Der Mauerfall

17. Spieltag. Zum Ende der Hinrunde durfte der SC Paderborn sich ein Duell auf tabellarischer Augenhöhe liefern. Zu Gast war nämlich Dynamo Dresden, auf dem 11. Platz punktgleich mit dem SCP.

Das Spiel wiederum erweckte den Eindruck von Ausgeglichenheit nur kaum, Paderborn hatte lange Ballbesitzphasen an der Mittellinie, während Dynamo lange Zeit am eigenen Strafraum verbrachte. Der SCP vergab seine Großchancen vor der eigenen Führung, Dynamo erspielte und vergab diese erst in Rückstand.

Mannschaftsaufstellungen

SC Paderborn - SG Dynamo Dresden

Auf Paderborner Seite gab es nur wenige Wechsel in der Startaufstellung zu sehen. In der mittlerweile eher 4-4-2-artigen Ausgangsformation wurde lediglich Uwe Hünemeier von Kapitän Christian Strohdiek ersetzt. Gerade das Verhalten des Offensivpersonals betsimmte das Paderborner Angriffsspiel in besonderem Maße und soll im Folgenden ein Schwerpunkt darstellen.

Bei Dynamo ergab sich eine mustergültig ausgeführte 3-4-3-Formation, in der neben vielen schwächeren Leistungen vor allem die Pressingresistenz des linken Halbverteidigers Hamalainen sowie die spielintelligente, defensiv für Kompaktheit sorgende und offensiv passable Doppelsechs aus Ebert und Benatelli hervorstach. An der Spitze der Formation konnte Konés Tempo in isolierten Kontern gegen Strohdiek ausgenutzt werden.

Mauerfall

Wenn ich betone, dass eine 3-4-3 Ausgangsformation mustergültig interpretiert wird, hat dies vor allem eine Aussage. Dynamo spielte sein System makrotaktisch überaus gewöhnlich. In geordneten Defensivphasen schoben die Flügelspieler je eine Position nach hinten, es entstand ein 5-4-1, in dem der SCP knapp hinter der Mittellinie empfangen wurde.

Oberstes Gebot bei einer dermaßen flach angelegten Formation ist die Kompaktheit, die Enge des Blocks. Anstelle wie der SCP zu versuchen, den Spielvortrag durch ständigen Balldruck zu erschweren, werden die Zugriffsmomente erst nach Anspiel zwischen die Linien oder auf die Außenbahn gesucht.

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Im besonderen zeigte sich Dresden gegen Paderborns 2-4-4-Aufbaustaffelung überaus passiv, übte keinen Druck auf die Innenverteidiger aus und versuchte diese bei einem Andribbeln lediglich durch vorsichtiges Vorschieben der Halbstürmer neben Koné zu stellen. Dresden erzeugte keinerlei Balldruck, konnte Pässe zwischen die Linien aber weitestgehend verhindern.

Anstelle zwischen die Linien zu kommen, wurden viele Pässe zu Dräger gespielt, was wiederum als Pressingsignal für Heise und Atik diente. Wann immer der Rechtsverteidiger neben der Mittelfeldkette angespielt werden konnte, schob der Halbverteidiger auf eine horizontale, die Mitte absichernde Linie, während der Wingback diagonale Passwege schloss. Das Anlaufen wurde auch hier nicht zum Balldruck umgesetzt, stattdessen stellten beide in wenigen Metern Abstand.

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Ballgewinne wurden somit nicht über Zweikämpfe erzielt, allerdings wurden einige Fehler gemacht, in denen Dräger zu weit in seinem Rücken angespielt wurde oder in denen er einfach einen Pass ins Nirgendwo spielte. Die Situationen, in denen Paderborn sich befreien konnte, fanden vor allem dann statt, wenn sich Tekpetey nach einer Doppelbewegung halbrechts in die Lücke des Mittelfeldbandes fallen lassen konnte, um eine Ablage ins Mittelfeld zu ermöglichen, von wo wiederum Michel oder Zolinski gesucht werden konnten.

Trotzdessen, dass die Variante die einzige erfolgsstabile Lösung war, stellte die eingerückte Position von Tekpetey eher ein Problem dar, da Heise somit nicht gebunden werden konnte. Im Gegenteil zur Konstellation auf der rechten Seite nahm Jimmy an der linken Außenbahn durchgehend eine breitere Position ein. Bei Anspielen auf Collins konnte Berko damit nicht ohne weiteres Vorschieben, was dem Paderborner LV mehr Zeit am Ball sowie die Möglichkeit zu Dribblings gab, wenngleich diese eher durch das Rückwärtspressing Atiks erzwungen, als wirklich freiwillig waren.

Auch wurde der Übergang ins Zentrum und die Einbindung der verschiedenen Rollen, die Mobiltät Zolinskis im Zwischenlinienraum, die unerwarteten Doppelbewegungen an der letzten Linie durch Michel und das Vorrücken Vasiliadis‘ nur schwerlich möglich, da der einzig mögliche diagonale Passweg vom ballnächsten Spieler versperrt wurde.

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Tendenziell wurde diesem Problem dadurch Abhilfe geschaffen, dass Tekpetey sich deutlich tiefer vor das Mittelfeld fallen ließ, damit diagonale Anspiele auf Michel erlaubte und gleichzeitig zur Ablage und Spielfortsetzung zum nun anspielbaren ballfernen Sechser zur Verfügung stand.

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Wenn ein Anspiel ins Zentrum durch kompaktes Nachschieben des Mittelfelds erschwert wurde, ergab sich die Möglichkeit, über Collins im ballfernen Halbraum aufrücken zu können. Wenn Atik ballnah verschob, konnte der Paderborner Linksverteidiger weit andribbeln und mit dem breit verbleibenden Jimmy Flügeldurchbrüche anpeilen. Diese wurden abermals häufig durch unnötige, weil unerzwungene Fehler zunichte gemacht. So ließ sich Jimmy teils zu sehr in die Pässe fallen, während diese tendenziell auch eher zu flach (zu wenig steil) kamen.

Insgesamt lässt sich kritisieren, dass der SCP zu kurzfristig und vertikal agierte. Anstelle die Isolationsangriffe an der linken Seite durch Zirkulation am rechten Flügel vorzubereiten, wurden an diesem viele frühe Aktionen in die Tiefe und Kompaktheit gestartet. Anstelle die Weite zu nutzen, lief man sich häufig in einer Enge fest.

Zur zweiten Halbzeit gab es einige kleinere Anpassungen zu sehen, die aber durchschlagenden Effekt haben sollten. Tekpetey bewegte sich nun klarer breit und an der letzten Linie, die Außenverteidiger agierten in der ersten Phase des Spielaufbaus tiefer und somit nicht als offensichtliche Pressingopfer. Flügelangriffe wurden damit durch stupide Longlinepässe einfacher möglich.

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Interessanter als diese strukturellen Anpassungen waren die nun deutlich häufigeren Anspiele auf die neben Koné fallenden Sechser. Vasiliadis und vor allem Klement konnten gegen das weiterhin passive Pressing einfach im tiefen Halbraum aufdrehen und unbedrängt (teils grotesk gute) Pässe durch die Ketten und hinter die Abwehr spielen. Dort zeigten die Innenverteidiger Schwächen in Vororientierung und Wahrnehmung und konnten die Läufe so erst zu spät aufnehmen.

Aus der Ruhe gebracht und über die Spielzeit unkonzentrierter wurde auch Abstimmung und Abstände im Dresdener Block schwächer. Mit steigender Spielzeit konnte der Zwischenlinienraum einfacher erreicht werden.

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In der Endphase des Spiels stellte Dresden um, agierte eher aus einem 4-4-2, hatte in Umschaltmomenten und nach nun häufigeren Phasen schlecht abgestimmten Angriffspressings absurde Strukturen in der Restverteidigung. In den letzten fünf Minuten konnte Paderborn zweimal in doppelter Überzahl angreifen. Im Besonderen bewegte sich Klement bei diesen Kontern in die von Berko geöffnete ballferne linke Schnittstelle.

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Koné Konter

Das offensive Umschalten, seinerseits eine große Stärke des Paderborner Mannschaft, ist eine geradezu eklatante Schwäche der Dresdener. Bei Ballgewinnen im Mittelfeldband, die nicht wirklich ungewöhnlich oder selten war, erschwerten die tiefen Ausgangspositionen aller Spieler Konter erheblich.

Weiterhin war auch die Orientierung in den Läufen unklar. Anstelle die äußeren Lücken der aufgefächerten Viererkette zu attackieren, gingen die Halbstürmer eher ins Zentrum. „Gehen“ ist dabei noch nichtmal im übertragenen Sinne zu verstehen. Das UMschalten fand häufiger einfach extrem langsam statt, sodass die Paderborner Abwehr sich schnell finden konnte.

Eine explizite Ausnahme von dieser Regel stellt Koné dar. Als einziger Dresdener ging er gezielt in die äußeren Schnittstellen, wo er wiederum durch sein überlegenes Tempo die Schwächen der Paderborner Innenverteidiger ausnutzen, Strohdiek aber im besonderen terrorisieren konnte.

Ballnahes Aufbauspiel erschwert ballfernen Angriffsplan

Während der SCP seine Ballbesitzpasen an der Mittellinie hatte, baute Dynamo vor allem unmittelbar vor dem eigenen Strafraum auf. Von Abstößen weg wurde in ein 3-4-3 verschoben, bei dem die drei Stürmer sich klar an der letzten Linie orientierten, während die Wingbacks und Sechser eher tief blieben.

In der ersten Linie wurde Hamalainen als linker Halbverteidiger extrem fokussiert. Nahezu jeder Pass von Dumic erfolgte auf die linke Seite. Eigentlich ist diese Entscheidung sehr gut nachvollziehbar, schließlich ist Hamalainen im kleinräumigen Aufbauspiel überragend. Diese kleinräumigkeit stellte aber auch eines der größten Probleme dar. Auch wenn man quasi keine Ballverluste hinnehmen musste, gelang es kaum, von der tiefen linken Seite in die Offensive zu kommen.

Diese Unfähigkeit hat ihre Ursache natürlich auch im Paderborner Pressing. Dieses nämlich gestaltete sich mannorientiert. Das Anspiel auf Hamalainen führte dazu, dass Zolinski auf ihn herausschob und sich im weiteren Verlauf klarer rechtsseitig positionierte. Michel orientierte sich als ballferner Stürmer auf den zentralen Verteidiger, Jimmy schob ballfern in Orientierung auf Müller vor.

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Ein ungewöhnlich weiträumiger Moment des Dresdener Spielaufbaus.

Auf Paderborner Seite entstand so ein rechtsseitig verschobenes 4-3-3, eine quasi dreifache Flügelbesetzung im Pressing verbunden mit dem kompakten Verschieben der Doppelsechs erlaubte keine Spieleröffnung auf dieser Seite. Räume entstanden dafür ballfern, sowohl Müller, gegen Jimmy etwas freier als die anderen Verteidiger als auch Berko hatten viel Raum zur Verfügung, letzterer konnte nur durch weites Herausrücken Collins‘ dynamisch gepresst werden.

Darüber hinaus ergaben sich auch hinter dem Paderborner Mittelfeld, das zeitweise im höchsten Drittel des Platzes war, große Räume. Diese hätten durch Zurückfallen der Halbverteidiger und Chipbälle ausgenutzt werden konnen, diese aber orientierten sich an der letzten Linie, wo sie nach außen rochierend Flügeldurchbrüche erzwingen wollten.

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Start

Im Verlaufe der offeneren zweiten Halbzeit konnte man solche situativ tatsächlich umsetzen. Anspiele auf den ballfernen Wingback wurden über den Halbverteidiger erreicht, die Angriffe in der Folge am Flügel fortgesetzt und von dort in den ballfernen Rückraum der Paderborner Abwehr getragen.

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Und Ende

Die Orientierung in diesen Raum nach Flügelangriffen durch Zurückfallen eines Halbstürmers oder Nachschieben eines Sechser wurde überdeutlich und weist in Anbetracht der Paderborner Schwäche in der Absicherung dieses (in diesem Spiel durch das Zocken der Flügelverteidiger verstärkt) offenen Raums auf gelungenes Scouting oder Lesen dieses Blogs hin.

Dynamo kam in der zweiten Hälfte häufiger zu solchen Chancen, vergab diese durch mangelnde Tororientierung (im Sinne von zu tiefen, zu statischen Positionen, zu wenig steilen Pässen), Zingerle und schlichtes Ungeschick.

Nach dem Rückstand stellte man zudem auf ein 4-4-2 mit hohen Außenverteidigern und allgemein (numerisch) stärkerer Offensivbesetzung um. Man erhielt dadurch zwar etwas bessere Präsenz auf die auch zuvor schon häufig, eher aus Verlegenheit als Plan gespielten unpräzisen langen Bälle von Schubert, vor allem aber konnten Ebert und Benatelli sich im Mittelfeld freier bewegen und den Ball nach vorne bringen.

Dresden kam in dieser Staffelung zu einigen Möglichkeiten. Als Erfolg ist die Umstellung dennoch nicht zu verbuchen. Die aufgerückten Positionen sorgten in Verbindung mit einer schwachen Struktur in hohen Zonen für die oben angesprochenen einfachen Paderborner Konter.

Fazit

Paderborn tut sich in der ersten Halbzeit schwer gegen eine kompakte Dredener Mannschaft, trifft zur zweiten Halbzeit aber die passenden Umstellungen, um die Qualität im Mittelfeld zum Ausdruck kommen zu lassen. In der Defensive kann man den Gegner lange in dessen Hälfte einschnüren, ohne dabei hohe Ballgewinne zu verzeichnen, während man weiterhin Defensivprobleme im Übergang von Flügelverteidigung auf ballfernen Sechser-/Rück-/Halbraum zeigt.

Dresden zeigt in der ersten Halbzeit eine gute Defensivleistung, ohne eklatante Schwächen zu offenbaren. In der zweiten Halbzeit werden die individuellen Schwächen der Verteidiger gegen tiefe Pässe offenbart, die Offensive dafür stärker und fokussierter. Eine Kombination der defensiven Kompaktheit mit guten Anpassungen, mehr Pässen ins Zentrum und allgemein ausgewogener Strukturen kann Dresden in Zukunft auch über das teilweise geringe individuelle Niveau hinaus stabilisieren.

 

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