Counter-Culture

Am 27. Spieltag durfte der SCP zum ersten Mal in dieser Saison in die Hauptstadt reisen. Und genauso wie das anstehende Spiel in Berlin hatte auch dieses Duell eine große sportliche Bedeutung. Gegen Union traf man nicht nur auf die beste Defensive der Liga, sondern vor allem auf einen Tabellennachbarn. Ein Sieg stellte die wohl letzte verbleibende Chance dar, noch einmal den Relegationsplatz zu attackieren. Und diese Chance wurde genutzt.

In einem überraschend offenen Spiel entwickelte sich ein Rhythmus von schnellen Kontern und Gegenkontern, der den Offensiven beider Teams zugutekam. Defensiv hingegen merkte man Paderborn an, dass das weiträumige Verteidigen mit häufiger Unterzahl in der letzten Linie erprobter ist, als bei den Köpenicker Gastgebern. Diese hatten, ganz anders als im Hinspiel, große Probleme im individuellen Verteidigen und ermöglichten Paderborn auch aus isolierten Angriffen gute Möglichkeiten.

Mannschaftsaufstellungen

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Auf Seite der Gastgeber gab es im Vergleich zur Niederlage in Heidenheim vier Wechsel. Mané und Abdullahi kamen für Gogia und Hartel auf die Außenbahn, Prömel ersetzte im Mittelfeld Kroos, während die Linksverteidigerposition von Lenz übernommen wurde. In Verbindung mit dem Einsatz von Andersson als Stoßstürmer und Zulj, der eine Rolle zwischen Acht und hängender Spitze einnahm, ergab sich bei Union eine physische und direkte Offensivbesetzung. Zudem fanden sich hinter Sechser Schmiedebach, der im Aufbauspiel zwischen lockender Genialität und ungenauem Wahnsinn schwankte, mit Hübner und Friedrich zwei der stärksten Verteidiger der Liga wieder.

Auf Paderborner Seite wurden nach der Länderspielpause, in der Dräger, Collins und Tekpetey in der Afrikaqualifikation weit unterwegs waren, alle Nationalspieler herausrotiert. Für sie kamen Boeder als Rechts- und Schwede als Linksverteidiger sowie Pröger als rechter Flügelspieler in die Formation.

Linienflug

In der ersten Halbzeit entwickelte Union ein massives spielerisches Übergewicht. Anders als im Hinspiel, wo viele lange Bälle anscheinend planlos geschlagen wurden, lockte Unions Zirkulation in den ersten beiden Linien ein massives Paderborner Vorschieben im Pressing an, welches wiederum die Restverteidigung reduzierte.

Im Speziellen schoben dafür beide Innenverteidiger breit, sehr sehr breit in eine Position, wo sie nur schwerlich von einem Paderborner Stürmer angegriffen werden konnten. Unter Einbindung von Schmiedebach, der holprige, hoppelnde, dadurch aber umso lockendere Pässe spielte und Gikiewicz, der im Passspiel sauberer war, wurde solange zirkuliert, bis ein Innenverteidiger nach Verlagerung vom Paderborner Flügelspieler angelaufen wurde. Dieses Pressing diente Union, insbesondere aber Friedrich, als Signal für eine vertikale Aktion.

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Zu Beginn, in der stärksten Berliner Phase, bestand diese Aktion in einem kurzen Pass auf den breit am Flügel stehenden Außenverteidiger. Da Jimmy nun aus dem Spiel war, musste Schwede herausrücken, um den Balldruck aufrecht zu erhalten. An dieser Stelle müssen wir einmal nachzählen. Paderborn presst mit bis zu 4 Spielern auf die beiden Innenverteidiger und lässt den Außenverteidiger dann noch herausrücken. Wer bleibt denn dann übrig???

Neben den beiden Sechsern, die Anspiele ins Zentrum zwar abdecken, durch ihre flache Staffelung aber wenig Raumkontrolle hatten, befanden sich nur drei Paderborner an der Abseitslinie. Dem gegenüber standen bei frühem Zurückfallen Prömels im Halbraum aber drei bis vier Unioner Angreifer. Wenn Zulj bereits hochgeschoben war, konnte der Flügelspieler, rechts zunächst häufiger Abdullahi, aus seiner engen Ausgangsposition diagonal zum Flügel laufen und Strohdiek mitziehen, während Andersson die entstehende Schnittstelle zwischen den Innenverteidigern ausnutzen konnte. Als Abnehmer solcher Angriffe befanden sich darüber hinaus noch Zulj in der Lücke zwischen ballfernem Außen- und Innenverteidiger sowie Mané außerhalb des Außenverteidigers. Wenn einer der ballnah startenden Spieler tief geschickt werden konnte, befand sich zuweilen nur ein Spieler, der ballferne Außenverteidiger, im Zentrum. Mané stand währenddessen ballfern komplett frei.

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Paderborn erhielt nach knapp einer Minute bereits den ersten Warnschuss eines solchen Angriffs. Diesmal presste Boeder nach einem Ballverlust auf der rechten Abwehrseite gegen, wurde aber überspielt. Abdullahi (hier links) ging breit, Zulj wurde, jetzt ballnah in die Tiefe gehend, angespielt. Strohdiek schob auf ihn heraus, Schwede orientierte sich ballfern auf Andersson. Mané blieb offen, und vergab nach einer flachen Hereingabe freistehend am langen Pfosten.

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Diese Anekdote zeigt nicht nur, dass es entsprechende Angriffe von beiden Seiten gab, sondern liefert auch eine Bedingung, die im späteren Verlauf oftmals fehlte. Zulj befand sich nämlich im Umschaltmoment stets in vorderster Front, schließlich agierte er defensiv als zweite Spitze. In geduldigeren Angriffen jedoch war er häufig tiefer, eher als Halbraumzehner, aktiv. Bei Durchbrüchen am Flügel kam er aus dieser Position nicht rechtzeitig ins Zentrum und vereinfachte damit Boeders Orientierung.

Die Positionierung des Österreichers im ballfernen Halbraum wurde von Union insgesamt zu wenig fokussiert. Nach Rückspiel auf Schmiedebach wäre die Verlagerung grundsätzlich möglich gewesen, aber nun ja. Es gab keine Rückpässe zu Schmiedebach, diagonale Pässe direkt vom Flügel gestalteten sich durch die beiden Sechser schwierig.

Das Muster hatte nach starken Anfangsminuten bereits einen prägenden Effekt auf das Spiel. So schob Schwede durchgehend etwas höher, um schnelleren Zugriff auf Trimmel erzeugen zu können. Paderborn konnte ausgewogener Balldruck erzeugen und wurde dadurch zwingender im Pressing aufs kurze Aufbauspiel, die hohe Ausgangsposition Schwedes wurde aber flux erkannt und stumpf genutzt.

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Anstelle nun das Risiko eines tiefen Ballverlusts einzugehen, Paderborn hatte in der ersten Hälfte mehrere Ballgewinne gegen den Außenverteidiger und zwei Situationen, in denen Schmiedebach, aus dem Rücken von Klement gepresst, einen Fehler machte, wurden direkt lange Bälle hinter die Kette gespielt. Die positionelle Verteilung war nahezu identisch, da Schwede durch sein Spekulieren fehlte, allerdings konnten die hohen Bälle schlechter verarbeitet werden als die zuvor flachen Steilpässe.

Außerhalb einiger Umschaltmomente, in denen Union durch das Zentrum spielte, fanden alle Angriffe am Flügel statt. Bei diesen hatte Union neben den oben beschriebenen Zusammenhängen vor allem auch einen Vorteil, da beide Paderborner Außenverteidiger sich sehr langsam im Zurücklaufen in die Kette zeigten. Die Eisernen konnten mehrere Überzahlangriffe ausspielen, bei denen sie nur den beiden Innenverteidigern begegneten, blieben aber durch eine starke Orientierung auf den Flügel und einen Mangel an Balance (alle Spieler gingen steil), unterlegen gegen die individuell überragend verteidigenden Innenverteidiger.

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Erst nach der Pause gab es Änderungen auf Berliner Seite zu sehen. Direkt zu Beginn der zweiten Halbzeit wurde so der systemtisch schönste Angriff ausgespielt. Lenz erhielt auf der linken Seite den Ball und wurde von Boeder angelaufen. Abdullahi ging steil auf den Flügel und zog Schonlau mit, Andersson ließ sich im Zentrum zurückfallen. Währenddessen lief Zulj aus einer tieferen Position in die Schnittstelle ein, wo er eine Weiterleitung von Andersson erhielt. Die Situation, in der Union 3v1 angreifen konnte, wurde nicht von einem Paderborner, sondern vom Abseits gestoppt.

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Im weiteren Verlauf der zweiten Hälfte nahm die Koheränz im Spiel ab. Der Rückstand und die Auswechslungen sorgten für einen Strategiewandel. Der Doppelwechsel nach einer Stunde sorgte für eine Umstellung auf ein klares 4-4-2 mit Abdullahi in vorderster Front neben Andersson, Prömel als Sechser und Zulj als Achter. In dieser neuen Grundstaffelung tat sich insbesondere Hartel, wie könnte es bei diesem Namen auch anders sein, hervor, indem er tief in den rechten Halbraum zurückfiel und als Nadelspieler agierte.

Spätestens mit der Einwechslung von Polter wurde das Spiel eher von Verzweiflung geprägt. Union zeigte keine Spielzüge mehr, sondern spielte gehäuft Halbfeldflanken in massive ballferne Strafraumbesetzungen. Eine solche Aktion führte letztendlich, beim Stand von 0:3, nachdem man mehrfach ausgekontert wurde, noch zu einem Fehler von Zingerle und zum Anschlusstreffer.

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Im Paderborner Ballbesitz gab es einige Ähnlickeiten zu erkennen. So bespielte man ebenfalls ein 4-4-2, agierte ebenfalls mit breiten Innenverteidigern und kam ebenfalls über Konter und lange Bälle zu Chancen. Neben dem offensichtlichen Unterschied, dass Paderborn drei Tore erzielte, zeichnete sich Paderborn insbesondere durch einen starken Zentrumsfokus aus.

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Abgesehen von Paderborner Abstößen, denen Union insgesamt eng mannorientiert begegnete, zeigte man sich eher ein einem hohen Mittelfeld- als tatsächlichem Angriffspressing. In diesem hielten die Stürmer sich zunächst tiefer, und pressten erst bei deren Andribbeln wirklich aktiv auf die Innenverteidiger heraus. Die Flügelspieler agierten währenddessen mannorientiert auf die Paderborner Außenverteidiger, blieben dabei insbesondere ballfern auch recht breit und sorgten damit für große Schnittstellen zur Doppelsechs. Bei Anspielen auf die Außenverteidiger, die sich eher nach hinten lösten, pressten die Flügelspieler bis auf Höhe der Stürmer heraus.

Die Doppelsechs agierte zuweil weniger eng mannorientiert, sondern eher lose herausschiebend, wenn Vasiliadis oder Klement, beide breit im Halbraum, den Ball erhielten. Das wenig intensive Herausschieben potenzierte sich mit der breiten Position des Flügelspielers immer wieder zur Möglichkeit, durch die Schnittstelle zu spielen. Dort ließen sich immer wieder Paderborner Offensive auf den Ball zurückfallen. Allen voran war es Zolinski, der durchgehend ballnah mitschob, und im Zwischenlinienraum anspielbar wurde.

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In der ersten Halbzeit wurden derartige Spielzüge bereits angepeilt, wirklich effektiv wurden sie allerdings erst zu Beginn der zweiten Hälfte genutzt. In dieser Phase entwickelte Paderborn das Spiel immer wieder über die linke Seite. Ließen sich Jimmy und Zolinski gemeinsam zurückfallen. Nach Anspiel auf ersteren konnte dieser den Ball klatschen lassen und gegen Trimmel, der einen massiven Temporückstand hatte, steil gehen. Derartige Doppelpässe wurden mehrere Male gespielt und führten stets zu einem breiten Durchbruch.

Zumeist aber begegnete Union Anspielen in den Zwischenlinienraum auf andere Art und Weise. Die Aufgabenverteilung der Innenverteidiger war im Grunde extrem klar. Der ballnahe Innenverteidiger rückte stets heraus, der ballferne nahm stets die Tiefe auf. Doch ähnlich wie bei Schwedes vorgeschobener Position war es auch hier eine Folgereaktion, die dieses Verhalten ausnutzte. Je mehr Pässe Paderborn in den Zwischenlinienraum spielte, desto früher orientierte sich der jeweils ballnahe Innenverteidiger nach vorne. Doch je mehr dieser sich nach vorne orientierten, desto häufiger spielte Paderborn lang – direkt auf Michel, der dutzende 1v1-Duelle gegen den verbleibenden ballfernen Verteidiger ausspielen konnte.

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Nicht nur konnte der vorschiebende Innenverteidiger nicht mehr eingreifen, auch erlaubte das Aufnehmen der Tiefe Michel immer wieder, Dynamik aufzubauen, ohne dabei ins Abseits zu geraten. Die Außenverteidiger waren dabei ebenfalls keine Unterstützung. Da die Abseitslinie bereits nach hinten geschoben wurde, wäre ein Zurückfallen eigentlich die einzige sinnvolle Option gewesen, sie blieben aber lange hoch und konnten so erst spät Eingreifen.

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Das erste Paderborner Tor fällt, nachdem Zolinski den Ball, nach einem langen Schlag von Hübner unter Druck gesetzt, auf Jimmy verlängern kann. Dieser profitiert, ins Zentrum eingerückt, massiv davon, dass Friedrich Michels Lauf aufnimmt. Das zweite Tor fällt simpler, nach einem langen Ball Richtung Michel, bei dem Hartel, nun rechter Verteidiger, nicht klären kann. Michel erhält die Kugel und schiebt ein.

Immer wieder streute der SC auch lange Bälle ein. Diese gingen entweder hinter die Abwehr auf Michel, oder aber vor die Abwehr zu zurückfallenden Offensivspielern. Nichtsdestotrotz versuchte man es meist flach, ging dabei insbesondere in Person von Zingerle, der sich am eigenen Fünfmeterraum mit einer Körpertäuschung löste, große Risiken ein, verschaffte sich dadurch aber Luft. Union wurde auch in der Schlussphase nie durchgehend drückend überlegen, sondern musste stets auf den ruhigen Paderborner Aufbau pressen.

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Weitere Aspekte sollen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Union fiel im tieferen Mittelfeldpressing in ein 4-4-1-1, im Abwehrpressing in ein enorm kompaktes 4-5-1 zurück, in dem die Flügelspieler aktiv auf Verlagerungen herauspressten. Im hohen Ballbesitz schoben zuweilen beide Außenverteidiger hoch, was Union wiederum einfache Konter ermöglichte. Auch wurden Anspiele in geschlossene Haltungen als Pressingsignal fokussiert. Klement verlor aus dem Rücken unter Druck gesetzt, mehrere Male den Ball. Zuletzt wurde bei Paderborn Gjasula eingewechselt, der mit seinem langen Ball vorm 2:0 sowie mit seiner ruhigen Ballbehauptung instrumental für den Sieg war.

Fazit

In einem ausgeglichenen Spiel erkennt man, warum Union defensiv so stabil ist. Letztendlich sind es spezifische Spielzüge und deren Folgen, die auf beiden Seiten für Chancen sorgen. Trotz Unglück mit den Schiedsrichterentscheidungen sorgen überragende Leistungen von Strohdiek, Schonlau, und Michel letztendlich für einen Paderborner Sieg. Einen Sieg, der nicht nur entscheidend ist, weil er den Abstand zum Relagationsplatz auf 3 Punkte schrumpfen lässt, sondern auch, weil er die erste Heimniederlage Unions in dieser Saison bedeutet.

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