Keinen Bock…

4. Spieltag, Köln Müngersdorf, bestes Wetter. Das Duell zwischen der besten Offensive der zweiten Liga und der besten Offensive der Drittligageschichte. Ein Duell zwischen enorm durchschlagkräftigen und auf gutem Bundesliganiveau besetzten Kölnern (mit Abwehrschwächen) gegen die Paderborner Pressingmaschine (mit Abwehrschwächen). Alles deutete auf eine temporeiche Partie hin. Und diese Erwartung wurde erfüllt.

Es wurde ein absolutes Spektakel, das, entgegen des von Sky geäußerten Wunsches, auf Augenhöhe stattfand. Beide Teams kamen ohne Probleme zu Torchancen, was sich in einem komplett wahnsinnigen xG-Wert von 3,2 zu 4,5 wiederspiegelte. Doch bevor wir zur taktischen Einschätzung der Partie kommen, muss ich zunächst Dampf ablassen.

Keinen Bock…

Menschen können nicht mit Zufall umgehen. Diese Anerkennung erklärt viel, was in Medien und Politik vor sich geht. Wann immer ein zufälliges (nicht vorhersehbares) Ereignis eintritt, werden in Rückschau Geschichten und Erklärungen um dieses gesponnen. Ein gedrehtes Spiel wird fast immer der Halbzeitansprache des Trainers oder angeblichen taktischen Umstellungen zugeschrieben, auch wenn der wichtigste Grund Zufall ist. Ein Schuss, der ins Tor fällt anstelle nur die Latte zu treffen oder ein unerwarteter Torwartfehler.

In der Rückschau treten solche Verzerrungen immer wieder auf. Die Vergangenheit ist immer eine Konstruktion. Doch es gibt ein Problem mit post-hoc Narrativen. Sie geben während des Ereignisses keine Orientierung für den Beobachter. Mit der Realität konfrontiert zu sein, ohne Erklärungen zu erhalten, ohne Ordnung im Zufall dargelegt zu bekommen, ist anstrengend. Es ist viel ermüdender, ein Fußballspiel alleine und ohne Ton zu sehen als in Gemeinschaft oder mit Kommentator.

Ein Kommentator soll Orientierung bieten, einen roten Faden durch die Unvorhersehbarkeit eines Spiels schaffen und unsere Aufnahme vereinfachen. Natürlich hat er dabei genauso wenig Ahnung von der Zukunft wie der Zuschauer, aber das ist  irrelevant. Ein Underdog-Narrativ lässt sich je nach Spielausgang zu einem erwarteten Sieg für den Favoriten oder zu einer David-gegen-Goliath-Erzählung umdeuten.

Ein jedes Narrativ steht also in unmittelbaren Konflikt mit der Realität. Doch das ist nicht die einzige Bedrohung dessen Souveränität. Andere Narrative, zum Beispiel der Fans, kollidieren mit den Aussagen des Kommentators. Um diese Aussage zu testen, muss man nur vergleichen, wie man ein Spiel in der Fankurve aufnimmt und wie es parallel im Fernsehen dargestellt wird.

Warum also aufregen über einen Kommentator. Warum beschweren über eine Konstruktion, die die Realität nicht wiederspiegeln kann. Nun ja, Narrative haben einen Einfluss darauf, wie Menschen denken. Politische Ideologien schaffen Narrative, spinnen aus den gleichen Fakten andere Erklärungsansätze und polarisieren Menschen. Auch wenn dieser Vergleich schmerzen mag, gelten beim Fußball die gleichen Wirkprozesse wie in der Rhetorik nationalistischer (oder aller anderen) Parteien. Es ist egal, ob der Schiedsrichter oder der Immigrant schuldig ist, solange eine (wenn auch absurd falsche) Erklärung geliefert wird.

Verschiedene Medien gehen mit dieser Situation unterschiedlich um. Die Springerpresse nutzt von Hass und Angst erfüllte Narrative, um die Leserschaft zu polarisieren, während zumeist staatlich geführte Magazine verschiedene Ansichten darlegen und auf deren Unsicherheit hinweisen. Im Fußball schlägt das Pendel mittlerweile sehr eindeutig in erstere Richtung aus. Die Özil-Debatte drehte sich um ein von starken Emotionen erfülltes Narrativ, das offensitlich unmöglich der alleinige Grund für das WM-Ausscheiden war.

Doch Kommentatoren während eines Bundesligaspiels haben verschiedene Beobachter mit engegengesetzten Interessen. Ein Narrativ gegen eine Mannschaft mag vielleicht im Stadion wirken, nicht aber im Fernsehen. Schließlich vergrault man im Extremfall über die Hälfte seines Publikums. Es haben sich deshalb gewisse Regeln herausgebildet, wenn Spiele kommentiert werden. Oberste Regel ist der Respekt für beide Teams und deren Spieler, darunter steht die Flexibilität, ein Narrativ umzudeuten, um dem Spiel zu entsprechen verbunden mit der Demut, eigene Fehleinschätzungen (wegen Zufall unvermeidlich häufig) einzugestehen. Letztere Punkte sollen Kohärenz schaffen, ein im Rückblick anwendbares Narrativ.

In diesen Spiel scheiterte Sky mit Kommentator Sven Haist deutlich an diesen ungeschriebenen Gesetzen. Das gewählte Narrativ war die bekannte Underdog-Geschichte, der große EFFZEH gegen den kleinen sc.

(Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass die Schuld nicht einzig und allein beim Kommentator liegt. Sven Haist ist noch jung und hat als Trainer mit Elite-Jugend-Lizenz des DFB sicherlich ein Mindestmaß an Ahnung von Fußball. Viele seiner Aussagen zu strategischen Vorteilen Kölns waren zutreffend.)

Die Farce deutete sich an: vor der Partie wurde Markus Anfang ernsthaft gefragt, wie man sich gegen einen solch kleinen Gegener motivieren könnte, was bei diesem zu folgender Reaktion führte:

Bezüglich der Mannschaftsaufstellungen sagte Haist, dass die Paderborner Innenverteidiger Topstürmer Terodde VIELLEICHT Probleme bereiten könnten, nur um danach auszuführen, dass die Unterschiede zwischen beiden Clubs größer nicht sein könnten – Aha, gleiche Liga = größtmöglicher Unterschied.

Nach einem Ballverlust nach fehlgeschlagenem Dribbling von Meré erklärte er, dass die Kölner Einzelspieler den Paderbornern so weit überlegen seien, dass sie dies auch auf dem Platz zeigen möchten – Klar, Fehler sind immer ein Zeichen hoher Qualität.

Nach 15 Minuten und einem (in Zahlen: 1) Kölner Torschuss äußerte er, dass Paderborn nun einen Eindruck bekommen habe, was es bedeute, gegen Köln zu spielen. Nur um hinterherzuschicken, dass Paderborn zu viel Risiko in der Defensive eingehe und nur gerade so davonkomme. Derweil kein Wort zur dysfunktionalen Kölner Defensive, die zu diesem Zeitpunkt 5 Schüsse kassiert hatte.

All diese Aussagen weisen darauf hin, dass keine Flexibilität im Narrativ vorhanden ist. Köln soll die bessere Mannschaft sein, deswegen muss Köln die bessere Mannschaft sein, deswegen ist Köln die bessere Mannschaft, egal was im Spiel passiert (versteht mich nicht falsch, Köln war offensiv gut, nur eben nicht meilenweit überlegen, schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt).

Die Geschichte zog sich weiter, als Köln den Führungstreffer erzielte, der ruhig kommentiert und als unvermeidlich abgestempelt wurde, während der Paderborner Ausgleich wenige Sekunden später als Überraschung bezeichnet wurde (abermals mehr Schüsse auf Paderborner Seite).

Mein persönliches Highlight allerdings ereignete sich zur Halbzeitpause. Zum Halbzeitpfiff gestand Haist ein, dass er sich verschätzt habe, die Paderborner Spielweise doch nicht übermütig, sondern mutig war. In meinem Kopf klingelte es, Demut und Flexibilität, beides erfüllt, er hat seinen Job verstanden – weit gefehlt. Direkt vor Wiederanpfiff feierte er zunächst die angeblich überragende Qualität der Kölner Bank ab, nur um in der Folge zu äußern, dass Paderborn sich nur mit Händen und Füßen wehren konnte. „Händen“, weil… ein… Paderborner… Handspiel… nicht… gewertet… wurde – ernsthaft! (Zu diesem Zeitpunkt übrigens 12 zu 7 Schüsse für den SC)

An dieser Stelle sollte angemerkt werden, dass der Kommentator nicht die Alleinschuld trägt. Da ich nicht vermute, dass der junge Mann von einer Blitz-Demenz heimgesucht wurde oder sich bewusst widerspricht, ist es viel wahrscheinlicher, dass der zweiten Aussage ein Hinweis der Programmdirektion vorausging – die Unfähigkeit hat anscheinend System.

In der zweiten Hälfte wurde die Schlagzahl der Respektlosigkeit und Inflexibilität weiter erhöht. Als nach dem 2:1-Treffer Guirassy, Cordoba und Hauptmann gezeigt wurden, folgte der Kommentar, dass Steffen Baumgart diese Spieler bräuchte. Offensivspieler, von denen Hauptmann kein (in Zahlen: 0) und Guirassy ein (in Zahlen: 1) Tor gemacht hatte, während zumindest Cordoba (ebenfalls kein (in Zahlen: 0) Tor) mit der Begattung der Eckfahne seine größte Leistung im Kölner Trikot (streng genommen ohne Kölner Trikot) vollbrachte.

Noch absurder wurde das Narrativ, als der SCP mit 3:2 in Führung ging. Anstelle die (von mir aus unerwartete) Stärke der Paderborner zu betonen, wurde lediglich von einer nun „angemessenen“ Herausforderung für Köln gesprochen – anscheinend waren die vorherigen 70 Minuten nicht angemessen genug.

Die Demut sich geirrt zu haben fehlte auch im Bezug auf Köln, genauer gesagt auf das Beispiel Sobiech, klar. Nachdem Haist zu Beginn der Partie noch verkündete, dass der Wechsel aufgrund der drei Gegentreffer bei Pauli verständlich sei, war bei dessen Einwechslung auf einmal klar, dass Köln mit Sobiech besser fahre. Als Sobiech beim Paderborner 4:3 den Fehler machte, war er wieder schuld – so viele Widersprüche, Trump wäre Stolz.

Ein Höhepunkt der Leistung fand sich zwar nicht in der Beurteilung des Paderborner Elfmeters, der angeblich eine klare Fehlentscheidung war, oder in der Nichterwähnung der Aufstützens von Hector sondern in der Beurteilung der Paderborner Führung. Anstatt anzuerkennen, falsch gelegen zu haben, behauptete er, eben gesagt zu haben, dass das Spiel noch nicht vorbei sei. Dass er sich in dieser Aussage klar auf Köln bezog, die nun sicherlich noch gewinnen würden – egal, wer braucht schon Kohärenz, wenn er Willkür haben kann.

Ich möchte mit einem Zitat enden: „Es war nicht zu erwarten, dass der Aufsteiger aus Paderborn hier fünf Tore erzielt“ – Sicherlich nicht, es ist aber ebenso wenig zu erwarten, dass Sky den Job des Kommentators versteht.

Auf dem freien Markt gibt es immer die Möglichkeit ein Unternehmen über den Geldbeutel anzugreifen. Dank der Vertragspolitik der DFL ist die Bundesliga aber kein freier Markt. Ganz im Gegenteil, Sky hält ein Monopol auf die Liveberichterstattung, einzelne Spiele, die nur auf Eurosport gezeigt werden, ändern daran nichts. Es bleibt zu hoffen, dass die Perform Group ernst macht, die Übertragungsrechte übernimmt und Sky einen schnellen, qualvollen Tod sterben lässt.

 

 

 

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