Groundhog-Day

Nach dem herausragenden 3:2 Sieg gegen den Effzeh Köln, nach dem Sprung auf den 5. Platz in Reichweite der Aufstiegsplätze, stand am 23. Spieltag die Partie gegen den zuletzt formerstarkten, aber dennoch nur auf dem 15. Platz befindlichen 1. FC Magdeburg an. Wer dabei einen leichten Paderborner Sieg erwartete, hat in den vergangenen Jahren nicht aufgepasst. Bereits in der dritten Liga tat der SC sich, auch in seinen besten Phasen schwer gegen den FCM, gewann nicht, während alle anderen Gegner vernichtet wurden.

Kein Sieg gegen den FCM. Einmal? Immer.

Mannschaftsaufstellungen

1. FC Magdeburg - SC Paderborn

Bei den Magdeburger Gastgebern gab es keinerlei Wechsel in der Startformation. Es ergab sich so vor Torhüter Loria ein 4-Raute-2, dessen Viererkette mit Neuzugang Perthel, Sechser Erdmann, Innenverteidiger Müller und Flügelspieler Bülter personell dennoch ungewöhnlich besetzt war. Vor der Kette agierte Kirchhoff, ebenfalls in der Winterpause verpflichtet, als Sechser und wurde von den Achtern Preißinger und Laprevotte flankiert. Auf der Zehn fand sich der enorm formstarke Türpitz wieder, während die Spitze von Beck und Lohkemper besetzt wurde.

Auf Paderborner Seite gab es zwei Wechsel zum Sieg gegen den FC Köln. In der Innenverteidigung wurde Strohdiek gelbgesperrt von Hünemeier ersetzt, während Ritter, wie auch schon in der stabilen zweiten Halbzeit des letzten Spiels, die Position des mit Adduktorenproblemen ausfallenden Klement einnahm. Formativ blieb alles wie gewohnt, Paderborn agierte aus einem 4-4-2/4-2-2-2.

Lösungsfindung

Unter Michael Oenning eignete sich der FCM zuletzt die Mittelfeldraute an. Auch wenn diese Aussage naturgemäß arg simplifiziert, ist diese Formation meines Erachtens die interessanteste Pressingstaffelung. Nicht ohne Grund spielte Rangnick bei Ulm genauso wie die von Red Bull finanzierten Jugendmannschaften in Leipzig und Salzburg und der Euro-League Finalist des vergangenen Jahres dieses System. Im 4-Raute-2 hat man grundsätzlich eine numerisch starke, gleichzeitig aber strukturierte Besetzung der Spielfeldmitte, während die beiden Stürmer den gegnerischen Aufbau lenken können.

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Gegen Paderborn hatte dies anfangs durchschlagenden Erfolg. Beck und Lohkemper positionierten sich innerhalb der sehr breiten Paderborner Innenverteidiger und konnten sie durch inneres Anlaufen zu Pässen auf den Flügel verleiten. Die Mitte, in welcher sich Vasiliadis und Ritter neben Türpitz positionierten, war gleichwohl stets durch Zingerle anspielbar, dieser aber verzichtete aber durchgehend auf diese Anspiele. Sobald ein Pass auf den Außenverteidiger erfolgte, presste der ballnahe Achter unter diagonaler Abdeckung der Spielfeldmitte heraus, während der ballnahe Innenverteidiger mannorientiert aufgenommen und der Sechserraum durch ein Herüberschieben Türpitz‘ abgedeckt wurde.

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In dieser mustergültigen Ausführung des Pressings auf den Flügel blieb dem Paderborner Außenverteidiger erfolgsstabil lediglich ein Longlinepass auf den entgegenfallenden, aber direkt vom Außenverteidiger verfolgten Flügelspieler übrig. Der Pass auf den Flügel kann durch die negative Dynamik, die ballnahe Kompaktheit und den Gegner im Rücken kaum stabil verarbeitet werden. Magdeburg konnte in der Anfangsphase nach dem immer wiederkehrenden Muster Ballgewinne erzwingen, die nicht zuletzt auch zum Führungstreffer führten.

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Dem Charakter des Spiels, den beiderseitig kurzen, aber in stark wiederkehrenden Mustern auftretenden Ballbesitzphasen geschuldet, konnte man einen schönen Blick in den Ablauf und die kontinuierliche Entwicklung der Paderborner Lösungsfindung erhaschen.

Dieser begann bei den Außenverteidigern. Wenn Dräger den Ball erhielt, löste er diese Situation bereits zu Beginn interessant, durch Vorderlaufen des Longlinepasses gegen die Dynamik des herauspressenden Achters in den von Kirchhoff zu langsam zugeschobenen Halbraum auf. Doch dieser Spielzug ist, einmal abgesehen von den Schwankungen in Drägers technischer Ausführung, eher unstabil. Er erhielt er durch seine Gegendynamik und das Laufen in den Rücken des Gegners zwar etwas Platz, wurde danach aber eng verfolgt. Die Ablage vom Flügelspieler muss ebenfalls sehr präzise, und, bei tiefem Zurückfallen unter schlechten Passwinkeln ins Zentrum erfolgen.

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Collins hingegen ist zumeist etwas stabiler in seinem Passspiel, dafür auch mehr auf dieses fokussiert. Anders als Dräger verliert er sehr wenige Bälle, bringt aber viele Bälle in den Zwischenlinienraum. In dieser Partie gelang ihm das zunächst nicht. Der Achter verstellte seinen präferierten Weg, Türpitz deckte den Pass ins Zentrum, Bülter dominierte Tekpetey. Die Lösung fand sich schlichtweg durch ein breiteres Ausweichen des ballnahen Sechsers. Ritter bewegte sich mit zunehmender Spielzeit stärker in die Außenbahn, mehr als strafraumbreit, und stellte Türpitz damit nicht nur vor das Dilemma, ihn entweder aufzunehmen und den ballfernen Halbraum so krass zu öffnen, dass nahezu jede Art von unpräziser und hoher Verlagerung Erfolg hätte, oder aber stärker im Zentrum zu bleiben und Ritter damit frei zu lassen, sondern auch vor ein mechanisches Problem. Die Wege aus dem Zentrum, aus seiner Ausgangsposition im Pressing, auf den Flügel wurden zu weit, um durchgehend, rechtzeitig und ohne extreme, destabilisierende Dynamik eine Abdeckung Ritters liefern zu können.

Ritter und nach hohen Verlagerungen oder direkten Chipbällen auf Däger, sowie positionellen Rochaden, vereinzelt Vasiliadis, konnten nun ein ums andere Mal den Ball erhalten, einen fallenden Stürmer oder den nun überlaufenden AV suchen.

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Der zweite Teil der Anpassung ging allen voran von Sebastian Schonlau aus. Das Leiten auf die Außenbahn der Innenverteidiger funktioniert nunmal nur dann, wenn diese von innen attackiert werden. Es gibt aber Möglichkeiten, dies zu negieren. Zum einen nahm Schonlau im Verlauf der Halbzeit engere Positionen ein. Insbesondere befand er sich nun innerhalb von Beck, der dennoch ohne einen größeren Bogen anlief und den Passweg ins Zentrum öffnete. Zum anderen nutzte Schonlau verzögerte Ballannahmen gegen die Laufrichtung Becks nach innen, um in der Folge mit seinem schwachen linken Fuß auf die Sechser durchstecken zu können.

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Das Auflösen der Pressingdynamik elaubte zum einen eine durchgehendere Zirkulation zwischen den Innenverteidigern und als Funktion der nun stärker erforderlichen, das Zentrum abdeckenden Bewegungen Türpitz‘ auch situativ freiere Sechser. Auch ein weiterer Passweg konnte erschlossen werden. Nach dem Lösen ins Zentrum konnte sowohl vertikal als auch diagonal der Passweg zwischen Stürmer und Zehner, neben das Dreiermittelfeld, auf einen zurückfallenden Flügelspieler erschlossen werden.

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Das letzte Element, was mich zum Abfeiern Schonlaus anregte, war sein Vorderlaufen Drägers nach kurzen Anspielen. Durch diese Bewegung nahm er situativ die Rolle und Funktion eines Sechsers in der breiten Flügelunterstützung ein, hatte dabei aber eine höhere Dynamik und ein besseres Sichtfeld, während der Sechser sich hoch bewegen konnte. In einer Szene bietet sich Schonlau sogar breit im linken Halbraum hochgeschoben für einen Einwurf an – das passiert, wenn man in einer Liga mit Kiel spielt.

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Doch die Verbesserungen in den ersten beiden Linien waren nicht das einzige Ereignis. Auch das offensive Mittelfeld und insbesondere der Zwischenlinienraum wurden durch frühes Hochschieben eines Sechsers, zentrale Positionierungen von Tekpetey und situativ Pröger sowie das Zurückfallen Zolinskis zusehend stärker besetzt. Paderborn verschaffte sich gegen ein 4-Raute-2 häufiger eine Überzahl im Zentrum.

Aus dieser Überzahl wurden Angriffe gewohnt flexibel, mit viel kurzräumigem Ablagespiel und Dribblings sowie Michels Tiefenläufen kreiert. Das wiederkehrendste Mittel war dabei das breite Kreuzen von Michel und Tekpetey. Letzterer ging dabei ins Zentrum, während sein Gegenspieler Bülter tief von Michels Sprint gebunden wurde. Insbesondere in Kombination, beziehungsweise Fortführung des Aufbauspiels auf dem linken Flügel (bei dem ein Achter im Herauspressen auf den Flügel den ballnahen Halbraum öffnet) stellte sich dieses Mittel als effizient dar.

Zur zweiten Hälfte spielte Ritter zunächst konstant etwas höher, bevor er sich im weiteren Verlauf (vor der Auswechslung Zolinskis) deutlich stärker spielmachend und ballfordernd zurückzog und Vasiliadis nach vorne schickte. So oder so hatte Paderborn weniger Präsenz im defensiven Mittelfeld und schlechtere Vorraussetzungen in der Flügelunterstützung. Das Spiel über die Außenverteidiger wurde dadurch unflexibler und etwas instabiler, wenngleich Collins weiterhin viele Lösungen fand.

Man kann an dieser Stelle die Frage stellen, wie viel Unterstützung Profispieler überhaupt brauchen. Collins überwandt Laprevotte in der zweiten Halbzeit mit nur einer Ausnahme stets, zumeist individuell, über kurze, gegnerschlagende Dribblings. Und dennoch sehe ich die Umstellung kritisch. Auch wenn man den Ball weiterhin halten konnte, auch wenn Collins kaum Fehler machte, konnte Paderborn die zunehmende Öffnung des Sechserraums nicht bespielen, da man schlichtweg keinen Spieler in Ballnähe hatte. Paderborn kam in der zweiten Hälfte, gegen Magdeburger Umstellungen hin zu einem im Strafraumnähe engeren, im Pressing aber unkompakten 4-4-2, zu weniger Spielkontrolle, während man Konter (auch geschuldet der geringeren Besetzung tiefer Räum) häufiger zuließ.

Die Kürze, in welcher die Magdeburger Spielweise im Vergleich zu den Paderborner Lösungsansätzen beschrieben ist, soll keineswegs als Kritik verstanden werden. Ganz im Gegenteil wurden die Ansätze erst durch das gute Pressing des FCM überhaupt notwendig und das Paderborner Spiel, selbst so, nicht überragend stabil. Im Vergleich zu Härtel-Zeiten agiert Magdeburg bereits deutlich kompakter und kollektiver, weniger auf die individuelle Raumkontrolle des zentralen Mittelfelds und das Herausschieben von Innenverteidigern angewiesen. Magdeburg presste über weite Strecken, bei kleineren Schwächen, passend und verschaffte sich im Umschaltspiel die größten Chancen.

Da die Stürmer grundsätzlich hoch blieben und nur in Phasen des Mittelfeldpressings, genauer gesagt bei Pässen von Innen- auf Außenverteidiger in der Flügelverteidigung mithalfen, hatte Magdeburg stets zwei Spieler, die nach Ballgewinn tief gehen, geschickt werden oder zumindest die Abwehr binden konnten. Türpitz agierte an dieser Stelle stark als Spielmacher und primärer Umschaltspieler. Das Tor ist ein wahrliches Musterbeispiel für diese Spielweise.

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Türpitz kann nach Bülters Ballgewinn Verlagern. Beck bindet Schonlau, der ballferne Halbraum ist offen.

Bülter gewinnt den Ball gegen Tekpetey und spielt direkt auf Türpitz. Dieser kann nach einem kurzen horizontalen Dribbling Preißinger anspielen, der im passenden Moment in den ballfernen Halbraum, neben Vasiliadis eingelaufen war. Der Achter wiederum erhält initial Platz und in der Folge Zet für seinen Distanzschuss nur durch die hohe Position Becks und die Bindung der Abwehr.

Lange keine Ideen

So viele Fortschritte Magdeburg gegen den Ball verzeichnen kann, so ideenlos gestaltete sich das Spiel aus kontrolliertem Ballbesitz. Aus den 2-1-4-1-2 Staffelungen bei eigenen Abstößen oder im tiefen Aufbauspiel versuchte man, trotz potenziell guter Besetzung der Schnittstellen im Paderborner Mittelfeld, gar nicht erst, aufzubauen.

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Quo vadis, Spielaufbau?

Da Kirchhoff als Sechser enorm passiv und insgesamt hoch blieb, endete der Aufbau nach Anspiel auf einen Innenverteidiger im Rückpass dessen zum Torwart und recht unkontrollierten langen Schlägen Lorias. Wenn die langen Bälle von einem Innenverteidiger gespielt werden konnten, oder aus statischen Situationen vom Torwart kamen, wurden stets kurze Rückfallbewegungen Becks bei gleichzeitigen Läufen hinter die Abwehr durch Lohkemper angepeilt.

Für das Gegenpressing hatte man mit der Mittelfeldraute zwar viel Präsenz, einige Kopfballduelle konnten auf Paderborner Seite aber so sauber gewonnen werden, dass man am Mittelfeld vorbei direkt auf einen Flügelspieler kommen konnte.

Abgesehen davon gab es beim FCM wenig zu sehen. Ein paar Mal lief ein Achter hinter die Abwehr, ein paar Mal setzte Bülter vom Flügel zu guten Dribblings an – ansonsten war alles eher mau. Die Zahlen untermalen diesen Eindruck – Magdeburg beendete das Spiel mit 59% Passquote.

Fazit

Einmal wieder, immer wieder gelingt es Paderborn nicht, einen Sieg gegen Magdeburg einzufahren. Der FCM zeigt sich defensiv stabilisiert und offensiv sehr mau, Paderborn braucht lange, um Lösungen zu entwickeln, nur um diese zu verwerfen. Es ist somit nur folgerichtig, dass am Ende der Partie kein Spektakel, nicht das 4:4 des Hinspiels, sondern nur ein 1:1 steht.

Für Magdeburg ist dieser Punkt enorm wichtig, da er die langsame Befreiung von den Abstiegsplätzen voranschreiten lässt, während Paderborn sich ärgern wird, den Positivlauf nicht durch einen Sieg fortgesetzt können zu haben. In der nächsten Partie kommt der FC St. Pauli nach Paderborn. Eine Begegnung, die dem SC nicht nur aufgrund des chronischen Heimvorteils, sondern auch der Tabellensituation des Gegners, absurderweise, besser liegen sollte.

 

 

2 Kommentare zu „Groundhog-Day

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