Beidseitig Einseitig Vielseitig

Am 10. Spieltag empfing der Tabellensechste den Tabellenfünften, die zweitbeste Offensive die beste Defensive und Steffen Baumgart seinen Herzensverein. Aus dieser Ausgangslage ließe sich eine Vielzahl interessanter Spielverläufe und großer Geschichten ableiten, das Schicksal jedoch wählte die in Bayern unter Stimmverlust leidende konservative Option.

Das 0:0 war leider genauso wenig von spielerischen Glanzmomenten dominiert wie von Toren, war über weite Strecken eher langweilig, dafür aber, um dem Fußballsprech zu entsprechen, spannend – was auch immer das heißen mag.

Mannschaftsaufstellungen

SC Paderborn - FC Union Berlin

Auf Paderborner Seite gab es im Vergleich zur vergangenen Partie zwei Wechsel. Jimmy ersetzte Tekpetey auf der rechten Außenbahn, während der nach 8 Spielen bereits gelbgesperrte Gjasula von Vasiliadis ersetzt wurde. Insgesamt blieb es bei der altbekannten 4-1-3-2-Formation mit ungewohnt kleiner Besetzung.

Auf Berliner Seiten gab es ebenso zwei Änderungen. Rechtsverteidiger Reichel wurde durch Lenz und hängende Spitze Zulj durch Felix Kroos ersetzt. Mit diesen personellen Wechseln formierte man sich in einem System, das in Ballbesitz 4-3-3-ähnlich agierte und in der Defensive verschiedenste Formen annahm.

Pressing-Variationen

Das interessanteste Element der Partie ließ sich zweifelsohne im Berliner Pressing. Im Unterschied zu den meisten anderen Teams gab es abhängig von der Höhe des Pressings eine klar definierte taktische Marschroute.

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Wenn Paderborn tief am eigenen Strafraum, zum Beispiel bei Abstößen, aufbaute, wurde in klaren Mannorientierungen Zugriff gesucht. Stürmer Andersson bewegte sich dafür nach halblinks auf Schonlau, während Strohdiek wechselnd von Prömel oder Gogia besetzt wurde. Wenn letzterer in die zentral höhere Position wechselte, wurde der linke Prömel übernommen. Die verbleibenden Mittelfeldspieler nahmen ebenfalls Mannorientierungen auf die korrespondieren Paderborner Außenverteidiger sowie zentralen Mittelfeldspieler auf, wobei Schmiedebach zwischen enger Verfolgung und tieferer Position variierte.

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Das Ziel dieser Ausrichtung ist natürlich klar erkennbar. Dadurch, dass unmittelbar Druck auf jeden Paderborner hergestellt werden kann, fehlen Zingerle die Optionen im flachen Aufbauspiel. Der Pass auf einen der Innenverteidiger konnte noch gespielt werden, dann aber geriet Zingerle durch das bogenförmige Durchlaufen des ballnahen Stürmers unter Druck und spielte, auch in Ermangelung riskanter vertikaler Freilaufbewegungen der Innenverteidiger hoch und weit auf Gueye.

MF

Wann immer ein Übergang ins Mittelfeld durch Ablagen der Stürmer oder durch vereinzelt mögliche Anspiele auf den zeitweise weit ausweichenden Klement gelang, fiel Union sofort in ein stärker raumorientiertes 4-4-2-Mittelfeldpressing zurück, in dem Andersson in vorderster Linie nach rechts wich und (aus irgendeinem Grund) von Kroos unterstützt wurde.

Paderborn fächerte gegen diese Staffelung symmetrisch auf, Vasiliadis bewegte sich zentral hinter und zwischen der ersten Linie, während Klement sich halblinks auf Höhe des Mittelfeldbands postierte und gelegentlich mannorientiert von Prömel verfolgt wurde.

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Die Innenverteidiger wurden durch die Stürmer angelaufen, die durch ihre eingerückte Augangsposition zugleich den Sechserraum abdecken und die Innenverteidiger nach außen abdrängen konnten. Sobald der IV nun unter Druck war, wurden engere Orientierungen zu den Gegenspielern aufgenommen. Ballgewinne wurden vor allem dann erzwungen, wenn Strohdiek den Ball auf den in den extrem verengten Halbraum zurückfallenden Schwede spielte, der sich, wiederum von Trimmel verfolgt, schnell in einer 1v4 Pressingfalle befand.

3

Paderborn blieben nun weitestgehend vier Möglichkeiten. Ein Anspiel auf den eng gedeckten Klement, der sich häufig dennoch lösen konnte, ein langer Schlag Richtung Gueye, die Verlagerung auf den ballfern früh überlaufenden Dräger, oder aber die Ausnutzung des Verfolgens der Rückfallbewegung mit Pässen auf den in Reaktion darauf nach außen weichenden Stürmer (Chipbälle IV oder Longlinepässe AV). Die Effektivität dieses Mittels wurde ganz erheblich durch eine überragende Leistung beider Innenverteidiger eingeschränkt.

Im Abwehrpressing formierte sich Union abermals um. Kroos fiel aus der höheren Position ins Mittelfeld zurück, während Schmiedebach enger an der Abwehr absicherte. Die Abwehrkette formierte sich in Antizipation Paderborner Steilpässe eng, wodurch die Flügelverteidigung hauptsächlich von Gogia und Hartel übernommen musste.

6

Aus der Beobachtung, dass Strohdiek sich vor allem weit und diagonal aus dem Pressing zu befreien versuchte und Schonlau etwas erfolgsstabiler lineare Aktionen anbringen konnte, folgte eine Fokussierung der rechten Seite im Angriffsspiel. Auf dieser postierten sich Dräger, Jimmy und Gueye in einem Dreieck, aus welchem ersterer häufig am Flügel freigespielt werden konnte. Die verhältnismäßig enge Position von Lenz erlaubte ihm zwar Platz und Zeit, um Flanken anzusetzen, verhinderte diagonale Aktionen in den Strafraum aber fast gänzlich.

Dass (hohe) Flanken im Allgemeinen ein wenig erfolgversprechendes Mittel sind, sollte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Im Speziellen sank die Erfolgschance durch die kleine Besetzung der Offensive sowie die in Fortsetzung von Kombination etwas tiefere Position des einzig großen Angreifers Gueye noch weiter. Nur eine Flanke führte direkt zum Torabschluss, eine weitere konnte im Rückraum wiedergewonnen weden und führte zur wohl besten Paderborner Chance.

Neben diesen organisierten Abläufen ist das individuelle Defensivverhalten von Hübner und Friedrich gesondert zu loben. Beide fanden passendes Timing, um bei Pässen auf die Stürmer herauszuschieben und den Ball zuerst zu erreichen, sicherten einander gut ab und standen nicht zuletzt bei Flanken und hohen Bällen sicher. Die Qualität der Defensivleistung in dieser Partie drückt sich ausgezeichnet in nur 8 Paderborner Schüssen aus, was lediglich einem knappen Drittel des Saisonschnitts entspricht.

Anpassung zweite Hälfte

5

Zur zweiten Halbzeit nahm Paderborn eine Anpassung des Positionsspiels bei Abschlägen von Zingerle vor. Die Mittelfeldspieler bewegten sich nun konstanter tief vor dem eigenen Strafraum, sodass der Unioner Sechserraum weit geöffnet wurde. Besetzt wurde diese Zone durch Schwede und Jimmy, die ihre breite Position verließen und sich im Stile einer Doppelzehn innen postierten, wo sie mit langen Bällen gesucht werden konnten.

Auch hier blieb es allerdings bei einem Versprechen von Torgefahr. Zum einen konnten die Innenverteidiger mit dem Wissen, dass die Kette adäquat durchsichert, herausrücken, zum zweiten konnte das Mittelfeld während der Flugzeit des Balles nachschieben (und passte sich schnell in Form einer tieferen Position Schmiedebachs an) und zum Dritten ist es nicht ganz einfach, einen 60 Meter weit fliegenden hohen Ball statisch anzunehmen und dabei aufzudrehen.

Lang(weilig)e Bälle

Während das Paderborner Spiel mit Ball bereits langweilig war, so empfand ich Union als nochmals uncooler. Die Situation ist dabei schnell beschrieben:

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Union baute aus einer flachen Viererkette auf, in der sich Trimmel noch tiefer als Lenz positioniert. Paderborn presste aus einem 4-1-3-2, kann durch inneres Pressing der nahen Stürmer viel Druck auf die Innenverteidiger erzeugen, die den Ball entweder zu Gikiewicz, der gegen den durchpressenden Stürmer zum langen Ball griff oder auf die Außenverteidiger spielte, die proportional zu ihrer tiefen Position mit größeren Abständen zu den anlaufenden Paderborner Flügel zwar viel Zeit erhielten, diese aber ebenso in lange Bälle umsetzten.

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Die Offensiven formierten sich derweil recht eng, Hartel und Gogia gingen nur ca. strafraumbreit, Andersson wich haupsächlich ballnah, insgesamt aber mit Rechtsfokus aus. Die Achter gingen ebenfalls hoch und eng, ca 10 Meter hinter der letzten Linie. Die langen Bälle wurden wenig verwunderlich auf Andersson geschlagen. Zeit für die Außenverteidiger war zudem ein offensichtlicher Trigger für Tiefenläufe der ballnahen Spieler.

Union konnte trotz der limitierten Spielweise viele Bälle darüber halten, da man eine Überzahl vor der Paderborner Abwehr hatte. Sowohl bei zu kurz geratenen Bällen als auch bei Ablagen hatten Kroos und Prömel numerische sowie physische Vorteile gegen den aufgrund von Klements höherer, auf Schmiedebach lauernder Position, alleine im Sechserraum verbleibenden Vasiliadis.

Union erhielt den Ball in einer guten Position, verlor ihn aber schnell wieder an das Herausschieben der Innenverteidiger, Rückwärtspressing des zuvor ballfern tieferen Wingers oder unpräzise Steilpässe, die von Collins abgelaufen werden konnten. Paderborn ist zwar immer noch relativ inkompetent im Absichern des Herausrückens eines Spielers (siehe Chance 68. Minute), zwang sich aber häufiger in engere Staffelungen, in denen die Schnittstellen minimiert werden konnten.

Union zeigte sich dagegen ungeschickt und konnte die Räume neben der engen Kette durch mangelnde Tororientierung (im Sinne von: zu tiefe Positionen, zu späte, zu langsame Läufe, zu weit nach außen) der nun freien Flügelstürmer nicht ausnutzen.

Zuletzt kam Union dann zu Torgefahr, wenn man Einwürfe, Ecken oder stumpfe Halbfeldflanken auf den zumeist stark besetzten zweiten Pfosten im Fünfmeterraum zog. Zingerle zeigte bei diese hohen Hereingaben erhebliche Schwächen, versuchte den Ball weder zu fangen noch zu fausten und lenkte ihn somit oft nur mit den Fingerspitzen nach vorne – Eventuell ist seine Vorsicht in Kopfballduellen noch eine psychologische Folge, ein Schutzreflex, seiner Gehirnerschütterung im vergangenen Spiel.

Insgesamt konnte auch Union nicht überzeugen, kam im Spiel ebenfalls nur zu 8 Abschlüssen, von denen immerhin 3 enorm gefährlich waren.

Hübnerragend

In der zweiten Halbzeit löste Hübner das Pressing zwei mal grandios auf, indem er unter Druck nach außen andribbelte und einen kurzen diagonalen Pass auf den weit zurückfallenden Hartel spielte. Allerdings blieben solche Momente die Ausnahme.

Umschaltmomente

Union Berlin hatte Vorteile durch die Überzahl im Zentrum, Paderborn hatte Klement. Hübner und Friedrich verteidigten viele Konter individuell weg. Dräger und Collins liefen viele Steilpässe nach Kontern ab. Beide Teams hatten Ansätze für gefährliche Konter, beide Teams blieben letztendlich ungefährlich.

Fazit

Paderborn spielt in der ersten Halbzeit ansprechender, ohne große Glanzpunkte zu setzen, Union setzt in der zweiten Halbzeit Glanzpunkte, ohne ansprechend zu spielen. Paderborn verteidigt gut, Union überragend. Das Spiel verdient keine Tore, dafür aber beide Mannschaften ihren Platz im oberen Tabellendrittel.

 

 

 

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