Seine Eminenz*, Philipp II

Am 2. Spieltag traf der SC Paderborn auf einen der Urheber seiner unwahrscheinlichen Auferstehung. Vor gut einem Jahr gelang es Jahn Regensburg, die Münchner Löwen in der Relegation zu schlagen, wodurch diese nicht nur in die Dritte Liga, sondern in die selbst verschuldete Viertklassigkeit rutschten.

Diese gemeinsame Vergangenheit genügte dem Sportclub nicht als Anlass für Geschenke. In einem umkämpftem und spielerisch nicht wirklich hochwertigem Spiel konnte man sich dank besseren Umschaltverhaltens, höherer Intensität und Philipp Klement durchsetzen.

Mannschaftsaufstellungen

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Beim Paderborner Gastgeber gab es im Vergleich zur Auftaktniederlage beim SV Darmstadt zwei Änderungen. Auf der Sechs wurde der unter der Woche überraschend zu Konkurrent Ingolstadt gewechselte Robin Rauße von Sommerneuzugang Klaus Gjasula ersetzt, der prompt ein starkes Spiel und ein Tor machte.  In der Spitze wurde Tietz, vor Wochenfrist unauffällig, vom eminent* starken Tekpetey ersetzt.

Mit dieser personellen Konstellation formierte man sich im üblichen 4-1-3-2 System, welches durch die vorgezogene Position von Jimmy leicht asymmetrisch angelegt war.

Auf Regensburger Seite gab es im Vergleich zum 2:1-Sieg gegen Ingolstadt keine personellen Änderungen. Die Abwehrkette formierte sich aus Sörensen und Correia, welche vom eher defensiven Föhrenbach und eher offensiven Saller flankiert wurden. Vor dieser Viererkette wurde das Mittelfeld von Geipl und Lais besetzt, während die Flügelpositionen von George und Adamyan besetzt wurden. Die Sturmspitze bildeten Gruttner sowie der bewegliche Venezi.

In der so folgenden 4-1-3-2-Formation wurde, für Rangnick-Lieblingsschüler Achim Baierlorzer wenig verwunderlich, vor allem das Umschaltmoment fokussiert. Ironischerweise, wie sich später zeigen sollte…

72. Minute

Abstoß Paderborn, die beiden Innenverteidiger postieren sich breit und tief neben dem Strafraum, Gjasula steht einige Meter vor dem selbigen. Der Jahn hat sich genau auf diese Situation eingestellt. Jedem Paderborner begegnet ein direkter Gegenspieler. Kurzes Ausspielen erscheint zu riskant, der lange Ball als sichere Option… wie schon so oft in dieser Partie.

Doch dann löst sich Klement aus dem offensiven Mittelfeld und lässt sich seitlich neben Gjasula zurückfallen. Der Regensburger Lais kann keine Entscheidung zwischen den beiden nun tiefen Spielern treffen und bleibt so mittig zwischen ihnen, ohne Orientierung auf einen der beiden, ohne Bewegung in eine bestimmte Richtung.

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Der Pass erfolgt, wenig verwunderlich, auf Klement. Natürlich tut er das, schließlich ist der 25-jährige es, der das Paderborner Spiel immer wieder nach vorne treibt. Klement dreht sich unmittelbar über die linke Schulter auf und lässt den Ball an sich vorbei in den freien Raum laufen. Lais bemerkt nun seinen Fehler und eilt, genauso wie Stürmer Gruttner, Klement aufzuhalten.

Dieser aber bleibt ruhig während die beiden in seinem Rücken angesprintet kommen, läuft noch zwei Schritte und spielt mit seinem ersten Kontakt, im letzten Moment bevor die Falle schließt, per Außenrist auf den entgegenkommenden Schwede, welcher sofort den überlaufenden Dräger einsetzt.

Dräger kann seinen Tempovorteil gegen Föhrenbach einsetzen und den Ball an diesem vorbeilegen, bis er letztendlich von einer Zerrung gestoppt wird.

Dieser Spielzug steht nicht nur exemplarisch für das überragende Spielverständnis von Philipp Klement, sondern ist auch repräsentativ für die Paderborner Spielweise; Ruhe, Abstimmung, flaches Aufbauspiel.

Oder auch nicht.

Tatsächlich gibt es kaum eine Szene, welche einen stärker irreführenden Eindruck vom Spiel verleihen würde als diese. Das Paderborner Aufbauspiel war nur in den seltensten Phasen ruhig, sondern zumeist hektisch, steil und auf zweite Bälle ausgelegt, die Abstimmung in eigenen Kombinationen ließ an vielen Stellen zu wünschen übrig.

Und dennoch steckt ein Funken Wahrheit in dieser Situation. Regensburg hatte, vor allem in der zweiten Halbzeit, große defensive Probleme, die individuelle Entscheidungsfindung der Flügelspieler, lieber auf außen abzudecken, als das Zentrum zu sichern, war nicht nur bei Adamyan und nicht nur zu diesem Zeitpunkt eklatant.

Und… Klement war wirklich brilliant.

Geplantes Chaos

Einen weit besseren Eindruck des Spiels gewinnt man in der ersten halben Stunde. Beide Mannschaften agierten zumeist auf lange Bälle in die letzte Linie und Gegenpressing fokussiert. Doch nicht nur die Strategie stellte sich symmetrisch dar. Auch die genaue taktische Ausgestaltung dieser Idee zeigte zwischen beiden Mannschaften einige Parallelen.

Beide Teams agierten offensiv in einer Art 4-1-1-4-Formation. Beim SCP bewegte sich Klement als höherer Mittelfeldspieler flexibel in die Lücken der Regensburger Formation, so passend, dass der Ball prompt, und konsequent, über ihn hinweg in die Spitze geschlagen wurde, wo sich Michel und Tekpetey mit den Regensburger Verteidigern um den Ball stritten.

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Beim SSV bewegte sich Lais fokussierter und klarer in den hohen rechten Halbraum, wo zusammen mit dem herüberschiebenden Venezi und Rechtsverteidiger Saller eine lokale Ballung hergestellt werden konnte. Im Speziellen zeigte man eine Gruppentaktik, bei der George etwas tiefer kam und somit Collins aus seiner Position zog, welche wiederum von Venezi besetzt werden konnte.

Die Idee hinter diesem Ablauf mag vielleicht eine interessante gewesen sein, die Umsetzung war aber aus verschiedentlichen Gründen wenig effektiv. Zunächst ist das Spielerprofil von George alles andere als passend, um hohe Bälle zu verlängern, selbst wenn es ihm gelungen wäre, hätte Venezi keinen großen Vorteil gehabt, da Strohdiek sofort mit ihm herausschob und er zudem keinen dynamischen Vorteil, keinen Laufweg in die angepeilte Richtung hatte.

Auch wenn dieser Spielzug keine imminente eminente* Torgefahr ausstrahlte, ermöglichte er Raumgewinn durch gewonnene zweite Bälle aus welchen wiederum Angriffe improvisiert werden konnten.

Da beide Mannschaften sich nicht sauber und kontrolliert aus den langen Bällen des Gegners lösen konnten, spielten sie selber welche – ein Teufelskreis. Letztendlich entwickelte sich das Spiel aufgrund seiner gespiegelten Formationen und der daraus folgenden Bindung der Abwehrketten zu einem Kampf zwischen den jeweils beiden zentralen Mittelfeldspielern. Auf Paderborner Seite wurden diese vor allem durch einrückende Flügelspieler unterstützt, während bei Regensburg vor allem Venezi als zurückfallender Stürmer mithalf.

Das Hauptproblem an einem Spiel, welches von beiden Mannschaften nur durch die Linse des Umschaltmoments betrachtet wird, liegt darin, dass es vom sprichwörtlichen neutralen Zuschauer attraktiv wahrgenommen wird, nicht aber vom realen.

Aufgrund der fehlenden Struktur geht dem Zuschauer die Orientierung ab. Man kann zu keinem Zeitpunkt vorhersehen, welches Team als nächstes zu einer Chance oder gar einem Tor kommen wird. Eine solche Partie hat keinen erkennbaren Rhythmus und kein intrinsisches Narrativ, an welchem man sich festhalten könnte. Wer mir bei dieser Darstellung nicht zustimmt, soll sich die Partie in der ersten halben Stunde alleine und ohne Ton (und somit ohne externes Narrativ) ansehen – es ist schmerzhaft.

Schmerzhafte Linderung

Die Zwickmühle des Spiels löste sich schlussendlich etwas auf, dies hatte meines Erachtens vier Gründe:

  1. Der Führungstreffer durch Gjasula ließ mich als Paderborner entspannter auf das Spiel blicken.
  2. Orientierungsprobleme im offensiven Umschalten der Regensburger Spieler lieferten dem SCP mehr Chancen hohe Ballgewinne und vielversprechende Konter zu erzwingen.
  3. Die zunehmend weiträumigen Offensivstrukturen des SSV erlaubten dem SCP einfachere Konter durch die Spielfeldmitte.
  4. Die Ermüdung beider Teams sorgte für geringere Intensität im Mittelfeld und klareren, unbedrängteren Offensivaktionen.

Der letzte Aspekt dürfte selbsterklärend sein, aber gehen wir die übrigen mal der Reihe nach durch.

Führung

Der Paderborner Führungstreffer fiel nach einem Eckball, bei dem ausgerechnet Debütant Gjasula sich nach Antritt zum kurzen Pfosten lösen und anschließend eminent* offen zum Kopfball kommen konnte. Die entscheidenden Meter Abstand zu seinem direkten Gegenspieler wurden durch Wegblocken des selbigen durch Sven Michel geschaffen. Doch, bevor ich euch etwas erzähle, seht euch lieber an, was Gjasula selbst zum Tor zu sagen hat.

Orientierung

Die Orientierung eines Fußballers bezeichnet im Wesentlichen dessen Spielstellung, also die räumliche Ausrichtung seines Körpers und damit indirekt seines Blickfeldes, sowie sein Umblickverhalten, also Kopfbewegungen und insbesondere Schulterblicke. Je mehr der Spieler vom Feld sehen kann, desto offener wird seine Orientierung genannt, je weniger er sieht, desto geschlossener ist sie.

Ein einfaches Beispiel für die Orientierung lässt sich bei einem vertikalen Anspiel eines Außenverteidigers durch den Innenverteidiger finden. Dieser nämlich kann den Ball entweder frontal auf seinen Mitspieler blickend annehmen, oder aber sich mehr Informationen und eine offene Orientierung verschaffen, indem er sich diagonal zur Spielfeldmitte aufdreht.

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Der Außenverteidiger erhält den Pass seines Innenverteidigers mit einer geschlossenen Spielstellung. Er kann weder vertikale Passoptionen noch den heranstürmenden Gegner sehen.

 

Orientierung 2
Mit einer offenen Spielstellung kann der Außenverteidiger das gesamte Feld, Gegner und Mitspieler überblicken.

Es ist keineswegs Zufall, dass ich die Erläuterung dieses fundamentalen Aspekts auf die Seite Regensburgs verordne. Ich habe selten eine Mannschaft im Profifußball gesehen, die so viele leichte Fehler bei der Wahl der Spielstellung macht und so sehr dafür bezahlen muss.

Sowohl im eigenen Aufbauspiel, als auch und vor allem in der Folge geklärter langer Bälle, zeigten die Regensburger Mittelfeldspieler Orientierungen zum eigenen Tor. Dem SCP dienten diese geschlossenen Haltungen als Signal fürs Pressing, so rückte Klement vor seinem Tor weit auf den geschlossen stehenden Lais heraus und nahm ihm den Ball ab.

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Auch nach Befreiungsschlägen konnte der SCP dieses Verhalten nutzen, um aus einem tiefen Abwehrblock Konterchancen zu erzeugen. Während der erste Ball meist zum Regensburger Verteidiger ging, legte dieser ihn auf einen seiner Mittelfeldspieler ab. Da Letzterer zumeist geschlossen stand, konnten Michel und Tekpetey weit hervorstoßen und einen Ballgewinn im Zweikampf erzwingen.

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Ballgewinn im Gegenpressing nach langem Schlag Paderborn
An dieser Stelle ist die Bedeutung der puren Geschwindigkeit der Paderborner Offensiven zu betonen. Jimmy, Schwede, Michel und Tekpetey können den Gegner bei jedem Fehler eminent* schnell unter Druck setzen und so für hohe Ballgewinne und gute Konterchancen sorgen.

Weiträumigkeit

In Rückstand versuchte der SSV Jahn verzweifelt, Chancen zu erzwingen. Dafür behielten sie zwar den Fokus auf zweite Bälle bei, schoben aber immer mehr Spieler in die letzte Linie. Durch diese vollständige Orientierung auf die letzte Linie fehlten naturgemäß Spieler im Zentrum, Spieler die nach vorne prallende Bälle gewinnen oder das Team bei Ballverlust gegen Vertikalpässe absichern können.

Fazit

Das Paderborner Team kann den ersten Sieg der neuen Saison holen, da es im Mittelfeldkampf der ersten halben Stunde, auch durch die Kopfball- und Zweikampfstärke Gjasulas, mithalten kann und in der folgenden Spielzeit Regensburger Fehler mit dem Tempo seiner Offensivreihe im vollständig ausnutzen kann.

Die Besetzung der vorderen Linie wies personell sehr zu gefallen, Tekpetey bringt nicht nur zusätzliches Tempo, sondern auch eine eminente* Wendigkeit und Handlungsschnelligkeit mit, welche es ihm erlauben, sich auch in engen Sitauation vom Gegner zu lösen und den Angriff zu beschleunigen.

Dennoch gibt es Aspekte, an denen noch gearbeitet werden muss. Das Aufbauspiel zeigt durch das passende situative Zurückfallen von Klement neben Gjasula zwar Fortschritte, kann aber weiterhin nicht unter Druck durchgehalten werden.

Auf Regensburger Seite muss man eine Warnung aussprechen. Die Orientierung der Mittelfeldspieler sowie die unpassenden Strukturen fürs Gegenpressing werden einer Mannschaft, die letzteres fokussiert, teuer zu stehen kommen… auch gegen langsamere Gegner.

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