strategische, taktische und personelle Lösungen, entwickelte das Team konstant weiter und fügte dem Spiel immerneue Dimensionen hinzu. Auch im Bezug auf Trainingssteuerung lässt sich ein vorbildliches Zeugnis ausstellen. Schließlich spielte der SCP den bei weitem intensivsten Stil der Liga, ohne von Verletzungen oder exzessiver Rotation geschwächt zu werden

Mannschaftstaktik

Taktik und Spieler

Nachdem ihr mittlerweile mehr als 4000 Worte Einleitung, Statistik- und Kaderanalyse überstanden habt, werden sich viele fragen, wann denn endlich verraten wird, warum der SCP dieses Jahr so erfolgreichen und attraktiven Fußball gespielt hat. Die Frage, warum ein Taktikblog sich erst so spät mit Taktik befasst, ist absolut legitim.

Es ist allerdings wichtig zu verstehen, dass Taktik immer nur die Summe der individuellen Verhaltensweisen der Spieler ist. Es reicht nicht aus, einmal zu sagen, dass eine Vierekette gespielt wird, wenn zwei der Spieler im Sturm rumtanzen. Idealerweise gibt ein taktisches Gerüst Spielern Orientierung und Kontext, um ihre Stärken einzubringen, während die Kommunikation innerhalb des Teams durch gemeinsame Prinzipien verbessert wird.

Es folgt auch, dass der Erfolg einer taktischen Idee genauso wie die darauf folgende Einschätzung des selbigen untrennbar von den Spielern ist. Untrennbar von ihrem individualtaktischen Verhalten und relativ untrennbar von der technischen Umsetzung der folgenden Aktionen.

Nur wenn man die Spieler versteht, kann man Taktik verstehen.

Ich werde in der Folge häufiger darauf eingehen, inwiefern die Paderborner Strategie und Taktik aus den Spielern resultiert, ihnen dient oder eher schadet. Behaltet also immer im Kopf, welche Profile die Spieler haben.

Taktik und Gegner

Ein weiteres Problem dessen, die Taktik einer einzelnen Mannschaft zu analysieren besteht in dem nicht zu vernachlässigenden Fakt, dass man noch einen Gegner hat. Aus dieser Erkenntnis folgt natürlich, dass die gleichen taktischen Vorgaben und Angewohnheiten bei verschiedenen Gegnern unterschiedliche Folgen haben.

Damit dieser Artikel nicht zu einer Anreihung von Spielanalysen ausartet, werde ich in der Folge vor allem wiederkehrende Muster und häufige Situationen aufzeigen, während schöne und auch taktisch interessante Spielzüge, die sich zweifelsohne in jedem Spiel finden lassen, weitestgehend außer Acht gelassen werden.

Leider müsste man die Gegner in einem ähnlichen Maße verallgemeinern, um wiederkehrende Muster zu erkennen. Glücklicherweise tuen die Mannschaften der dritten Liga das bereits höchstselbst.

In den 38 Spielen der Saison traf der SCP sicherlich 30 mal auf einen Gegner, der in einer Ausprägung des 4-4-2, gleichwohl mit defensiven Unterscheidungen in Pressinghöhe, Intensität und Kompaktheit, agierte. In der Offensive variieren die Gegner etwas stärker, grundsätzlich ist meist ein Fokus auf einen vertikalen Spielaufbau über die Außenverteidiger, sowie die Nutzung langer Bälle zu erkennen

Die Gegner, die sich relativ mittig in diesem Spektren finden, sollen als Orientierung für die Erörterung der Paderborner Taktik dienen.

Taktik und Entwicklung

Während der Status Quo einer Mannschaft relativ einfach aus drei bis fünf aufeinanderfolgenden Partien erkennbar ist, so fällt dies über die Dauer einer gesamten Saison deutlich schwieriger.

Sogar in der taktisch meist wenig beschlagenen 3. Liga stellen sich die Gegner nach einigen Partien auf das eigene Spiel ein, suchen Lösungen und kopieren Strategien anscheinend erfolgreicher Teams. Dies führt dazu, dass die konkrete Ausrichtung einer Mannschaft ständig im Fluss ist.

Im Bezug auf den SCP muss man anerkennen, dass das Pressing und dessen zugrundeliegenden Prinzipien über die gesamte Saison recht konstant blieben. Lediglich Intensität und Höhe der Pressings stiegen immer weiter an.

Ebenfalls konstant blieb das Verhalten in den Umschaltmomenten, wenngleich andere Staffelungen zu Unterschieden im Detail führten.

Die größten Entwicklungen fanden im Ballbesitz statt. Während die erste Phase des tiefen Aufbauspiels weitestgehend beibehalten wurde, erfolgte die Entwicklung des Spielvortrags in grob gesagt drei Phasen.

 

1. Defensive

1.1 Pressing

Paderborn startete nicht als Aufstiegsfavorit in die Saison, sondern wollte zunächst einmal eine stabile Saison in den oberen Tabellenregionen spielen.

Das Pressing gestaltete sich diesen Ambitionen entsprechend. Paderborn spielte kein durchgehendes Angriffspressing am gegnerischen Strafraum, sondern startete aus einer ca. 20 Meter tieferen Ausgangsposition eher ein hohes Mittelfeldpressing.

Die Grundstaffelung in diesem Pressing bestand in einem relativ ungewöhnliche 4-1-3-2, bei dem sich Wassey, oder im Verlaufe der Hinrunde Ritter, einige Meter höher  bewegte und bei Verlagerungen stärker auf die ballnahe Seite pendelte als Sechser Krauße, der grundsätzlich zentral verblieb.

Pressing Hinrunde.ttt

Aus dieser Grundaufstellung ergeben sich gegen die übliche 4-1-1-4-Aufbaustaffelung der meisten Drittligagegner klare mannorientierte Zuordnungen. Explizit bestehen diese von Stürmer auf Innenverteidiger und von Flügelspieler auf Außenverteidiger sowie von Achter auf Sechser und umgekehrt.

Allerdings wurden diese Orientierungen nicht dazu genutzt, enge Manndeckungen aufzunehmen. Vielmehr liegt der Fokus zuerst einmal darauf, Vertikalpässe und somit Spielfortschritt zu verhindern. Entsprechend verstellten die Stürmer in ihrer etwas tieferen Position ein Vorstoßen in den Sechserraum und einfache Pässe in den Halbraum, während auch die Flügelspieler leicht eingerückt sind und die Passwege auf die gegnerischen Flügelspieler schließen sollten.

Dieser Grundgedanke, das Prinzip dessen, Vorwärtspassoptionen zu decken, bevor man ins Pressing übergeht, ist im statischen Fall sinnvoll, bedarf aber entsprechender Erweiterungen, sobald der Gegner der Ball bewegt. Es wäre schließlich relativ nutzlos, die Mitte zu schließen, während man es dem Gegner erlaubt, ungestört den Flügel herunterzuspielen.

Pressing IV

Die erste Umformung ergibt sich dann, wenn der Pass auf einen der beiden Innenverteidiger, im Bild den linken, erfolgt. In dieser Situation werden die Optionen auf der ballnahen Seite enger zugestellt. Sowohl Flügelstürmer als auch Außenverteidiger bewegen sich weiter nach außen zu ihren ausgewiesenen Gegenspielern, während sich die ballfernen Spieler bereits eher in die Mitte orientieren (zumindest der ballferne Flügelspieler seine Blickrichtung und Körperhaltung zum gegnerischen AV nicht verändert)

Der ballnahe Stürmer setzt gleichzeitig im vollen Tempo einen leicht nach innen gekrümmten Laufweg an, bei dem er den Verteidiger aus der Linie mit dem Torwart attackiert. Der Sechserraum wird währenddessen vom zentral bleibenden ballfernen Stürmer, meist zwischen Sechser und anderen IV, und dem weiter aufrückenden Achter Wassey gesichert.

Wenn auf dieses Pressing mit einem Querpass zum anderen Innenverteidiger reagiert wird, erfolgt die Reaktion in ähnlicher Weise. Der Unterschied besteht darin, dass dem Stürmer (in diesem Fall Michel) nun die Entscheidung obliegt, in welche Richtung er das Spiel leiten möchte, beziehungsweise welche gegnerischen Optionen relevanter sind.

Pressing bf IV

Da er selber aus der Mitte kommt und sein Sturmpartner Srbeny noch in einer höheren Positionen und ohne die Möglichkeit, den Sechserraum zu decken, ist, erfolgt das Leiten zumeist nach außen (durch Anlaufen von innen). Der Flügelspieler geht grundsätzlich wieder in eine engere Deckung des AV über, beachtet dabei aber auch Anspielstationen im Halbraum, der durch das zentrale Anlaufen Michels und Wasseys verschobene Position offen ist. Falls ein Stürmer in ebendiese Zone zurückfällt, verschiebt Krauße etwas zur Seite und verfolgt diesen.

Pressing AV

In dieser Situation ist der offenste Pass sicherlich der auf den rechten Verteidiger. Dieser Pass auf den Flügel dient allerdings als Siganl für die gesamte Paderborner Mannschaft, weit auf die Seite zu verschieben. Herzenbruch und Jimmy nehmen ihren Gegner hier sehr eng auf, während zentrale Optionen vom verschiebenden Mittelfeld geschlossen werden.

SC Paderborn - Gegner X FL

Die Kompaktheit dieses seitlichen Pressing ist sehr hoch und steigert sich noch, wenn long-line am Flügel weitergespielt wird. In diesen Fällen schiebt der ballferne Flügelspieler extrem eng und tief ein, sodass aus dem 4-1-3-2 eine gekippte Raute wird.

(In diesen Situationen ist es sehr interessant das taktische Verhalten durch die Linse von Guardiolas Feldeinteilung zu betrachten. Die Zonen werden auch im Paderborner Training eingesetzt und dienen neben dem bekannten Einsatz zur Verbesseung des Positionspiels in Ballbesitz anscheinend auch zur Orientierung im Defensivspiel.)

Häufig nehmen die Angriffe am Punkt des Außenverteidigers eine andere Richtung und werden zum Torwart zurückgespielt. Wann immer dieser über einen Rückpass erreicht wird, folgt auch das Paderborner Pressing, genauer gesagt das Anlaufen durch den ballnahen Stürmer.

SC Paderborn - Gegner X TW

Da in diesem Fall die linke Seite geöffnet ist, und der Innenverteidiger potenziell anspielbar wäre, wechselt die Verantwortung dessen Deckung auf den nahen Flügelspieler. Der Pass gegen die Pressingdynamik der Paderborner erfolgt nur relativ selten in Liga 3. Schließlich sind die meisten Torhüter schon unbedrängt froh, wenn sie den Ball hoch und weit loswerden können. Einen flachen Pass zu spielen, während man von einem im Vollsprint befindlichen Gegner angelaufen wird, käme ihnen erst gar nicht in den Sinn.

SC Paderborn - Gegner X TWIV

Einige Mannschaften, so zum Beispiel Münster und Rostock in der Rückrunde fanden dennoch Lösungen dieser Situation. So ließen sich der im Rücken des anlaufenden Stürmers befindliche Innenverteidiger weit auf die Seite kippen, um anspielbar zu werden. In Reaktion darauf muss der Flügelspieler das Pressing übernehmen und Raum für den gegnerischen Außenverteidiger öffnen, der wiederum einfach angespielt werden kann.

Ähnlich, wenn auch viel riskanter als bei der Übergabe des Innenverteidigers, greift auch hier ein Redundanzsystem. Da es für Paderborn übergeordnete Wichtigkeit hat, Druck auf den Ballführenden zu erzeugen, muss auch hier ein Gegenspieler her. Wer könnte das sein? Natürlich… der Außenverteidiger… 30 Meter entfernt…

SC Paderborn - Gegner X TWIVAV

Das Paderborner Spiel ist voll von solchen Redundanzen. Im Zentrum übernimmt Krauße für den Achter, wenn dieser wiederum überspielt ist, rückt ein Innenverteidiger heraus. Auf der Außenbahn übernimmt ein Flügelspieler, der wiederum vom Außenverteidiger ersetzt wird, dessen Überwindung ein Herausrücken der Innenverteidiger zur Folge hat.

Eine solche Strategie ist extrem riskant. Zwar kann man den Gegner durchgehend unter Druck setzen, opfert dafür aber Spieler um Spieler um Spieler in der Restverteidigung. Ein extremes Beispiel aus der Partie gegen Wehen Wiesbaden, bei dem die Übergabe vom rechten Stürmer bis zum linken Innenverteidiger erfolgte, illustriert diesen Teufelspakt.

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Problematischer noch als ein solcher Ablauf am Flügel, sind vergleichbare Situationen im Zentrum. Es dauerte lange Zeit, bis die Abstimmung zwischen den beiden aggressiv vorwärtspressenden Innenverteidigern passte. Zuvor kam man oft in Situationen, in denen einfach beide die Verantwortung auf sich nahmen. Doppelt hält ja bekanntermaßen besser.

SC Paderborn - Gegner X Mitte
Beide Innenverteidiger rücken auf den selben Gegner heraus, in ihrem Rücken klafft eine riesige Lücke

Ein Knackpunkt dieser Defensivstrategie besteht zweifelsohne im Timing. Im weiten Vorwärtspressing der Außenverteidiger ist es entscheidend, den Gegner frühzeitig zu erreichen und beim Aufdrehen zu behindern. Wenn das gelingt, werden die Fangnetze gar nicht erst benötigt.

Ein Problem in der Hinrunde war die tiefe Startposition der Außenverteidiger, sodass der Pressingweg zu lang wurde und der Gegner häufig aufdrehen konnte. Im Verlauf der Saison wurde der Startpunkt des eigenen Pressings, und somit auch der Gegner immer weiter nach hinten geschoben. Zusätzlich zu den 10 Metern, die die Außenverteidiger im Verbund mit der Abwehrkette an Höhe gewannen, rückten sie nun noch früher und antizipativer nach vorne, wenn Bedarf besteht.

1.2 Absicherung gegen lange Bälle

Dem aufmerksamen Leser wird schon aufgefallen sein, dass ich mir selbst etwas widerspreche. Zu Beginn des taktischen Segments schrieb ich davon, dass Drittligisten vor allem über hohe Bälle agieren, von denen bisher noch nicht die Rede war. Aufgrund des Paderborner Pressings werden lange Bälle sogar noch häufiger, schließlich stellen diese für viele Gegner den einzigen Ausweg dar.

Neben der Erhöhung der Quantität hat das intensive Paderborner Pressing auch einen entgegengesetzten Effekt zu Folge. Je höher der Druck auf den ballführenden ist, desto weniger Zeit hat dieser für einen präzisen langen Pass. Die Befreiungsschläge kommen somit nicht in die von Paderborn geöffneten Räume, sondern fliegen vermehrt ins Seitenaus oder in die Abwehrzone, wo der SCP klare Vorteile hat.

Um letzteren Punkt zu begründen müssen wir uns mehrere Dinge vor Augen führen. Erstens hat Paderborn individuell starke Innenverteidiger. Gerade Strohdiek köpft mit seinen 1,96 Meter Körpergröße fast jeden Ball weg. Zweitens haben die meisten Gegner keinen wirklichen Plan, wie sie die zweiten Bälle gewinnen wollen. Drittens zeigt sich das Paderborner Mittelfeld aktiv im Rückwärtspressing und im Kampf um zweite Bälle.

Abgesehen von Krauße, der fast immer tief vor der Abwehr bleibt, half in der Hinrunde vor allem Massih Wasseys Größe dabei, bereits den ersten Ball zu gewinnen. Sollte dieser dennoch an den Gegner gehen, zogen Jimmy und Zolinski früh in die Mitte und stellten wieder eine Überzahl her.

SC Paderborn - Gegner X LH
Ball ist nach Abstoß in der Luft. Paderborn formiert sich in engem 4-1-4-1

Die selben Mittel wurden auch bei weiten gegnerischen Abstößen angewandt. Mit zwei Spielern vor der Abwehr und den eingerückten Flügelspielern sichert man die Mitte bereits sehr ordentlich. Gegen viele Gegner kam noch ein Zurückfallen vom ebenfalls kopfballstarken Srbeny hinzu, sodass man sich in einer enorm engen 4-1-4-1/4-1-3-2 Staffelung formierte.

Im Verlauf der Rückrunde wurden zwar viele Elemente beibehalten, allerdings nahm die vertikale Kompaktheit zusehends ab. Gerade die Flügelspieler fallen nicht mehr so weit und eng zurück, sodass der Gegner die Chnace hat, zweite Bälle im Halbraum zu behaupten

Die mangelnde Aktivität in der Rückwärtsbewegung, die sich bereits bei Abstößen zeigt, wird auch im allgemeinen Rückwärtspressing im laufenden Spiel deutlich. Dem Gegner stehen somit, vor allem nach Schnellangriffen und Kontern, große Räume neben dem Paderborner Mittelfeld zur Verfügung.

1.3 Strafraumverteidigung

Wenn Paderborn doch einmal für eine längere Zeit tief verteidigen muss, formt sich die Formation auf ein 4-4-2 mit recht tiefen Stürmern um. Allerdings sind solche Phasen überaus selten. Wie kaum eine andere Mannschaft schiebt der SCP schon beim leisesten Anzeichen eines gegnerischen Rückpasses heraus und begibt sich wieder ins Pressing.

Ein Element, das nicht unerwähnt bleiben sollte, ist die Verteidigung in tiefen Flügelzonen. Da man in Nähe des eigenen Strafraums nicht mit der gesamten Viererkette an die Seitenlinie schieben, sondern lieber das Zentrum sichern möchte, müssen andere Spieler Druck erzeugen.

SC Paderborn - Gegner X EA
Abwehrpressing an der Außenbahn: Krauße fällt in Abwehr zurück, Mittelfeld verschiebt weit mit.

Bei Paderborn wird dies gelöst, indem lediglich der ballnahe Außenverteidiger an die Linie schiebt, seine Position aber vom Sechser übernommen wird. Hinzu kommen der Flügelspieler, welcher sich ebenfalls auf Breite des AVs, wenn auch höher, positioniert und der Achter, welcher sich auf breite des Sechsers hält.

Dieses Quadrat ist relativ kompakt und liefert somit verschiedene Abwehroptionen auf dem Flügel, öffnet aber gleichzeitig den ballfernen Halbraum. Um diese Schwäche auszugleichen, schiebt der ballferne Flügelspieler weit in die Mitte, während die Stürmer versuchen, tiefe Verlagerungen über Innenverteidiger und Sechser zu verhindern.

1.0 Fazit

Zusammenfassend, lassen sich in der Defensivphase des SCP folgende Prinzipien finden:

  1. Verstellen zentraler Optionen
  2. Anlaufen des Ballführenden im höchsten Tempo
  3. Leiten des Spielaufbaus zum gegnerischen Torwart
  4. Übernahme der Pressingverantwortung
  5. Erzwingen langer Bälle

2. Offensives Umschalten

Nachdem wir hinlänglich diskutiert haben, wie der SCP verteidigt und (idealerweise) den Ball gewinnt, muss man sich mit dem Verhalten im Umschalten auf die Offensive befassen.

Offensives Umschalten bewegt sich grundsätzlich zwischen zwei Polen. So kann man sich in seiner ersten Aktion entweder auf die Sicherung des Balles oder aber die Einleitung eines Konters fokussieren. Beim SCP hängt diese Entscheidung vor allem von zwei Faktoren ab. Zum einen vom Spieler, der den Ballgewinn erzwingt und zum anderen von der Position, in der der Ball gewonnen wird.

Allgemein kann man sagen, dass auf Ballgewinne im weiträumigen Angriffs- und hohen Mittelfeldpressing, vor allem in zentralen Zonen und bei frühen Ballgewinnen auf der Außenbahn, sofort ein vertikaler respektive diagonaler Pass auf die Stürmer folgt. Bei Ballgewinnen durch die Abwehr hingegen wird der Ball vornehmlich gesichert und zurück zum Torwart gespielt, ein linienbrechender Pass wird in der ersten Aktion eher vermieden.

Schwieriger gestaltet sich die Aussage über Ballgewinne im seitlichen Pressing, beispielsweise nach Einwürfen oder linearen Angriffen. In diesen Situationen ist die Entscheidungsfindung nicht gänzlich klar, da hoher Gegnerdruck vorliegt, gleichzeitig aber keine sicheren Verlagerungsoptionen auf der anderen Seite oder in der Tiefe vorliegen.

SC Paderborn - Gegner X UA

In diesem Dilemma folgt die Entscheidung meist der Gewohnheit der Spieler entsprechend offensiv, das heißt mit einem Vertikalpass. Diese Pässe haben aufgrund der beschriebenen Ballung keine große Erfolgschance. In Reaktion auf einen Ballverlust schaltet Paderborn wieder ins Pressing um und schafft natürlich keine Verlagerungsoptionen. In jedem Spiel gibt es Phasen, in denen der Ball auf einer Seite herumflippert und ständig den Besitzer wechselt, bis er zufälligerweise hinter eine Abwehrkette oder ins Zentrum gelangt.

Diese Spielphasen sollten dennoch nicht davon ablenken, dass Paderborn sehr starke Konter spielt. Die Vertikalpässe, auf welche im späteren Verlauf noch eingegangen werden soll, werden präzise in die Lücken des Gegners gespielt und gut von entgegenkommenden Bewegungen der Stürmer vorbereitet.

Sobald dieser Pass erfolgt ist, ein Paderborner sich aufdrehen und mit Tempo auf die gegnerische Abwehr zugehen kann, kommt ein weiteres Element ins Spiel. So sollen bei Kontern immer Passoptionen auf beiden Seiten des ballführenden, sowie eine weitere in die Tiefe geschaffen werden. Sobald gepasst wird, hinterläuft der zuvor ballführende Spieler und schafft wiederum eine Option auf der anderen Seite.

SC Paderborn - FC Ingolstadt Konter
Konterstrategie: Schaffen von Optionen auf beiden Seiten

Durch diese Strategie wird eine gute Raumaufteilung gewährleistet und eine hohe Zahl an Optionen ständig beibehalten. Die im Rückwärtsgang befindlichen Gegner können nur kaum adäquat auf diese Läufe reagieren, da die Positionswechsel eigenes Kreuzen in der Abwehr (ganz schlecht, da horizontale Abstände kaputt gehen) oder sehr schnelles Übergeben und umorientieren erfordern.

Natürlich bewegen sich Konter immer an der Schnittstelle zwischen Umschaltmoment und Offensivspiel. An dieser Stelle ist die Verbindung auch durchaus angebracht. Die Schaffung von Passoptionen auf beiden Seiten des Ballführenden, sowie das Anbieten von Tiefenläufen sind auch in den offensiv präferierten Schnellangriffen gültige Prinzipien.

3. Offensive

Wie bereits angekündigt, gab es in der Offensivphase die größten Veränderungen im Laufe der Saison. Nachdem ich den tiefen Spielaufbau, welcher eine Konstante über die Saison war, kurz charakterisiere, werde ich drei Phasen der Strategie in Ballbesitz unterscheiden.

3.1 Tiefer Spielaufbau

Der Schock kam mit dem ersten Abstoß der Saison. Während man es in Paderborn gewohnt war, dass Abstöße weit erfolgten und zu einem Kampf um den Ball führten, erfolgte die Ausführung nun auf einmal kurz.

Die Innenverteidiger positionierten sich so flach wie irgend möglich, knapp außerhalb des Strafraums an der Torauslinie. Vor ihnen schoben auch die Außenverteidiger breit, wenn auch nur auf Höhe des Strafraums und somit nicht sonderlich hoch. Das Zentrum wurde einzig und allein von Krauße gehalten, Wassey bewegte sich einige Meter höher.

Bei dem Schock schien es sich erstmal nur um einen Unfall gehandelt zu haben. Schließlich führte Paderborn in den ersten 3 Partien die Mehrzahl seiner Abstöße in bekannter Manie, lang und weit in ein eng zusammengerücktes Mittelfeld aus.

Doch die kurzen Abstöße waren gekommen, um zu bleiben. Mit Fortschreiten der Saison nahm ihr Anteil immer weiter zu, der Abgang von Dennis Srbeny trieb schlussendlich den letzten Sargnagel in die weite Spieleröffnung. Und diese Entscheidung war eine richtige.

Während man bei langen Abschlägen immer ein Glücksspiel um den Ballbesitz eingehen muss, so ist dieser bei kurzem Ausspielen gesichert. Während der Gegner bei langen Bällen zusammenschieben kann, so muss er gegen einen flachen Aufbau Kompaktheit opfern.

Natürlich macht man es sich zu einfach, wenn man jeden flachen Spielaufbau feiert und jeden hohen verteufelt. Um zu verstehen, wie wichtig dieses Element für Paderborn wurde, muss ich es etwas weiter erläutern und einordnen.

SC Paderborn - FC Ingolstadt OFF2
Ingolstadt macht Druck auf den Spielaufbau. Paderborn zirkuliert den Ball, verlagert auf die andere Seite

Ein erster Vorteil dessen, den Spielaufbau so tief zu beginnen, ist der Fakt, dass der Gegner auseinandergezogen wird. Ein übliches Mittelfeldpressing nimmt vertikal ca. 30 Meter, Pressing bis an die gegnerische Grundlinie bedarf einer Streckung auf mindestens 50 Meter. Die Abstände zwischen den einzelnen Spielern werden größer, die Lücken die für Pässe, und die Räume, die zur Ballannahme zur Verfügung stehen, verdoppeln sich.

Mit einem gut gestalteten Spielaufbau kann man also den gleichen Spielfortschritt wie mit einem langen Pass erzielen, dabei aber sichereren Ballbesitz halten und mehrere Gegner aus dem Spiel nehmen.

Wie oben bereits erwähnt, umfasst die tiefste Phase des Spielaufbaus bis zu sechs, mindestens aber fünf Spieler. Da kaum ein Gegner bereit ist, die selbe Zahl an Verteidigern nach vorne zu schicken und damit das Risiko langer Bälle zu erhöhen, hat Paderborn immer eine Überzahl an Feldspielern. Durch den Fakt, dass die Torhüter sich aktiv am Spiel beteiligen, nimmt diese allerdings noch weiter zu.

Der erste Pass wird, insofern diese nicht in enger Manndeckung stehen, auf eine der Innenverteidiger gespielt. Diese überprüfen in folgender Reihenfolge, ob; 1. Raum zum Andribbeln; 2. ein Passweg auf den Außenverteidiger oder; 3. ein Pass auf den Sechser; offen ist. Wenn all diese Fragen negiert werden müssen, erfolgt ein Rückpass auf den Torwart, der die gleiche Checkliste (mit Ausnahme von 1) durchgeht. Das Ziel all dieser Pässe besteht schlicht gesagt darin, das Spiel nah vorne zu tragen und ideal schnellen Raumgewinn zu erzielen.

Die größte Aktivität und zugleich größte Schwäche geht in diesen Phasen von den Außenverteidigern aus. Diese nämlich bewegen sich an der Außenlinie klebend sehr bewusst in  tiefere Positionen, um aus dem Deckungsschatten des Gegners zu entwischen. Dabei kann es allerdings passieren, dass die Positionen sehr tief, der Raumgewinn sehr gering und die Orientierung schlecht werden, sodass der Spielaufbau einfach pressbar wird.

Deutlich effektiver ist der Aufbau dann, wenn die Außenverteidiger nicht tief kommen, sondern in ihrer höheren Position einen Chipball der Torhüters antizipieren. Diese Bälle entwickelten sich über die Saison zu einem Markenzeichen von Zingerle, während sie bei Ersatz Ratajczak eher selten blieben.

Sobald der Ball die Außenverteidiger erreicht, oder einer der Innenverteidiger über die Höhe des Strafraum andribbeln kann, geht das Paderborner Offensivspiel in die nächste Phase über.

3.2.1 Direkte Vertikalität (Spieltag 1-21)

SC Paderborn - Gegner X Phase 1
Stammaufstellung in der ersten Saisonphase

Die Fortführung der Angriffe gestaltete sich in der ersten Phase sehr direkt. Nachdem der Ball in eine höhere Position getragen wurde, ging es darum, flach, aber möglichst vertikal, zu eröffnen und Schnellangriffe einzuleiten.

Der eröffnende Pass erfolgte immer von einem Innen- oder Außenverteidiger, wobei die konkrete Anlage dieser beiden Optionen sich recht deutlich unterscheidet.

Die Spielgestaltung über die Innenverteidiger folgt immer den gleichem Muster. Die beiden wählen ihre Positionen so breit, dass sie an der ersten Pressinglinie des Gegners, in den meisten Spielen an den zwei Stürmern eines 4-4-2, vorbei andribbeln können. Dieses Dribbling dient dazu, die beiden Stürmer aus dem Spiel zu nehmen, und aus der vorgeschobenen Positionen neben ihnen, Passoptionen vor die gegnerischen Abwehr schaffen.

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Die Spielerprofile der beiden Innenverteidiger sind für dieses Muster zwar sehr passend, die Dribblings werden mit großer Entschlossenheit und in hohem Tempo durchgeführt, dennoch war dieses Mittel zu Beginn der Saison nur selten umzusetzen.

Für diese Schwierigkeit gibt es verschiedene Gründe. Zum einen band Paderborn Krauße nur kaum in den Spielaufbau ein, sodass der Gegner diesen vernachlässigen und sich mit breiteren Ausgangspositionen der Stürmer auf die Innenverteidiger konzentrieren konnte. Der damit verbundene zweite Punkt resultiert aus der großen Entfernung zwischen den beiden Verteidigern. Querpässe zwischen den beiden sind so relativ lange unterwegs und dienen den gegnerischen Stürmern als Pressingsignal.

SC Paderborn - Gegner X B2

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Unter Druck gesetzt und ihrer Dribblingoption beraubt, suchten die Innenverteidiger den Pass auf die zweite Aufbauoption, die Außenverteidiger.

Diese haben die Aufgabe, mit ihrem ersten Kontakt am Gegenspieler vorbei zu kommen und einen diagonalen Pass ins Sturmzentrum zu suchen. Wenn das Überspielen des Gegners im ersten Kontakt gelingt, ist dieser Passweg häufig offen, schließlich verschieben die Mannschaften in der dritten Liga nur selten ausreichend schnell im Kollektiv, um die Diagonale abzusichern.

SC Paderborn - Gegner X AVD
Herzenbruch kann seinen Gegenspieler mit dem ersten Kontakt umspielen, der diagonale Passweg zum entgegenkommenden Michel steht offen .

Sobald der Pass auf einen der Offensivspieler gelingt und dieser Aufdrehen kann, kommen die gleichen Prinzipien ins Spiel, die auch im Konter gelten. Alle Spieler der Angriffsreihe versuchen unmittelbar, Läufe in die Tiefe anzubieten, bewegen sich dabei, gerade in Person von Michel und Srbeny, gegenläufig zueinander. Diese Bewegungen dienen sehr gut dazu, Wege fürs Dribbling oder für diagonale Steilpässe hinter die Abwehrkette freizuziehen.

SC Paderborn - Gegner X Kr

Der Hauptgrund, warum diese Taktik funktioniert, ist wieder mal in den Spielerprofilen zu finden. Die beiden Zielspieler der Vertikal- und Diagonalpässe, die Sturmspitzen Michel und Srbeny haben breit angelegte Fähigkeiten, können abschirmen, dribbeln und starke Steilpässe (Srbeny sogar den ein oder anderen Chip) spielen.

Zudem stimmen beide ihre Bewegungen ausgezeichnet aufeinander ab, bewegen sich  in unterschiedlichen Höhen und mit unterschiedlichen Funktionen. Gegen tiefer stehende Gegner lässt sich Srbeny meist etwas weiter zurückfallen, um Verbindungen im Zehnerraum zu schaffen und für Ablagen vonseiten Michels zur Verfügung zu stehen.

Diese taktische Ausrichtung hatte zu Beginn der Saison durchschlagenden Erfolg. Paderborn brach Start- und Torrekorde und stellte die beiden Topscorer der Liga.

Und dennoch gibt es Schwächen in dieser Ausrichtung. Das Angriffspiel ist nämlich nicht fließend, der SCP konnte einen Gegner nie in dessen Hälfte, an dessen Strafraum einschnüren und laufen lassen. Die gesamte Ballbesitzphase war auf das Schaffen möglichst früher, direkter Vertikalität angelegt. Wenn das Ausspielen der Chancen im letzten Drittel nicht gelang, hatten die Spieler keine Plan B, keine Idee wie man den Ball sichern und den Druck auf den Gegner hoch halten konnte.

SC Paderborn - Fortuna Köln OFF6
unverbundene Struktur mit Unterzahl in Ballnähe

Bereits in dieser Phase diente das Positionsspiel nicht wirklich dazu, neben Tiefenläufen auch konstant andere (Sicherungs-)Optionen anzubieten. Die Achter bewegten sich dafür zu stark tororientiert und zu oft in die letzte Linie. Auch die Abwehrreihe blieb eher tief und rückte nicht weit genug nach, sodass Krauße in seinem Bewegungsradius beschränkt, weil defensiv gebraucht, war. Die pure offensive Klasse kaschierte diese Schwächen lange, so lange, bis sich Srbeny verletzte.

3.2.2 Feste Muster (Spieltag 22-30)

SC Paderborn - Gegner X Phase 2
Stammaufstellung in der zweiten Saisonphase

Zum Ende der Hinrunde Verletzungs- und ab Start der Rückrunde Wechselbedingt, musste der SCP auf Dennis Srbeny verzichten. Ohne diesen litt sowohl das Positionspiel in der Offensive, als auch die Flexibilität im Ausspielen der Angriffe. In den folgenden Spielen wurde immer wieder die Position gewechselt, die Konstellationen sollten sich allerdings nicht als übermäßig passend herausstellen.

Auch die vermehrten Einsätze von Marlon Ritter, der später zum Topspieler der Saison avancierte, leisteten keine Abhilfe. Schließlich ist Ritter ein Spieler, der brilliert, wenn er aufs Tor zugehen, Dynamik und Kreativität ausspielen kann, während Ablagenspiel mit Rücken zum Tor, oder das ausbalancieren schlechter Offensivstrukturen nicht seine Stärken sind.

SC Sonnenhof Großaspach - SC Paderborn OFF3
Soll: links ; Realität: rechts. Ritters hohe Positionierung nimmt dem Paderborner Spiel Verbindungen und Balance

Zudem reagierten die Gegner. Dem Aufbauspiel über die Außenverteidiger wurde mit einer breiteren Position der Flügel und einem frontaleren Stellen (zur Verhinderung des ersten Kontakts an ihnen vorbei) begegnet, die Sechser hielten sich zusehends tiefer und zentraler, um Sven Michel den Platz für horizontale Dribblings zu nehmen. Darüber hinaus wurde eine weitere Entwicklung im Paderborner Spiel, die häufigere Nutzung von Krauße, meistens zum Weiterleiten des Balles auf den offensiveren Achter, durch eine engere Position der Stürmer gekontert.

SC Paderborn - Gegner X 2

Auf den ersten Blick mögen diese Umstellungen klein wirken. Die Formationen blieben unverändert. Das Pressing verschob sich im Schnitt nur leicht nach hinten, Paderborn hätte weiterhin erfolgreich agieren sollen.

Diese Interpretation ging mir immer wieder durch den Kopf. Schließlich waren die Halbräume nun weit offen, das Andribbeln der Innenverteidiger einfacher möglich und der Gegner insgesamt unkompakter. Dennoch hatten diese Konstellation, in Verbindung mit dem Fehlen von Srbeny unschöne Folgen.

Die Stürmer hätte sich weiter aus dem Zentrum heraus bewegen müssen, um den Ball zu erhalten. In einer solchen Positionen, tief im Halbraum, sind sie allerdings recht weit weg vom Tor und ein leichtes Pressingziel für die tieferen gegnerischen Sechser. Auch die Vertikalpässe aus der Innenverteidigung liefern eigentlich ein besseres Blickfeld als frontal angenommene Diagonalpässe, bei denen man mit dem Gesicht zu Außenlinie steht.

Allerdings wurde das Paderborner Spiel so auch berechenbarer. Alle Angriffe starteten bei den Innenverteidigern, diese spielten einen Vertikalpass, Paderborn kam nicht durch und spielte zurück nach hinten. Try. Fail. Repeat.

Aus dem Verlust der offensiven Durchschlagskraft wurde nicht der, meines Erachtens nach korrekte, Schluss gezogen, das Positionsspiel ausgewogener anzulegen und sich den Gegner länger und in höheren Zonen zurechtzulegen. Stattdessen entwickelte das Trainerteam verschiedene, für sich genommen interessante, klarere Muster im Angriffsspiel.

Das wohl häufigste dieser Muster bestand darin, die Verantwortung des Ablagenspiels auf die Flügelspieler zu übertragen. Immerhin sind diese näher am Halbraum, und somit an den freien Passwegen positioniert, die Stürmer können gleichzeitig zentral und hoch blieben und dort Tiefenläufe anbieten.

SC Paderborn - FC Würzburger Kickers OFF3

Das Problem dieser Ausrichtung wurde schnell augenscheinlich. Flügelstürmer sind meist keine überragenden Ablagen- oder Wandspieler, haben üblicherweise Probleme mit Gegner im Rücken, dadurch ist diese Taktik leicht zu verteidigen. Durch ein einfaches Verfolgen des zurückfallenden Flügelspielers durch den Außenverteidiger nimmt man diesem die Möglichkeit, sauber aufzudrehen und Optionen zu suchen.

Auch die Einbindung der offensiver eingesetzten Außenverteidiger wurde durch den nach innen gerichteten Blick unmöglich.  Dabei gestalteten sich diese Paarkombinationen am Flügel, gerade auf der rechten Seite beim Tandem Zolinski/Boeder zu Beginn dieser zweiten Phase noch enorm durchschlagskräftig. Mit gut abgestimmten gegenläufigen Bewegungen und einer starken Entscheidungsfindung, wann außen über- und innen unterlaufen werden sollte, konnten sie beiden häufig bis zur Grundlinie kommen und von dort Flanken ansetzen.

SC Paderborn - Fortuna Köln OFF9
gegenläufige Paarbewegungen Zolinski/Boeder

Ein weiteres Muster baute darauf auf und sah vor, dass eine Ablage der Flügelspieler direkt auf den ballnah pendelnden Ritter gespielt werden sollte, der wiederum seine Fähigkeiten im Dribbling ausspielen und „etwas machen“ sollte.

Die Muster, und vor allem deren Schwächen, wurden unverkennbar durch einen anderen, grundsätzlicheren Aspekt im Ballbesitz. Und zwar der vollkomenen Ignoranz von Spielverlagerungen, oder überhaupt Horizontalpässen. Auch wenn im Zentrum weit offene Spieler in guten Positionen anspielbar waren, so wurden diese ignoriert. Angriffe wurden nicht auf der anderen Seite fortgesetzt, sondern abgebrochen und zum Innenverteidiger zurückgespielt, wenn man nicht direkt zum Durchbruch kam.

 

 

FC Hansa Rostock - SC Paderborn 07 C1
Beispiel aus der Partie bei Hansa Rostock. Wassey steht halblinks frei, wird aber zugunsten eines Anspiels auf den gedeckten Ritter ignoriert.

Zu Beginn der Rückrunde machte ich mir den Spaß und zählte die Angriffe, bei denen des SC eine gedachte Linie, die das Spielfeld vertikal mittig teilt, überschritt. Bis zum torlosen Spiel gegen Meppen, ließen sich diese an einer Hand abzählen.

Paderborn kam in dieser Phase in eine Ergebniskrise. Nachdem man aus den ersten 16 Partien unfassbare 14 Siege, bei nur jeweils einer Niederlage und einem Remis einfahren konnte, holte man aus den anschließenden 11 Partien nur 14 Punkte. Aus dem komfortbalen Vorsprung an der Tabellenspitze wurde ein enges Rennen um den Aufstieg.

3.2.3 Offensivfluidität (Spieltag 31-38)

SC Paderborn - Gegner X Phase 3
Stammaufstellung in der dritten Phase der Saison

Die Ergebniskrise wurde durch den Sieg bei Hansa Rostock, einem Spiel, das Paderborn nach 2:0 Rückstand innerhalb der zweiten Hälfte auf 2:3 drehte, beendet. Im Anschuss folgten zwei 2:0 Siege, die Krise schien überstanden. In allen Saisonrückschauen wird dieses Spiel als Wendepunkt, als Wiederauferstehung und als Grund für den Aufstieg gefeiert.

Sicherlich hatte diese Partie weitreichende psychologische Folgen und gab der Mannschaft das Vertrauen in das eigene Spiel zurück. Aus taktischer Sicht steigerte sich der SCP zwar klar in seinem Positionsspiel, blieb aber strategisch zu einseitig.

Ich würde den Wendepunkt zwischen zwei anderen Partie setzen, zwischen dem 2:0 Sieg bei Werder Bremen II und dem 0:0 bei der SV Meppen.

Das Bremen-Spiel hat eine besondere Bedeutung inne, da ihn ihm zum ersten Mal die zukünftige Stammelf eingesetzt wurde. Anstelle im 4-3-3 oder 4-1-3-2 zwei klassische Flügelspieler aufzustellen, wurde Philipp Klement, seines Zeichens Mittelfeldstratege auf der rechten Außenbahn aufgeboten, während Jimmy wie gewöhnlich auf der linken Seite agierte. Neben dieser Umstellung erfolgte der größte taktische Wandel eine Woche später: in der Entdeckung der Horizontalität.

Nachdem man sich über weite Teile der ersten beiden Phasen weigerte, Verlagerungen zu nutzen und die eigene Spielkontrolle horizontaler anzulegen, so änderte sich die ab der Partie in Meppen fundamental. Zum ersten Mal nutzte man bewusst Verlagerungen auf die ballferne Seite, zum ersten Mal nutzte man frühe Läufe der Außenverteidiger, um den Halbraum freizuziehen.

SV Meppen - SC Paderborn Off6

In Kombination miteinander ergaben der veränderte Spielerstamm und der neu gewonnene Fokus auf horizontale Kontrolle ein explosives Gemisch.

Klement, der von der rechten Außenbahn durchgehend in die Mitte zieht, ist exzellent darin, die Bewegungen seiner Mitspieler zu balancieren. Positionen zu suchen, in denen er Verbindungen schaffen und Verlagerungsoptionen bieten kann, während er die offensiveren Bewegungen des als Achter eingesetzten Ritter absichert.

Gleichzeitig wurde auch Krauße aus seiner absichernden Rolle befreit, da die Innenverteidiger weniger balltreibend agieren mussten und den Ball früher auf Klement abgeben konnten, der in seiner ungewöhnlichen Rolle als breiter Spielmacher dem gegnerischen Zugriff entwischte.

Mit dem einrückenden Klement, dem höheren Ritter und dem weiter vorstoßenden Krauße konnte Paderborn eine konstante Überzahl gegen die gegnerische Doppelsechs herstellen. Nahezu kein Gegner fand eine Antwort auf diesen Bauerntrick, durch eine Assymetrie zentrale Überzahl zu schaffen. Keine Mannschaft kam auf die ,meines Erachtens, naheliegende Idee, dem Paderborner Dreiermittelfeld einen weiteren Sechser entgegenzustellen und die Zahlen auszugleichen.

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Der SCP konnte seine Überzahl vielseitig ausspielen. Ein übergeordneter Fokus lag  darauf, Jimmy in isolierten 1 gegen 1 Situationen zu suchen, an die dieser Dribblings zur Grundlinie und Cutbacks anschließen konnte, oder aber Marlon Ritter im Halbraum zu öffnen und dessen Dynamik von dort aus zu nutzen.

VfR Aalen - SC Paderborn Tor3
Jimmy in isolierter Position und der Möglichkeit, ins 1v1 zu gehen.
Fortuna Köln - SC Paderborn Off2
Ritter wird nach einer Verlagerung im Halbraum neben der Doppelsechs gefunden und kann von dort eine Chance einleiten.

Von diesen Prinzipien ausgehend gelang es Paderborn, durchgehende Kontrolle auf das Spiel auszuüben. Wo zuvor der Rückpass zum Innenverteidiger folgte, konnte nun über Klement oder Krauße aufgelöst werden. Wo man sich zuvor auf einer Seite festlief, wurde nun die Verlagerung gesucht.

Durch diese konstantere Bedrohung für das gegenerische Tor, wird dieser stärker unter Druck gesetzt und verliert, innerhalb der langen Paderborner Ballbesitzphasen die Lust am Pressing. Paderborn kam entsprechend häufiger zu Chancen, die auf verschiedenem konkreten Wege herausgespielt wurden. Auf die Ergebniskrise folgte die torreichste Serie der Drittligageschichte. In nur 3 aufeinanderfolgenden Spielen erzielte der SCP 16 Tore, im vierten Spiel kamen weitere 3 hinzu.

3.3 Lange Bälle

Wie schon in Bezug auf die Defensive angemerkt, finde ich lange Bälle analytisch uninteressanter als flachen Spielaufbau. Nichtsdestotrotz darf man nicht übersehen, dass der SCP in diesem Jahr häufig hohe Eröffnungen spielte.

Der hauptsächliche Unterschied zu vielen anderen Teams besteht dabei im Kontext dieser Aktionen. Nur in der seltensten Fällen wurde aus Verlegenheit gebolzt, viel häufiger wurde der flach Spielaufbau wie üblich gestaltet, nur um nach dem Andribbeln durch einen Innenverteidigern den Raum hinter der gegnerischen Abwehr mit einem gezielten langen Ball auszunutzen.

Unabhängig davon, was man von lang Holz hält, kann dieses in den richtigen Situationen, gegen langsame oder kollektiv schlecht verteidigende Abwehrreihen enorm durchschlagskräftig sein. Neben dem verbesserten Ballbesitzspiel waren lange Bälle ein großer Faktor für die Torflut, so zum Beispiel beim 6:0 Sieg gegen Cal-Zeiss Jena

3.0 Fazit

Innerhalb der Saison änderte sich das Paderborner Offensivspiel zwar deutlich, viele Prinzipien blieben aber konstant. Diese sind

  1. Flacher Aufbau aus maximaler Breite
  2. Andribbeln, wenn Raum zur Verfügung steht
  3. Suchen des Sturmzentrums
  4. Raum hinter Abwehr nutzen
  5. Anbieten vieler Tiefenläufe
  6. gegenläufige Bewegungen
  7. Dynamik aus Mittelfeld aufbauen

4. Defensives Umschalten

Nachdem wir durch die Untiefen des Paderborner Offensiv- und Defensivspiels gewatet sind, bleibt lediglich die Aussage über das defensive Umschalten, den Wechsel von kontrolliertem Ballbesitz auf Abwehr, aus.

Nach dem Lesen der Ausführungen zur Paderborner Defensive dürfte es nicht weiter überraschen, dass der Club auch im defensiven Umschalten ein enorm aggressives Gegenpressing verfolgt. Die Prinzipien können dabei aus dem Pressing entlehnt werden, das bereits intensiver ist als das nur wenige Sekunden andauernde Nachsetzen nach Ballverlust.

Im Zentrum werden die Gegner somit von den nächsten Paderborner Spielern angegriffen, Rückpässe werden mit einem durchlaufen der pressenden Spieler verfolgt, bis der Gegner zum langen Ball verleitet wird. Auf der Außenbahn schiebt sich der Paderborner Block, ebenso wie im Pressing, auch im Umschalten eng zusammen, um den Ballgewinn zu erzwingen.

Der Übergang von Gegenpressing auf Abwehrspiel verläuft entsprechend glatt, die Spieler müssen sich nicht groß auf Abwehrpressing einstellen, sondern ziehen ihren Schuh durch, bis der Ball wiedergewonnen ist.

Der größte Unterschied zwischen den beiden Phasen besteht in der Ausgangsstaffelung, aus der die Mannschaft starten muss. Während man sich bei kontrolliertem Pressing zunächst in einen geordneten Block begeben und die Sicherung des Zentrum gewährleisten kann, so wird die Ausgangslage des Gegenpressings von den vorherigen Offensivstrukturen diktiert.

Je ausgeglichener man sich strukturiert, desto besser ist auch die Mitte besetzt und desto besser sind die pressenden Spieler abgesichert. Entsprechend gewann das Paderborner Gegenpressing, und folglich auch seine Gegentorrate in der gleichen Phase an Güte, in der sich auch das offensive Stellungsspiel verbesserte.

Während in der Hinrunde noch zu häufig 5 Spieler auf einer Linie standen und Krauße das Mittelfeld alleine sichern musste, so wurde ihm diese Aufgabe in der letzten Zeit durch die zentraleren und tieferen Positionen von Klement und Ritter deutlich vereinfacht.

Zusammenfassung

Was können wir zusammenfassend über das Paderborner Spiel sagen?

Die Mannschaft agiert in allen Spielphasen aggressiv, dynamisch und auf Kontrolle ausgelegt. Während diese Ziele in Bezug auf Defensive und Offensives Umschalten bereits früh in die Tat umgesetzt werden konnten, so unterlag die Offensive, obgleich sehr erfolgreich, einem ständigen Wandel und einer dauerhaften Suche nach Verbesserung.

Letztendlich gelang die Etablierung höherer offensiver Kontrolle und einer besseren Ausgangslage für das Gegenpressing durch einen unkonventionellen taktischen Kniff, Balance und Horizontalität im Positionsspiel.

Der SC Paderborn war dieses Jahr aus taktischer Sicht die mit Abstand beste Mannschaft der dritten Liga. Einige Spieler und Funktionäre der Konkurrenz gingen sogar noch einen Schritt weiter und sprachen von dem besten Team, das die dritte Liga je gesehen hat.

Ausblick

In der nächsten Saison steht für den SCP eine neue Herausforderung in der zweiten Bundesliga bevor. Nach Jahren übersteigerter Erwartungshaltung wird man beim Verein nicht den Fehler machen, überzogene Ziele zu formulieren.

Dennoch kann man die kommende Saison optimistisch angehen. Die sportliche Leitung bleibt dem Verein erhalten. Der Kader weist ebenso an Konstanz und einer klaren Ausrichtung auf wie die Anforderungsprofile an Neuverpflichtungen.

Neben Rückkehrer und Identifikationsfigur Uwe Hünemeier sind alle Neuverpflichtungen jung, entwicklungsfähig und offensiv veranlagt.

Es sieht alles danach aus, dass der Sportclub seinen Stil auch in der Zweitklassigkeit durchziehen möchte. Dass die Möglichkeit, als Aufsteiger dominant und erfolgreich zu agieren, zeigen nicht nur die diesjährigen Siege im DFB-Pokal, sondern auch die Erfolge von Holstein Kiel und Jahn Regensburg in der abgelaufenen Saison.

Der Unterschied zwischen Zweiter und Dritter Liga ist individuell wie taktisch klein. Klein genug, als dass ein großer Vorsprung auch in der höheren Liga erhalten bleiben kann…

Danke fürs Lesen!

Um die Unmengen an Arbeit, die in diesem Artikel stecken, nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden zu lassen, bitte ich euch darum, zu teilen, zu teilen und zu teilen.

Falls noch irgendwer aus irgendeinem Grund irgendetwas über die Saison des SCP wissen möchte, so kann er sich auf Twitter mit mir in Verbindung setzen (@JanGHartel).

 

 

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