Eine Studie in Wahnsinn

Fußball ist die beliebteste Sportart und das größte Unterhaltungsformat der Welt. Milliarden von Menschen verfolgen den Sport, feiern, lachen und weinen wegen ihm. Sport im Allgemeinen und Fußball im Speziellen ergreift uns in unvergleichbarem Maße.

Warum lieben wir diesen Sport? Wegen der Spannung? Der Unberechenbarkeit? Des Gemeinschaftsgefühls? Der Geschichten? Der Ästhetik der Bewegung? Oder der Ergebnisse?

All diese Gründe sind gleichwertig, persönlich und in ihrer Bedeutung stark vom Einzelnen abhängig – mit einer Ausnahme. In seinem tiefsten Innern schaut niemand Fußball wegen der Ergebnisse – wie ließe es sich anders erklären, dass Vereine wie Schalke oder Liverpool erfolgreich sind. Ergebnisse spielen keine Rolle in der Begeisterung für den Fußball, dennoch sind sie in der kurzfristigen Betrachtung allgegenwärtig.

Wenn man die selben Fans, die einen chronisch meisterschaftslosen Verein wie den FC Schalke unterstützen, nach ihrer Meinung zum letzten Spiel fragt, werden die Antworten in erheblichem Maße vom Ergebnis geprägt sein. Nach einer Niederlage wird man Wut, Frustration und Resignation spüren, nach Siegen Glück, Zufriedenheit und Erfüllung.

Ergebnisse haben diesen Einfluss auf unser Empfinden, weil sie im ständigen Kontrast zu unseren Erwartungen stehen. Jedes Spiel stellt eine leere Leinwand dar, auf die wir unsere Wünsche projizieren können. Unsere Hoffnung auf ein gutes Spiel, unsere Hoffnung auf Tore, unsere Hoffnung auf Stimmung, unsere Hoffnung auf Überraschung. Ergebnisse sind der manifestierte Bruch mit diesen Erwartungen. Während ein Spiel immer offen und voller Möglichkeiten ist, stehen Ergebnisse fest. Ein Fehlpass ist schnell vergessen, ein Tor steht.

Ergebnisse haben nicht nur einen riesigen Einfluss auf unser direktes Empfinden, sondern auch auf unsere Erwartungen. Der bloße Spielstand prägt die Wahrnehmung stärker als jedes momentane Spielgeschehen. Abermals: Ergebnisse stehen fest, Spiele sind offen.

Die Partie zwischen dem SC Paderborn und Holstein Kiel steht symptomatisch für den Einfluss von Ergebnissen. Die Enttäuschung, die bei vielen Paderborner Fans zu spüren ist, ist verständlich. Vor dem Spiel erwartete man eine gefestigte Defensive, nach der 3:1-Führung einen klaren Sieg, beide Erwartungen wurden gebrochen. So sehr, dass sogar der überraschende Ausgleich nur zu kurzfristigem Glück führte.

Es schmerzt mich sehr, den negativen Blick auf dieses Spiel zu sehen. Einen Blick voller Wut und Enttäuschung. Einen Blick, der nur dem Ergebnis zu gelten scheint. Fußball ist mehr als Ergebnisse, Fußball ist Unterhaltung, Fußball ist Kunst, und dieses Spiel ein Meisterwerk.

Ein Meisterwerk, das von 22 Künstlern gestaltet wurde. Ein Meisterwerk, das in Phasen einer perfekten Choreographie glich, einer Choreographie voller Tempo, voller Überraschung, voller Individualität und Emotionen. Ein Meisterwerk, das zur gleichen Zeit individuell, von der Kreativität der einzelnen Spieler, und kollektiv, von den Mustern, die zusammen weit mehr als die Summe ihrer Teile waren, geprägt wurde.

Ein Meisterwerk, das größer, bedeutsamer und schöner ist, als ein Ergebnis es je sein könnte.

Aufregende Autopsien

Es fällt mir schwer, eine Analyse zu schreiben, die meine Begeisterung über diese Partie vollumfänglich zum Ausdruck bringen kann. Taktik wirkt oftmals kalt, wie eine zynische Zerstückelung des Spiels in seine Einzelteile. Die genaue und detaillierte Betrachtung impliziert Objektivität. Doch neben der durchaus objektiven Wiedergabe der taktischen Konstellation urteilt man immer auch über das taktische Niveau des Spiels. Diese Beurteilung eines Spiels hat zwei Dimensionen: Erstens die Qualität der Aktionen zum Ziele eines positiven Ergebnisses und Zweitens die Originalität in der Ausführung.

Analog zu meinen obigen Erklärungen möchte ich den Leser bitten, die erstere Dimension, den Nutzen, etwas außer Acht zu lassen und sich dafür voll und ganz dem hinzugeben, was den wahren Reiz des Sports, den wahren Reiz dieses Spiel und den wahren Reiz dieser Mannschaften ausmacht – Originalität

Aufstellungen

sc-paderborn-kieler-sv-holstein3

Auf Paderborner Seite gab es vier Wechsel in der Startaufstellungen. In der Innenverteidigung wurde Kapitän Strohdiek überraschend von Hünemeier ersetzt, während Klement auf seinen Stammplatz im Maschinenraum zurückkehrte. Auch in der Offensive gab es Änderungen, Zolinski und Jimmy kamen neu in die Mannschaft, die sich im gewohnten 4-1-3-2 formierte.

Bei Holstein Kiel gab es ebenfalls einige Wechsel zu vermelden. Innenverteidiger Thesker begann anstelle von Karizor und gab prompt mit seinem ersten Ballkontakt die Vorlage für den Paderborner Führungstreffer. Darüber hinaus kamen Meffert und Serra für Schmidt und Okugawa in die Partie.

Neben diesen Wechseln gibt es einige weitere Spieler, die auf Kieler Seite hervorzuheben sind. Wahl organisierte das wahnsinnige Kieler Aufbauspiel, während Kinsombi mit seinen flexiblen Positionierungen essenziell für den Spielvortrag war. Der Südkoreanische Nationalspieler Lee schuf Verbindungen im Zehnerraum, Schindler finalisierte die Angriffe mit hoher Dynamik und gutem Einlauftiming.

Eine Studie in Wahnsinn

Die erste Szene eines jeden Spiels ist von besonderer Bedeutung. Keine Mannschaft möchte dem Gegner die Initiative oder gar eine Tormöglichkeit überlassen. Die Sonderstellung des ersten Anstoßes geht so weit, das Teams wie Olympique Marseille den ersten Ball ins Toraus schlagen, um das eigene Angriffspressing, den Druck auf den Gegner in dessen Bewusstsein zu brennen.

Kiel spielte keinen langen Ball. Kiel hatte nicht die Initiative. Kiel ließ eine Chance zu. Kiel kassierte ein Tor. In 9 Sekunden.

In der ersten Aktion des Spiels spielte Kiel den Ball zu Sechser Meffert. Dieser leitete unter Druck zu Van den Berg weiter, der wiederum von Zolinski angelaufen unmittelbar zu Innenverteidiger Thesker spielte. Doch der Pass geriet zu kurz, Gueye zuerst an den Ball. Es stand 1:0, nach 9 Sekunden. Paderborn hatte an jedem Punkt des Spielzugs Zugriff auf den Ballführenden. Der ballnahe Stürmer attackierte den Innenverteidiger, der ballferne Stürmer deckte den Sechser, Zolinski deckte den Außenverteidiger, Klement und Jimmy die Achter.

vlcsnap-2018-11-10-08h07m39s530

Die erste Aktion war ein Statement für Paderborns Plan in der Defensive: Angriffspressing, Balldruck, Kompaktheit.

Diese erste Aktion kann nicht nur im Bezug auf Paderborn gelesen werden. Vielmehr schafft sie eine Perspektive für Kiels Vertrauen ins eigene Spielsystem Nachdem man in einer denkbar risikoarmen Aufbauszene, der ersten des Spiels, ein Gegentor fängt, schraubt man das Risiko nicht hoch. Außer natürlich man heißt Tim Walter.

Ein Vergleich

Um den Unterschied der beiden Ansätze vollumfänglich zu verstehen, bietet sich ein Vergleich an. Paderborn hat einen sehr riskanten, offensiven Spielansatz. Beide Innenverteidiger schieben breit auseinander, die Außenverteidiger ca. 10 Meter vor ihnen bis an die Außenlinie. Die vier offensivsten positionieren sich allesamt in der letzten Linie. Das Mittelfeld wird von nur zwei Spielern besetzt: Klaus Gjasula und Philipp Klement.

Nur um klar zu sein: Ein Ballverlust des Innenverteidigers sorgt für einen Konter gegen ganze zwei Spieler in der letzten Linie, weder Mittelfeldspieler noch Außenverteidiger sind strukturell signifikant besser abgesichert, wenngleich der größere Weg zum Tor dynamische Sicherung erlaubt.

vlcsnap-2018-11-10-08h18m03s966.png

Die Störche wollten dieses Risiko zu ihrem Vorteil nutzen, indem die ein aggressives Angriffspressing aus einem 4-Raute-2 anlegten. Vom Abstoß an wurde der ballführende Innenverteidiger in höchstem Tempo vom ballnahen Stürmer angegriffen, während der ballferne Stürmer bis vor den Torwart aufrückte und Querpässe verhindern sollte. Der Sechserraum wurde unterdessen von Lee gedeckt, Pässe auf die Außenverteidiger vom ballnahen Achter angelaufen.

Das Kieler Pressing zeigte sich dabei ambivalent. Bei gutem Timing des Anlaufens auf den Außenverteidiger konnten Ballgewinne erzwungen werden, allerdings gab man gerade durch die hohe Position des ballfernen Achters viel Raum vor der eigenen Abwehr preis. In obiger Situationen bedarf es nur einer kleinen Verspätung, einer besseren Körperhaltung von Dräger oder eines Doppelpass mit Gjasula, kurz gesagt einer Auflösung des Pressings, um diesen Raum über einen diagonalen Pass anspielbar zu machen

vlcsnap-2018-11-10-16h08m39s555.png

Obwohl Kiel bei Anspielen auf diese stabil instabilen Druck erzeugte, blieben Pässe der Außenverteidiger das prominenteste Mittel im insgesamt gebremsten Paderborner Aufbauspiel. Um diese zu verarbeiten, fiel meist der ballnahe Stürmer entgegen, während der Flügelspieler hinter ihm in die Tiefe startete.

vlcsnap-2018-11-10-16h08m50s368.png

Zudem gab es einzelne Aktionen, in denen der Außenverteidiger sich nach innen lösen und einen Pass in die ballferne Mitte spielen konnte, die ihrerseits, aufgrund der vormalig hohen Position der ballfernen Achters sowie das im Verlauf des Flügelangriffs weite Mitschieben des Sechser geöffnet wurde.

Glücklicherweise wurden die Angriffe seltener über die von mir in der vergangenen Woche kritisierten dynamischen Rückfallbewegungen und Nach-außen-kreuzen der Stürmer gestaltet. Solche Spielzüge, bei denen Spieler Anschlussaktionen entgegen ihrer Laufrichtung ansetzen müssen, kamen zwar weiterhin (zum Beispiel Anfang der 31 Minute) aber in erheblich geringerer Zahl vor.

vlcsnap-2018-11-10-11h46m32s302.png

Paderborn konnte Angriffe also über die Außenverteidiger ausspielen, ging damit aber ein hohes Risiko ein. Zum einen erzeugten die Kieler Achter früh Druck, zum anderen entwickelte Kiel bei Flügelangriffen eine enorme horizontale Kompaktheit. Diese konterte Paderborn zwar über ebenfalls engere Positionierungen, stabilisierte damit zwar das Gegenpressing, beraubte sich aber gleichzeitig der Verlagerungsoptionen.

Zumeist stand lediglich der ballferne Außenverteidiger zu diesem Zwecke zur Verfügung, die Verlagerung erfolgte häufig über Klement, der sich über kleinräumige Dribblings aus den Kompaktheiten lösen konnte. Die Stabilität, die er bei diesen schwierigen Lösungen an den Tag legte, war abermals beeindruckend.

Paderborn hatte insgesamt dennoch Probleme, Chancen aus kontrolliertem Ballbesitz zu erspielen. Das hohe Pressing und kompakte Verschieben machte mehr Probleme als der geöffnete Zehnerraum Chancen anbot.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Paderborn eröffnete mit zunehmender Spielzeit mit immer mehr langen Bällen auf Gueye, der diese wiederum in die äußeren Schnittstellen der Viererkette spielen sollte, die bei Kiel durch höhere Ausgangspositionen der Außenverteidiger und vor allem deren verzögertes und somit asynchrones Zurückfallen relativ offen waren. Eine solche Verlängerung auf Hünemeier sorgte in der 90. Minute für den Ausgleichstreffer.

vlcsnap-2018-11-10-17h24m47s997

Insgesamt hatte Paderborn Probleme, mit längeren Ballbesitzphasen zu Torchancen zu kommen. In der ersten Hälfte suchte man Überladungen der linken Offensivseite durch Herüberschieben von Klement. Während Kiel in einem 4-3-1-2 mit recht geringer Besetzung des Mittelfelds agierte, gelang es Paderborn nur selten, in den offenen ballfernen Halbraum zu kommen. (den man zumeist selbst nicht besetzte)

Diese Diashow benötigt JavaScript.

In den Situationen, in denen man Zolinski erreichen konnte, zeigte sich Serra, zuvor in hoher Position zockend, aufmerksam im Rückwärtspressing.

Positionsspiel-Konter

Während sie selbstverständlich für offene Räume in der Defensive sorgten, hatten die hohen Positionen der vorderen drei Spieler einen vernichtenden Effekt in Kontern. Da Paderborn meistens nur eine Restsicherung durch die beiden Innenverteidiger und den ballfernen Außenverteidiger hatte, konnte Kiel mindestens in Gleichzahl kontern.

vlcsnap-2018-11-11-09h31m33s323

Im Speziellen bewegte sich Schindler stets auf der Blind-Side, vom Ball aus gesehen im Rücken von Hünemeier, während Serra die linke Schnittstelle in der Viererkette attackierte. Lee diente als diagonale Verlagerungsoption in der ballfernen Mitte, während die Achter unterstützten und gerade in Person von Kinsombi, durch Überlaufen eine breite Option neben der Abwehrkette schufen.

vlcsnap-2018-11-11-09h40m30s511

Man konnte bereits an Kiels Kontern erkennen, dass die Mannschaft ein gutes Positionsspiel ausführt. Zu jedem Zeitpunkt werden Optionen in verschiedenen Breiten und stets im Rücken des Gegners geschaffen, diagonale Verbindungen und die Besetzung des Zentrums sind essenziell.

Diese Elemente schienen in allen Kontern, die Kiel nach zentralen Ballgewinnen spielen konnte klar erkenntlich durch. Um dies zu zeigen, dient ein Blick auf den Abseitstor Hattrick um die 23. Minute:

vlcsnap-2018-11-11-09h44m49s554
Kiel gewinnt den Ball über Vorverteidigen von Van den Berg auf den einrückenden Klement. Lee positioniert sich zentral, damit im Rücken des Paderborner Mittelfelds und wird selbstverständlich angespielt
vlcsnap-2018-11-11-09h44m59s284
Lee kann den sich bietenden Raum nutzen, um auf Kinsombi weiterzuleiten, der sich zuvor breit auf der rechten Seite positioniert hatte. Schindler und Serra starten abermals im Rücken des nächsten Verteidigers in die tiefe. Es folgen Steilpass auf, Tor von und Abseitsentscheidung über Schindler.
vlcsnap-2018-11-11-09h45m19s649
Aufs Neue. Ballgewinn ins Zentrum, diagonales Anspiel durchs Zentrum (diesmal auf Mühling), Stürmer in Schnittstellen, Steilpass auf Schindler, Abseits.

An dieser Stelle darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, warum sich Kiel diese eklatanten Räume überhaupt anboten. Wie bereits zu Beginn, zum Paderborner Ballbesitz angemerkt, ist dieser mit einem großen Risiko verbunden. Die Besetzung des Mittelfelds ist mit zwei Spielern gering, vor allem wenn man gegen Kiels situativ enge Mittelfeldraute spielt.

Paderborn geht nach Ballverlust unmittelbar ins Gegenpressing über, rückt dabei aber nicht schnell genug nach und insbesondere in den ballfernen Halbraum ein. Zuletzt fällt die Abwehr bereits im Moment des Ballverlusts, unter Vorhandensein von Balldruck, zurück, wodurch viel Raum hinter dem Mittelfeld geöffnet wird.

Diese Probleme sind keineswegs neu. Bereits zum letzten 4:4, gegen Magdeburg, widmete ich mich ausführlich den wiederkehrenden Fehlern in der Paderborner Defensive – und, nun ja, sie kehrten wieder.

(Um das Disaster komplett zu machen. Auch das Durchsichern der Abwehr zur ballnahen Seite, in seiner Extremform von mir angesprochen, wurde von Schindler ausgenutzt. Bei Angriffen über die linke Seite blieb er breiter als Collins und konnte dort nach Verlagerung eingesetzt werden.)

Ich habe vor dem Spiel fest mit Gegentoren gerechnet, diese Probleme waren auch in den vergangenen Spielen nicht bewältigt. Dementsprechend stehe ich auch den Aussagen von Baumgart, der Kritik an der eigenen Defensive ambivalent gegenüber. Natürlich hat er Recht damit, dass man in der zweiten Liga nicht so verteidigen kann, das ist aber zum Einen nichts Neues und zum Anderen hauptsächlich seine Verantwortung. Es wirkt mir nicht so, als ob man die Fehler erkannt hätte und sie beheben wolle, sondern eher wie eine Forderung, dass die Spieler systemische Probleme selbstständig beheben sollen.

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Schlussendlich möchte ich auf meine Ausführungen über den Spaß am Fußball zurückkommen. Spiele, in denen viele Tore fallen, sind generell unterhaltsam. Unerwartete Änderungen, wie zum Beispiel eine stärkere Mittelfeldbesetzung, würden aber für Überraschung und somit mehr Freude sorgen.

Mehr Wahnsinn

Während ich auf Paderborner Seite fehlende Überraschung lamentieren kann, kann ich bezüglich Kiels Ballbesitzspiel nur frohlocken. Die Störche, schon in der vergangenen Saison unter Markus Anfang ungewöhnlich offensiv, haben nun, unter Tim Walter, den endgültigen Sprung von der Klippe der Vernunft gewagt – und es ist wunderbar.

An dieser Stelle möchte ich abermals darauf verweisen, dass Kiel mit seiner ersten Ballbesitzphase ein Tor kassierte und nur zehn Minuten später einen weiteren Treffer nach Konter fing. Kiel setzte seine Taktik nicht wegen des Spielverlaufs um, sondern trotz dessen. Kiel fing sich Konter um Konter, änderte aber nichts. Während Paderborn an der Grenze zum Wahnsinn tanzt, hat Kiel ihn verinnerlicht.

Das Aufbauspiel der Störche ist einzigartig. Tim Walter hat es sich bereits in seiner Zeit bei Bayern München zum Ziel gemacht, eines der letzten Paradigmen im Fußball zu sprengen – die Innenverteidigung. Während alle anderen Positionen durch verschiedenste Rollen erweitert wurden, während Stürmer zurückfallen, Flügelspieler und Außenverteidiger einrücken, Achter herauskippen, Sechser zurückfallen und Torhüter vorrücken ist die Innenverteidiger-Position seit jeher die letzte Bastion der Solidität. Innenverteidiger können zwar breit stehen und Andribbeln, aber unter keinen Umständen die erste Linie verlassen.

Keine Mannschaft nutzt ein Vorrücken der Innenverteidiger in höhere Zonen durchgängig, nur einzelne Visionäre wie Sergio Busquets unter Guardiola, John Stones unter Guardiola, Frenkie Beckenbauer… ähm… De Jong, Hauke Wahl, Stefan Thesker und Atakan Karazor rücken, als Innenverteidiger spielend, ohne Ball häufig nach vorne.

Kiel ist einmalig. Während Paderborn über Gjasula und Klement Verbindungen vor der Abwehr schafft, schiebt Kiels komplette Mittelfeldraute ca. 30 Meter vor die Abwehr. Lediglich und einzig und allein Meffert hat die Lizenz, vereinzelt als Sechser zu spielen. Während die Raute in offensiven Zonen vor allem in ihrer Breite variiert, Kinsombi und Mühling spielen nämlich am Flügel, solange die Außenverteidiger tief sind, spielt die Abwehrkette komplett fluide.

Die hohe Position des Mittelfelds räumt riesige Areale vor der Kieler Abwehr, die in der Folge von aus der Kette herausrückenden Spielern besetzt werden.

vlcsnap-2018-11-10-08h39m35s640.png

Ein relativ sicheres, und mittlerweile anerkanntes Mittel, ist das Einrücken der Außenverteidiger, in diesem Fall hinter die erste Paderborner Linie im 4-4-2. Wenn der Ball zum Torwart kam, schoben die Innenverteidiger situativ breit, woraufhin Van den Berg einrückte und das Zentrum besetzte. Tekpetey kann als ballferner Stürmer nur schwerlich Zugriff im ballnahen Halbraum erzeugen, während Zolinski durch Van den Bergs enge Position nach innen gezogen wird.

Dieser konnte nun entweder mit viel Raum und Zeit angespielt werden, um Paderborn nach hinten zu drücken, oder aber als in die äußere Schnittstelle des Paderborner Mittelfelds einlaufender dritter Spieler in einer Kombination mit Kinsombi genutzt werden. Das komplementäre Verhalten von Außenverteidiger und Achter ist ein häufiges Mittel und ergibt sich in gleicher Form nach simplen Longlinepässen, auf die die Außenverteidiger in den Halbraum ziehen.

vlcsnap-2018-11-10-12h10m48s942.png

Anspiele auf Kinsombi waren allerdings nicht nur ein Trigger für Van den Bergs Einrücken. Auch Paderborn nutzte dieses Anspiel auf den geschlossen stehenden Achter als Trigger für Drägers Herausrücken. Paderborn konnte so häufig den Ball gewinnen, durch die von Van den Bergs unterlaufen geöffnete Seite angreifen und durch Pässe in den Rückraum zu Chancen, dem 2:1 und 3:1 kommen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Verrückter als diese Interaktion zwischen Achter und Außenverteidiger ist das bereits angekündigte Verhalten der Innenverteidiger. Wann immer sich ein Raum hinter den Paderborner Spitzen ergab, bewegte sich Wahl in deren Rücken. Vor allem dann, wenn Kronholm am Ball war, musste einer der beiden Stürmer auf diesen Anlaufen und somit anspielbaren Platz in seinem Rücken zulassen. Wahl bewegte sich mit perfektem Timing aus dem Deckungsschatten Tekpeteys und konnte dort angespielt werden.

Nicht nur wurde Kronholm dadurch praktisch unpressbar, das Pressen der Paderborner öffnete immer einen Innenverteidiger in ihrem Rücken, der wiederum aufdrehen und das Spiel hinter der ersten Pressinglinie entwickeln konnte.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Da einfaches Vorschieben der Innenverteidiger noch nicht ausreichend zu sein scheint, gab es zwei weitere Mittel zu sehen. Zum einen konnte ein vorgeschobener Innenverteidiger als pendelnder Sechser, mehrere Momente lang hinter Paderborn Sturm verschieben, zum Anderen wich der Innenverteidiger somit weit auf den für ihn fremden Flügel aus.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Darüber hinaus gibt es Momente, in denen der Innenverteidiger seinen Außenverteidiger für einen Doppelpass unterläuft, wenn die Paderborner Stürmer hoch und der Pass in den Halbraum möglich ist. Somit wird nicht nur der strategisch wertvolle Halbraum, vormals unbesetzt, anspielbar, auch die erste Pressinglinie kann ausgehebelt werden.

Nicht nur die Vielzahl an Varianten ist beeindruckend, das Risiko, das billigend in Kauf genommen wird, ist unfassbar. Wenn man in der obigen Sitaution den Ball verliert, sind die beiden zum Tor nächsten Spieler weder Sechser noch Innenverteidiger, sondern Stürmer – gegnerische Stürmer.

In der weiteren Entwicklung der Angriffe wird Kiel nicht weniger riskant. Ganz im Gegenteil besetzt man Offensivzonen massiv. Wenn man bis zur Mittellinie vorrücken kann, legen die Außenverteidiger jegliche Zurückhaltung ab und attackieren auf Höhe der Achter mit – Rotationen mitinbegriffen.

vlcsnap-2018-11-10-11h44m33s072
Collins muss herausrücken, Schindler kann mit einem diagonalen Pass angespielt werden.

Im Angriffsspiel tauchen die gleichen Prinzipien auf, die bereits die Konter zur Gefahr haben werden lassen. Die beiden Stürmer attackieren die Schnittstellen im Rücken der Paderborner Abwehrspieler, Lee schafft Verbindungen in der Mitte, diagonale Pässe von den Außenpositionen in die äußeren Schnittstellen werden fokussiert.

Zudem kann die bloße Präsenz und Anzahl an Spielern an und im Strafraum für Halbfeldflanken genutzt werden – Kiel kann Durchschlagskraft nach Belieben erzeugen.

Vereinzelt gibt es auf Kieler Seite auch lange Bälle zu sehen. Bei diesen wird Kinsombis Seite genauso fokussiert wie bereits im geordneten, ruhigen Aufbauspiel. Kinsombi bewegt sich für lange Bälle nämlich zumeist knapp hinter Serra und kann nach langen Schlägen auf diesen zweite Bälle gewinnen.

vlcsnap-2018-11-10-12h57m47s969

Übrigens, der ballferne Raum vor der Paderborner Abwehr blieb nicht nur bei zentralen Kontern offen. Oben sieht man die Situation vor dem 3:2. Wenngleich das Tor nach Flanke auf Serra und Lapsus von Schonlau und Dräger fällt, gäbe es weiter hinten einfachere Optionen.

In der zweiten Halbzeit wechselte Paderborn in eine strikte Manndeckung auf die Innenverteidiger (was ich auch noch nie gesehen habe) und hielt das Mittelfeld tiefer. Kiel konnte sich zwar schwerer, aber dennoch lösen, Schindlers Spiel an der letzten Linie sorgte für die Aufholjagd.

Der Preis der Schönheit

Paderborn spielt relativ riskant und fängt Konter. Kiel spielt absurd riskant und fängt was…?

Natürlich zahlte Holstein für seinen Wahnsinn. Die ersten drei Paderborner Tore fielen aus Kontern. Während der erste recht kurz war, wurden die beiden folgenden über einen Ballgewinn von Dräger eingeleitet.

Beim zweiten Tor fängt Dräger einen Pass ab, dribbelt die Linie lang, bis er gestoppt wird. der Ball kickert durch den Strafraum, Dräger holt ihn sich wieder, bis schlussendlich Klement aus dem Rückraum treffen kann.

Das Tor kann vortrefflich illustrieren, welche Probleme Kiel hat. Die Räumung des Mittelfelds sorgt dafür, dass Dräger relativ entspannt nach vorne dribbeln kann, die numerisch schwache Restsicherung führt zu einer Öffnung des am wenigsten direkt erreichbaren Raums, der ballfernen Mitte.

Der dritte Treffer ist unter Ausnahme des Zufalls eine Kopie des zweiten. Dräger gewinnt den Ball, dribbelt an die Grundlinie, passt in den Rückraum. Es kann so einfach sein.

Sonstiges

Eine kleine Bemerkung, um den Unterhaltungswert dieser Partie abzurunden.

vlcsnap-2018-11-10-11h44m14s950

Fazit

Zwei der unterhaltsamsten Mannschaften der zweiten Liga, und wahrscheinlich im Profifußball liefern sich einen wahnsinnigen Schlagabtausch. Kiel kann zwar Kontrolle über das Spiel, aber zu keinem Punkt über Paderborner Konter gewinnen.

An alle, die mit Wut auf dieses Spiel zurückblicken, gilt mein Appell. Freut euch, dass ihr unterhaltsamen, überraschenden, temporeichen und offensiven Fußball sehen könnt. Stellt das Ergebnis zurück und seht das Spiel, als das, was es ist. 90 Minuten purer Emotionen, puren Wahnsinns und purer Ekstase.

Der Grund, warum wir Fußball gucken, ist keine Zahl und kein Ergebnis, sondern ein Erlebnis.