Der normale Wahnsinn

6. Spieltag. Wir sehen ein ganz normales Fußballspiel. Das Duell der beiden Aufsteiger endet in einem Remis, Paderborn kann abermals nicht gegen Magdeburg (mit kurzem a) gewinnen. Abermals überzeugt die Offensive, während die Defensive schwächelt. Abermals fallen 8 Tore…

8 Tore – bitte was?

Der SCP scheint in dieser Saison nur ein Ziel zu haben – den Wahnsinn zur Normalität verkommen zu lassen. Nach dem unglaublichen 5:3-Sieg gegen den Topfavoriten aus Köln folgt ein nicht weniger unglaubliches 4:4-Unentschieden gegen den FCM. Das Spiel lädt vor allem dazu ein, die Defensive zu untersuchen. Warum bekommt der SCP so viele einfache Gegentore, nachdem man in der vergangenen Saison stabil war? Warum kann man Spiele nicht mehr kontrollieren? In diesem Artikel werde ich versuchen, Antworten zu geben.

Mannschaftsaufstellungen

Aufstellungen
Grundaufstellungen beider Teams

 

Im Vergleich zum Köln-Spiel wurde auf Paderborner Seite nur eine Veränderung vorgenommen. Zolinski ersetzte den an der Achillessehne verletzten Sven Michel. Bei der strategischen Ausrichtung blieb alles beim gleichen, Paderborn fokussierte aus seiner 4-1-3-2 Staffelung Angriffspressing und Umschaltmomente. Eine Asymmetrie ergab sich im Verhalten der Außenverteidiger, Dräger agierte deutlich höher als Pendant Collins.

Härtel (der nicht nur in diesem Spiel, sondern auch in seinem Namen zwei Punkte zu viel hat) nahm vier Änderungen vor: Müller, Ignjovski, Weil und Bülter begannen anstelle von Erdmann, Lohkemper, Preißinger und Rother. Während das Mittelfeldpersonal wechselt, bleibt taktisch alles wie gehabt. Magdeburg spielt in einem klaren 3-4-3.

Offensive Offensivideen

Bevor wir zur Kritik an der Defensive kommen, soll zunächst die Paderborner Offensive gelobt werden. Angefangen beim Aufbauspiel.

Abstoß
Abstoß Paderborn

Magdeburg agierte gegen die Paderborner Abstöße, wie fast jedes Team, mannorientiert. Um der Paderborner 2-4-4 Staffelung zu entsprechen, wurde durch ZUrückfallen Bülters, Herausrücken Butzens und Manndeckung von Weil und Ignjovski flux ein 4-4-2. Paderborn spielte gegen dieses verhätnismäßig selten flach heraus. Optionen bestanden aber in Aufdrehen Klements nach weitem Zurückfallen sowie Chipbällen auf Collins.

Zumeist wurde aber der lange Pass auf den neuen Stoßstürmer Gueye gesucht, der wiederum auf die nachrückenden Mittelfeldspieler oder den zurückfallenden Zolinski ablegen konnte. Wenn man sich nicht direkt nach vorne durchspielen konnte, wurde der Ball über die linke Seite zurück gespielt, die Angriffe gegen das tiefe Magdeburger Angriffspressing gestaltet.

AP M
Ausgangssituation Paderborner Aufbauspiel. Manndeckungen im Zentrum, Bülter deckt nur Vertikalpässe.

In diesem positionierten sich die 3 Magdeburger Offensiven in Zwischenpositionen. Beck konnte Strohdiek und Hünemeier anlaufen, während die Halbstürmer entsprechend auf Innen- und Außenverteidiger achten sollten. Balldruck wurde dabei durchgehend nicht erzeugt, stattdessen schloss Beck nur den Horizontalen Pass zwischen den IV (der über Zingerle umgangen werden konnte), während die Halbstürmer vertikale Pässe abdeckten. Wenn der Ball zu einem Außenverteidiger gelangte, wurde die innere Bahn geschlossen, der Druck etwas erhöht.

Offen blieb der diagonale Weg nach innen. Sowohl in Pässen als auch Dribblings konnten Hünemeier und vor allem Strohdiek diese Richtung nutzen. Die Mittelfeldspieler hielten währenddessen ihre Manndeckungen, die Halbstürmer blieben außen. Paderborn kam somit entspannt in den Zwischenlinienraum, wo die zurückfallenden Bewegungen von Zolinski und Tekpetey von den Halbverteidigern aufgenommen und eng verfolgt wurden.

Dräger

 

Aus diesem Raum erfolgte die weitere Entwicklung der Angriffe hauptsächlich über rechts. Dräger überlief früh und erhielt den Ball neben Niemeyer. Gegen den als Flügelspieler ausgebildeten Gegner konnte sich Dräger einfach durchsetzen und zur Grundlinie stoßen. Währenddessen fiel Tekpetey im Halbraum auffällig weiter zurück, konnte Schäfer zum Herausrücken verleiten und Dräger besser isolieren. Die folgenden Flanken wurden flach angesetzt und peilten den am kurzen Pfosten einlaufenden Gueye an. Das erste Tor ist ein Musterbeispiel für einen solchen Angriff.

Wenn kein direkter Durchbruch gelang, konnte der Angriff auf Klement oder Tekpetey, die sich ballnah im Rückraum bewegte, fortgesetzt und mit Halbfeldflanken abgeschlossen werden. Die Magdeburger Defensive zeigte sich in der Anfangsphase kompakt, nicht aber geordnet gegen diese Angriffe. Unklare Verantwortungen und Zuordnungen erlaubten den Paderbornern mehr Zeit am Ball und in der Folge bessere Aktionen.

Neben diesem Plan A gab es weitere Elemente, die nicht unerwähnt bleiben sollen. Das Kreuzen am Flügel wurde organischer und flexibler eingebunden, Strohdiek bot sich proaktiv im fernen Halbraum an, spielte von dort weite Diagonalpässe auf Dräger. Zolinski bewegte sich intelligent und balancierte das Spiel durch Positionierungen im Halbraum.

Verlagerung

 

Auch Verlagerungen vor der Kette konnten genutzt werden. Da diese insgesamt in Manndeckungen gebunden ist und die beiden Mittelfeldspieler ballnah verschoben, erhielten nachschiebende Paderborner viel Zeit. Collins und Klement, gerade wenn dieser durch eine tiefere Position in der ersten Phase später in die Angriffe kam, nutzen diese Option.

Darüber hinaus konnte man durch das Herauslocken der Halbverteidiger Schnittstellen öffnen und für Steilpässe ausnutzen. Bei diesen allerdings zeigte sich das Tempo der Magdeburger Verteidiger, Tekpetey und Zolinski wurden locker abgelaufen.

Ein besonderes Lob soll an dieser Stelle an Babacar Gueye ausgesprochen werden. Der Neuzugang schafft durch seine Größe nicht nur eine neue, wenn mir auch unsympathische Waffe, in Form von langen Bällen, er hat auch eine unglaublich starke Ballkontrolle auf engem Raum, die er in Verbindung mit seiner Körperlichkeit zu schnellen Drehungen durch den Gegenspieler umsetzen konnte.

Paderborn kontrollierte die ersten 20 Minuten nach Belieben, verpasste es aber, weniger vertikal nach vorne zu spielen, als Magdeburg sich an die Spielweise gewöhnte, mit Niemeyer auf Dräger und der restlichen Kette auf die Paderborner Sturmreihe klarere Zuordnungen schuf und ersteren durch Bülter unterstützte. Paderborn kam zwar nach vorne, nicht aber zu Chancen und litt in der Folge im Umschalten.

Konterangriffe

Paderborn geht in seinem Angriffspiel hohes Risiko ein. Die Anspiele auf zurückfallende Flügel oder Stürmer mögen zwar effektiv wirken, erlauben dem Gegner bei Ballverlust aber einfache Konter durch die Halbräume. Wenn beispielsweise Tekpetey den Ball verlor, konnte Schäfer seine Dynamik direkt mitnehmen und das Paderborner Gegenpressing überlaufen, um in der Folge auf Bülter weiterzuleiten. Dieser konnte, bei seiner Statur überraschend enorm geschickt nach innen Dribbeln und den Raum vor der Paderborner Abwehr erreichen.

Beck

 

In diesem angekommen, wurde sofort der Pass hinter die Paderborner Kette gesucht. Vor allem Beck positionierte sich dafür perfekt im Rücken des fernen Innenverteidigers, um die innere Schnittstelle mit gutem Timing anzulaufen.

Zudem konnte Magdeburg leicht über frühe Diagonalpässe auf Costly zu Chancen kommen. Dieser positionierte sich neben Strohdiek und konnte seine GEschwindigekitsvorteile in Völle ausnutzen. Collins fehlte aufgrund seiner Rolle im Angriff, aber auch seiner Verantwortung, auf Butzen zu pressen, in diesem Moment.

Costly Mistakes

Um den letzten Punkt aufzugreifen, müssen wir einen kurzen Blick auf das geordnete Magdeburger Aufbauspiel und die Paderborner Reaktion darauf werfen.

AP P

Falls man versuchte, den Ball flach Herauszuspielen, fielen die beiden Halbverteidiger neben den Strafraum, während Brégerie höher in den Sechserraum schob, Ignjovski tief blieb und Weil etwas höher ging. Zudem blieben beide Wingbacks und die Halbstürmer breit.

Costly
Magdeburg verlagert, Jimmy muss auf den Halbverteidiger pressen, Collins öffnet Costly

 

Paderborn presste aus seinem 4-1-3-2 mit nach innen gebogenen Läufen. Der Ball sollte zu Brunst gespielt und dessen langer Schlag erzwungen werden. Als Redundanz, falls die Verlagerung gelang, pressten die Flügelspieler auf den ballfernen Halbverteidiger durch.

Diese Bewegung sorgte in beide Richtungen für Gefahr. Zwar gelang Schwede in der zweiten Hälfte eine Riesenchance aus einem genau so (wenn auch höher auf dem Platz) stattfindenden Ballgewinn, andererseits musste Collins auf Butzen herausrücken und somit Costly offen lassen. Ebendieser wurde mit langen Bällen gesucht, konnte er sich doch in jeder Aktion gegen Strohdiek durchsetzen und auf Zingerle ziehen.

Abgesehen von diesem Ablauf blieb das Offensivspiel mau. Lange Abstöße wurden mit einer 3-2-5 Struktur und kaum Präsenz im Gegenpressing auf Beck gespielt, das Mittelfeld hatte nur wenige Kontakte und blieb trotz starker Besetzung durch Pressingresistenzmonster Weil blass und mit kaum Einfluss auf das Spiel.

Fehleranalyse

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass ich kaum auf die Probleme in der Paderborner Defensive eingegangen bin. Dies möchte ich gesondert und detaillierter vornehmen als nur in Form einer Randbemerkung zur Magdeburger Offensive.

Die defensiven Schwächen drohen zu einer Sinnkrise der Paderborner Spielweise zur führen, eine solche wäre aber wohl kaum zielführend. Im folgenden werde ich zwischen systemischen und mikrotaktischen Schwächen unterscheiden und einschätzen, inwiefern sie zu beheben sind.

Systemische Schwächen

Riskante Redundanzen

Wie eben bereits angemerkt und auch in meine Saisonanalyse im Detail angesprochen, weist das Paderborner Angriffsprogramm enorm aggressive Redundanzen auf. Wenn der Stürmer überspielt ist, greift der Flügelspieler den Verteidiger an, wenn dieser überspielt wird, ist der Außenverteidiger an der Reihe. Damit kann der Druck zwar hoch gehalten werden, allerdings ergeben sich mit jeder Stufe größere Räume, die der Gegner nutzen kann, sobald Balldruck fehlt.

Die weiten Pässe auf Costly sind eine Folge, die Verlagerung auf die rechte Seite vor dem ersten Treffer, nachdem Magdeburg am linken Flügel mehrere Stufen (inklusive Innenverteidiger) überspielte, eine weitere.

Dieses Element ist ein fundamentaler Bestandteil der Spielweise, es kann unmöglich entfernt werden. Allerdings kann man an Details arbeiten. Die Läufe müssen früher erfolgen, zudem sollte man den Gegner verstärkt auf seine stark besetzte Seite leiten (bei Verlagerungen nach innen), auf der weniger freie Räume sind. Darüber hinaus sollte über Trigger nachgedacht werden, in deren Folge die Kaskade unterbrochen und stärker auf Kompaktheit geachtet wird.

Aufgerückte Abwehr

Oft und plakativ kritisiert ist das Verhalten der Abwehr, die bei Paderborn lange hoch steht und damit Räume im Rücken bietet. Auch dieser Aspekt ist dringend notwendig, wenn man hoch pressen möchte. Ganz im Gegenteil zur öffentlichen Meinung sehe ich die Paderborner Abwehr zu tief stehend. Eine maximal hohe Positionierung könnte die Zwischenlinienräume verkleinern und horizontale Dribblings erschweren. dadurch würde es weniger Aktionen aus den gefährlichen Räumen und weniger Pässe hinter die Abwehr geben.

Zum Hauptproblem der Abwehrkette kommen wir im nächsten Schritt.

Solo-Sechserraum

Der Zwischenlinienraum wird nicht nur durch die im Verlauf eines Spiels tiefer werdende Kette zu groß. Auch das Verhalten des Mittelfelds ist problematisch. Da Klement als Redundanz bei einem Durchbruch über den zentralen Innenverteidiger eingeplant ist, muss Gjasula den gesamten Raum im Zentrum alleine absichern.

Hier fehlt Krauße erheblich. Er hat zwar nicht die Kopfballstärke und Pressingresistenz Gjasulas, dafür aber eine höhere Dynamik, die es ihm erlaubt, aus einer tiefen Position viel Raum zu sichern. Gjasula versucht diese fehlende Reichweite durch verhältnismäßig höhere Ausgangspositionen zu kompensieren, öffnet somit aber den Raum direkt vor der Abwehr.

Eine tiefere Position beider Mittelfeldspieler oder eine dynamischere Besetzung der Sechs (Vasiliadis) kann hier Wunder wirken.

Mikrotaktik

Orientierung

SCPFCM

Das Hauptproblem der Paderborner Defensive ist nicht die Höhe der Kette, sondern ihre Orientierung. Alle Spieler sollten immer in einer offenen Spielhaltung sein, aus der sie sowohl nach vorne als auch nach hinten starten können, ohne komplett aufdrehen zu müssen. Wenn der Steilpass zudem offensichtlich möglich ist, sollten die bereits in die Rückwärtsbewegung starten, um einen dynamischen Vorteil auf den Stürmer zu bewahren.

In der obigen Szene ist von diesen Aspekten wenig zu sehen. Nur Hünemeier befindet sich in einer annähernd offenen Haltung, während Strohdiek und Collins frontal auf den Gegner gucken. Es ist leicht für Bülter, einen dynamischen Vorteil gegen die erst aufdrehende Paderborner Kette zu erzeugen und frei zum Schuss zu kommen. (Ganz ähnlich bei Becks Tor)

Überaggressivität

Eng mit dem obigen Punkt verbunden ist die hohe Aggressivität der Kette. Die Spieler orientieren sich zunächst nach vorne, fokussieren stets das Herausrücken und sind somit weniger auf Bälle in den Rücken vorbereitet. Diese Orientierung kann nicht nur zur Räumung der Innenverteidigung führen (siehe Köln), sondern auch zu riskanten Einzelaktionen. Dafür sind Strohdieks Grätschen, aber auch die im Zweikampf um einen flachen Ball angesetzten Flugkopfbälle Hünemeiers (z.B. beim 4:3) zu nennen.

Tempo

Im Kontext mit dem niedrigen Tempo und der hohen Kette ist auch das Tempo der Paderborner Verteidiger zu nennen. Strohdiek ist zwar keinesfalls langsam, ihm fehlt aber die Geschwindigkeit eines Varane, mit der Orientierungsfehler jederzeit ausgebügelt werden können.

Zusammenfassung Fehleranalyse

Es gibt im wesentlichen drei Aspekte, die Paderborn noch stärker fokussieren muss. Kompaktheit, Alternativen der Sicherung und Orientierung. Die beiden ersten Punkte lassen sich durch veränderte taktische Anweisungen relativ schnell beheben. Eine höhere Kette kann man Einfordern, tiefere Positionen der Mittelfeldspieler auch. Für die Sicherung müssen eindeutige Trigger entwickelt und spielnah eingeprobt werden, damit alle Spieler sie simultan erkennen und entsprechend reagieren.

Die Orientierung ist schwieriger und langwieriger zu verbessern. Da diese kontinuierlich und ständig dynamisch angepasst werden muss, bleibt den Spielern keine Zeit zum Nachdenken. Das Verhalten muss ins Unterbewusstsein übergehen, instiktiv werden. Dies erfordert viel Training und beharrliche Korrektur durch die Trainer. Steffen Baumgart hat eine neue Aufgabe.

Fazit

Paderborn zeigt erneut eine ansprechende Leistung in der Offensive, defensiv aber große Schwächen. Magdeburg nutzt diese fokussiert aus und kommt mit einer Willensleistung mehrfach zurück. Man sollte nicht nur Euphorie aus diesem Spiel mitnehmen. Man muss sich weiterhin dessen bewusst sein, dass die Offensive nicht wirklich flexibel ist, wenngleich man die Paderborner Schwächen ideal ausnutzte.

Auf Paderborner Seite steht zu hoffen, dass in Reaktion auf die Flut an Gegentoren nicht alles eingerissen wird, sondern an den oben beschriebenen, wichtigsten Stellschrauben gedreht wird. Darüber hinaus kann gehofft werden, dass man sich wieder stärker auf den ruhigen Ballbesitz konzentriert, der einen in der vergangenen Saison stabilisiert hat, dass man auch mal horizontal spielt, ohne jederzeit die tiefste Option zu suchen.

Die englische Woche kann für beide Teams zur Probe werden, ob die Lektionen gelernt wurden.