Beruhigte Verzweiflung

Der Traum vom DFB-Pokal ist abermals im Viertelfinale ausgeträumt. Nachdem es im vergangenen Jahr der Rekordpokalsieger war, der den SCP stoppte, war es in diesem Jahr der gefallene Bundesliga-Dino. Der HSV zeigte zu Gast in Paderborn eine wenig aufregende, aber extrem stabile und reife Leistung. Trotz Paderborner Chancen zum Ende der ersten und zum Beginn der zweiten Hälfte kam nie wirklich das Gefühl auf, dass der Favorit gestürzt werden könnte. Zu druckvoll war das Pressing, zu balanciert der Ballbesitz und zu routiniert das Zeitmanagement.

Paderborn hingegen wurden die Grenzen aufgezeigt. Nicht nur fand man keine systematische und erfolgsstabile Lösung gegen das Hamburger Pressing und übersah die Lücken des Hamburger Abwehrblocks, nicht nur lief das eigene Pressing zumeist ins Leere, auch individuell zeigte man sich klar unterlegen. Bei Umschaltsituationen im Zentrum aber auch in Strafraumnähe unterliefen unbedrängt technische Fehler, Fehler, die vereinzelt Chancen zunichte machten und den Keim der Spannung in ihrer Summe erstickten.

Mannschaftsaufstellungen

SC Paderborn - Hamburger SV

Auf Paderborner Seite gab es drei Wechsel in der Startformation. Alle Nationalspieler, am Wochenende, beim Sieg in der Alten Försterei noch geschont, kehrten in die Mannschaft zurück. Zudem wurde Zingerles überragende Form mit seinem ersten Pokaleinsatz belohnt. Formativ änderte sich selbstverständlich nichts, Paderborn agierte in seinem üblichen 4-4-2, welches sich durch die defensiv hohen und zockenden Positionen der Flügelspieler häufig eher als 4-2-4 darstellte.

Beim HSV gab es im Vergleich zum torlosen Unentschieden in Bochum ebenfalls drei Wechsel. Janjicic, Narey und Özcan wichen zeitweise auf die Bank, wenngleich sie allesamt wieder eingewechselt wurden, Papadopoulos, Jung und Holtby kamen dafür neu ins Team. Formativ ergab sich dabei ein 3-4-1-2, welches sich in tieferen Abwehrphasen mit einer pendelnden Vierer-/Fünferkette darstellte.

Die personelle Besetzung dieser Formation gestaltete sich insgesamt eher defensiv. Den drei Innenverteidigern und Jung, der oftmals als Halbverteidiger agiert, sowie den beiden Außenverteidigern standen mit Jatta und Lasogga nur zwei ausgewiesen Offensive entgegen. Entsprechend des Personals gestaltete sich die Spielanlage in Ballbesitz weit ruhiger und strukturierter als auf der wilden Gegenseite.

Insbesondere konnten Bates und Van Drongelen als Halbverteidiger linienbrechende Pässe, Jung seine weiträumig balancierende Spielweise, Mangala seine in Freiräume nachstoßenden Läufe und Holtby seine im Aufbauspiel verbindungsgebende und im letzten Drittel hyperaktive Natur einbringen. Auch Lasogga als kopfball- und ablagenstarker Zielspieler sowie Jatta, normalerweise unkonventioneller Flügelspieler, diesmal aber flexibler Tiefengeber im linken Halbraum konnten sich hervortun.

Doch vom Kronjuwel haben wir noch gar nicht gesprochen. Santos und Sakai haben, je nach Besetzung der Außenverteidigung beim BVB und FCB, verschiedene Podiumsplätze in der Rangliste der Außenverteidigerpärchen in Deutschland inne. Nicht nur sind beide in ihrer defensiven Zugriffsfindung sehr stark, auch im Passspiel bewegen sie sich auf absolutem Spitzeniveau. Santos agiert dabei recht statisch, löst Pressingfallen aus dem Stand fast nach Belieben auf und spielt häufig mit dem ersten Kontakt scharfe, flache und verdeckte Pässe. Sakai agiert währenddessen etwas konservativer, weniger lockend, und dafür kombinativer, nicht aber weniger sicher im Aufbauspiel. Die Fähigkeiten der beiden sind so herausragend, dass Hannes Wolf bereits verschiedenste Rollen für sie fand. Im Liga-Hinspiel gegen den SCP agierten sie beispielweise als einrückende Außenverteidiger, Santos spielmachend und Sakai stärker balancierend, in den Halbräumen. Die breite Rolle, die beide in dieser Partie einnahmen, ist zwar konservativer, zum Ziele der Auflösung jeglichen Paderborner Pressings auf den Flügel aber keineswegs eine Verschwendung.

Kontrolle ohne Ende

Nachdem ich die Spielerprofile beschrieben habe, ist es nur sinnvoll mit den Phasen Hamburger Ballbesitzes zu beginnen. Bei Abstößen, quasi den Epitomen der Ballbesitzstaffelung, ließen sich die beiden Halbverteidiger neben den Strafraum fallen, ohne dabei aber die maximale Tiefe aufzunehmen. Sie positionierten sich stattdessen höher als Pollersbeck an der Strafraumecke, also in einer Lage, in der sie zwar früh Druck erhielten, gleichzeitig aber zumeist genug Zeit hatten, den ersten Kontakt nach vorne zu nehmen.

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Ausgangsstaffelung bei HSV-Abstößen

Zentral schob Papadopoulos leicht halblinks in den Sechserraum, während die halbrechte Sechs von Jung gefüllt wurde. In diesen Positionen vor dem Strafraum wurden sie grundsätzlich von den beiden Paderborner Stürmern aufgenommen, bevor diese nach Anspiel auf den Halbverteidiger durchpressten. Die Orientierung der Halbverteidiger galt dabei stets Vertikalpässen in den Halbraum. In höheren Phasen des Ballbesitzes waren es dort vor allem Rückfallbewegungen neben die Paderborner Doppelsechs, in tieferen Phasen eher Ausweichbewegungen von Holtby (halbrechts) und Mangala (halblinks). Wenn sie zu früh unter Druck kamen, wurde abermals zu Pollersbeck gepasst und so lange zirkuliert, bis ausreichend Zeit zum Aufdrehen bestand. Insbesondere wurde in der Zirkulation Bates fokussiert, Verlagerungen auf Van Drongelen von Seiten Pollersbecks hingegen seltener gespielt. Die Ursache dessen liegt sicherlich zum Teil darin, dass Pollersbeck als Rechtsfuß tendenziell eher nach rechts spielte, zum anderen aber lief Paderborn den etwas unsicheren Bates langsamer an.

Nachdem Anspiele in den Halbraum gelangen, konnte Hamburg sich vergleichsweise leicht aus dem aufkommenden Paderborner Druck lösen. So konnte Holtby, zumeist von einem Paderborner Sechser unter Druck gesetzt, auf Sakai ablegen. Dieser konnte wiederum entweder direkt steil, auf Jatta, der von der halblinken Seite diagonal hinter die Abwehr lief, oder aber auf Jung, durch das Durchpressen des ballseitigen Stürmers im Sechserraum offen, zurücklegen. Insgesamt zeigte sich bei den Halbverteidigern eine durchgehende Zentrumsorientierung. Pässe auf den meist offenen Außenverteidiger wurden ignoriert, koordinierte Pressingmomente, in denen der eingerückt agierende Paderborner Flügelspieler auf den Flügel hätte herausrücken, durch die Zerstörung dessen Orientierung verhindert.

Die enge Positionierung der Paderborner Flügelspieler, in einer vertikalen Linie mit den Halbverteidigern, erschwerte das flache Herausspielen für diese dennoch erheblich. Während der Flügelspieler in seiner Position war, gab es kaum Momente, in denen der flache Pass gesucht wurde. Stattdessen peilte Hamburg dann, wenn der Halbverteidiger aufdrehen konnte und von einem Paderborner Stürmer unter Druck gesetzt wurde, den langen Ball Richtung Lasogga, der sich halbrechts zurückfallen ließ, vereinzelt aber auch auf Holtby, zentral zwischen den Paderborner Sechsern an.

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Durch die eingerückte Position Jimmys ist der flache Passweg versperrt, Bates muss hoch in Richtung Lasogga spielen.

Es ist an dieser Stelle abermals hervorzuheben, dass es eine sehr gute Entscheidung Wolfs war, Pollersbeck weniger prominent im Aufbauspiel einzubinden. Dieser hat zwar akzeptable Fähigkeiten am Ball, ist aber wenig variabel und wortwörtlich holprig in seinem Passspiel, sodass eine initiierende Rolle hinter einer Dreierkette weit angebrachter ist als sein Spiel inmitten einer Torwartkette unter Titz.

Wie dem auch sei, Hamburg konnte bei flachem Herausspielen, aber, nahezu analog, nach weiten Ablagen Lasoggas oder vereinzelt Jattas über die Paderborner Sechser, zurück in den, durch das hohe Pressing der beiden Stürmer, offenen Sechserraum kommen. Aus diesem wiederum wurden Übergänge auf Mangala, der sofern ballfern, passend in den linken Halbraum hochschob, beziehungsweise Holtby, der sich beweglich im zentralen Zwischenlinienraum, im Rücken der Doppelsechs zeigte, gefunden. Wenn kein Spielfortschritt gelang, wurde unter aufkommendem Rückwärtspressing der Paderborner Offensiven zurück in die Kette zirkuliert. Diese schob jederzeit aktiv und kohärent vor.

Papadopoulos nahm dabei eine zentral abgesetzte Rolle ein, während die beiden Halbverteidiger leicht hochschoben. Die Idee war hier abermals klar. Da die Rückzirkulation meist aus dem Zentrum erfolgte, liefen die beiden Paderborner Stürmer zunächst von dort an. Wenn beispielsweise Van Drongelen den Ball hatte, war es Michel als rechter Stürmer, der von innen vorschob. Nach Querpass auf Papa musste Zolinski dann als linker Stürmer heraus. Der zweite Querpass, auf Bates, konnte nun nicht nur klarer in den vorderen Fuß gespielt werden um eine vertikale Anschlussaktion vorbereiten, sondern reduzierte durch das notwendig werdende Pressing des ballnahen Flügels, auch die Abdeckung des Halbraums.

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Jimmy muss herausschieben, Bates kann Lasogga flach erreichen.

Entsprechend wurden in solchen Situationen Pässe durch eben diesen Raum fokussiert. Als Zielspieler agierten dabei Lasogga und Jatta, die sich im Halbraum, neben der Doppelsechs, zurückfallen ließen, um anschließend Ablagen in das offene zentrale Mittelfeld zu spielen. An dieser Stelle sollte eines klar werden. Hamburg suchte immer wieder Steil-Klatsch Kombinationen. Mit diesen konnten sie nicht nur die Stärken ihrer Stürmer einbinden, sondern den offenen Sechserraum durch den Orientierungswechsel der Paderborner Doppelsechs (der Ball passiert sie schließlich) offener und vor allem mit einer positiven, nach vorne gewandten, Körperhaltung anspielbar machen. Wie wichtig letzterer Punkt ist, ergibt sich insbesondere im Vergleich zum Union-Spiel, wo Sechser Schmiedebach, den Ball in einer negativen, geschlossenen, Körperhaltung aus der Innenverteidigung erhaltend, mehrere Ballverluste gegen das Hervorpressen Klements hinnehmen musste.

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Klement muss in dieser Szene, der Fortführung des obigen Bildes, drei Optionen, Jung, Lasogga und Holtby abdecken. Zunächst kommt er zu spät zu Lasogga, dann hat er eine schlechte Orientierung beim Rückpass auf Jung.

Der Effekt war so groß, dass Hamburg in den ersten Pässen im Zentrum nie einen Ballverlust hinnehmen musste. Es wäre einfach, an dieser Stelle Kritik am Paderborner Mittelfeld zu üben, doch die Überladung war einfach zu krass. So mussten Klement und Vasiliadis sowohl Holtby, der sich zentral zwischen den beiden postierte, als auch die zurückfallenden Stürmer und die Doppelsechs abdecken. Eine Unterzahl, die kaum auszugleichen ist. Natürlich kann man zur Abdeckung des ballnahen Halbraums gemeinsames Verschieben anmahnen, welches im Verlauf auch häufiger vorkam. Durch ein solches öffnete man aber den ballfernen Halbraum durch nicht-Durchsichern des ballfernen Flügelspielers so sehr, dass man in Verbindung mit Mangalas gutem Vorschieben in ebendiesen Momenten instabil wurde. Man konnte den Schutz gegen den ersten Pass nur über die Entblößung im weiteren Angriff erkaufen.

Es hat dennoch seine Gründe, warum Paderborn nur ein Tor aus dem Spiel kassierte, und in der ersten Halbzeit, entgegen der hier vermittelten Einschätzung nur fünf Schüsse hinnehmen musste. Nachdem Hamburg sich in die Paderborner Hälfte spielte, fehlten durch die massive Besetzung tiefer Zonen schlichtweg direkte Angriffsoptionen. Zwar konnte man abermals zum Stürmer spielen, dieser wurde aber spätestens jetzt kollektiv zugeschoben, zwar konnte man aus dem defensiven Mittelfeld Bälle hinter die Abwehr suchen, allerdings hatte man dafür nur anderthalb Optionen.

Die Möglichkeiten, die Hamburg dennoch hatte, entstanden aus zwei Situationen. Die erste dieser besteht darin, dass es gelang, Mangala (siehe oben, halblinks neben die Doppelssechs vorschiebend) oder aber Holtby (zentral hinter der Doppelsechs in Bewegung) im Zwischenlinienraum anspielen konnte. Falls dies gelang, war es stets Jatta, der abhängig von seiner Position, entweder außerhalb von Dräger oder Schonlau, diagonal durch eine Schnittstelle an die Grundlinie geschickt wurde.

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Sakai löst sich mit einem Doppelpass nach innen und kann verlagern.

Auch die zweite Situation begreift den gambischen Offensivspieler unmittelbar mit ein. Wenn der Ball in den Sechserraum gelangte, schoben beide Wingbacks nämlich deutlich hoch, sodass sie sich der Abdeckung durch die höher gebliebenen Paderborner Flügelspieler entziehen konnten. Wenn Sakai nun den Ball erhielt, wurde er von Collins angelaufen. Von der rechten Seite suchte er entweder Diagonalpässe auf Lasogga, welche das übliche Ablagenspiel einleiteten, oder aber vereinzelt kombinative Lösung mit Holtby, der weit auf die rechte Seite auswich. Im Besonderen spielte Sakai einen Doppelpass mit dem nach außen weichenden Stürmer, um sich in die Mitte zu lösen und eine Verlagerung spielen zu können.

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Santos leitet den Angriff im Umschaltspiel mit einem verdeckten Steilpass auf Mangala ein.

Wenn Santos den Ball hoch erhielt, gab es zwar ebenfalls einige gefährliche Pässe ins Zentrum, verstärkt allerdings wurde der Longlinepass hinter den herausschiebenden Dräger, zumeist auf Jatta, vereinzelt aber auch auf Mangala gesucht. Nach diesem seitlichen Durchbruch wurde nicht wirklich fokussiert auf Flanken gespielt. Stattdessen wurde häufiger aus spitzen Winkeln geschossen, mit erwartungsgemäß geringem Erfolg.

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Jatta kann, nachdem er von Mangala geschickt wurde, zu einer flachen Flanke ins Zentrum ansetzen, die allerdings von Strohdiek ins Toraus gelenkt wird.

Nun zeigte sich natürlich auch die Strafraumbesetzung als nicht ideal. Wenn Jatta zur Flanke ansetzte, waren eigentlich nur Lasogga und Holtby im Zentrum, sowie Sakai in einer ballfern in den Strafraum einlaufenden Position.

Es waren entsprechend nicht die geordneten, abgestimmten Muster, welche Hamburg zu Chancen verhalfen. Es war ein Standard, eine Ecke, die bei massiver Strafraumpräsenz riesiger Spieler Lasoggas Kopf traf und zur Führung führte. Es war ein Gegenkonter, bei dem sich Mangala nach Herüberweichen der Paderborner Doppelsechs im Gegenpressing auf Santos ins Zentrum lösen, den Ball treiben und perfekt gewichtet in die Schnittstelle neben dem verfrüht vorschiebenden Strohdiek in Lasoggas Lauf spielen konnte.

Thermopylae

In der Beschreibung des Hamburger Ballbesitzspiels ist mehr oder weniger explizit eine Kritik am Verhalten der Paderborner Flügelspieler mitinbegriffen. Deren hohe, zockende Position vereinfachte das Ablagenspiel sowie situativ, immer dann, wenn sie nicht mit nach hinten arbeiteten, den Übergang zum Flügel. Im Ballgewinn allerdings war es wertvoll, eine Überzahl gegen die drei Hamburger Innenverteidiger zu halten. Gerade in hohen Ballbesitzphasen, in solchen, wo Mangala hochschob und auch Jung (oder später Janjicic) sich aus dem Zentrum bewegte, wurden die Abstände vor der Abwehr groß.

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Ein Beispiel von vielen. 3v3-Konter nach tiefem Ballgewinn

Paderborn konnte bei hoch und weit geklärten Bällen, vereinzelt aber auch bei zu weiten Ablagen Lasoggas, in Überzahl kontern. Dass aus diesen Situationen letztendlich keine Tore fielen, führt zum einen auf die enorm aggressive Spielweise, in welcher die Innenverteidiger weit aufrückten und ein Aufdrehen verhinderten, zum anderen aber auf die Fehlerrate im Paderborner Offensivspiel zurück. Immer wieder gab es Abstimmungsprobleme, schlecht gewichtete oder schlichtweg ungenaue Pässe, welche zu Verzögerungen und damit Aufhebung des Vorteils oder aber direkt zum Ballverlust führten.

Unzureichende Befreiung

Da aus dem Umschaltspiel wenig zustande kam, hätte Paderborn mehr Chancen aus dem eigenen Ballbesitz erzwingen müssen. Phasenweise, beispielsweise zum Ende der ersten Halbzeit, gelang das gut, wenn die systemischen Vorteile auch zu inkonsequent ausgespielt und das Ausspielen dieser zu früh aufgegeben wurde.

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Bei Paderborner Abstößen formierte sich Hamburg in einer 3-4-1-2-Staffelung. Die beiden Halbstürmer positionierten sich an der Strafraumecke, Holtby deckte den Paderborner Sechserraum. Auf Paderborner Seite ergab sich demhingegen ein 2-4-4. Beide Innenverteidiger schoben breit neben Zingerle, die Außenverteidiger schoben auf eine Höhe mit den Sechsern, wenige Meter vor den Strafraum, an die Seitenlinie. Davor positionierten sich die vier Paderborner Angreifer nicht maximal breit, sondern häufig eher strafraumbreit, hinter dem Hamburger Mittelfeldband.

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Aus dieser Ausgangslage gab es über die gesamte Partie leichte Iterationen. Zuerst ließen sich beide Paderborner Sechser tief vor den Strafraum fallen. Hamburg reagierte darauf über ein weites Vorschieben Jungs auf eine Höhe mit Holtby. Wenn Jung vorschob, agierten zudem beide Außenverteidiger etwas enger, um eine bessere Abdeckung der Spielfeldmitte zu gewährleisten. Rückfallbewegungen Zolinskis wurden überdies von Mangala eng mannorientiert verfolgt.

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Jatta kann in engerer Position Vasiliadis abdecken

In der zweiten Halbzeit wurde zunehmend so variiert, dass Jatta und Lasogga, aus einer engeren Ausgangsposition agierend, die Abdeckung der Doppelsechs ohne Vorschieben eines Mittelfeldspielers erreichen konnten.

Unabhängig von der genauen Ausgangsformation blieb die strategische Zielsetzung im Pressing konstant. Paderborn sollte auf einen der Außenverteidiger spielen und dort festgemacht werden. So wurde der ballführende Innenverteidiger in einem leicht inneren Bogen, mit welchem er auch Anspiele in den Sechserraum abdecken konnte, vom ballnahen Stürmer angelaufen.

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Klement wird als ballferner Sechser von Dräger gefunden, muss, von Lasogga unter Druck gesetzt, aber abbrechen.

 

Holtby konnte sich dadurch, dass Vasiliadis und Klement im Deckungschatten verschwanden, gut darauf fokussieren, deren Unterstützungsbewegungen zum Flügel aufzunehmen. Nachdem der Pass zum Außenverteidiger erfolgte, konnte sich auch der hochgeschobene Sechser etwas fallen lassen, um tiefere Mittelfeldzonen zu besetzen. Der ballferne Sechser wurde nun vom ballfernen Halbstürmer aufgenommen und verfolgt, während der ballnahe Stürmer beim nahen Innenverteidiger blieb, um einen sichernden Rückpass zu verhindern.

Entscheidend allerdings war die Intensität, mit der der Wingback auf den Paderborner Außenverteidiger hochschob und in den Zweikampf ging. Sobald ein Paderborner Innenverteidiger unter Druck kam, wurde der Pressinglauf bereits angesetzt. Die Verteidigung des Flügels wurde währenddessen durch ein breites mannorientiertes Herausschieben des jeweiligen nahen Halbverteidigers übernommen.

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Alle Spieler im Zentrum werden manngedeckt, es bleibt abgesehen von einigen Pässen, die horizontal auf den ballfernen Sechser gespielt wurden, wenn der Halbstürmer ihn nicht rechtzeitig aufnahm (Beispielsweise nach Zirkulation über beide Innenverteidiger, bevor der Ball zum Flügel geht), lediglich die vertikale Option am Flügel offen. Das tiefe Paderborner Aufbauspiel reduzierte sich auf zwei neuralgische Punkte. Das Duell zwischen Außenverteidiger und Wingback und, falls dieses gewonnen wird, den Zweikampf zwischen Flügelspieler und Halbverteidiger.

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Lösung von Dräger über Longlinepass auf Tekpetey, der den Ball in die Mitte chippen kann. Es folgt nach zweimaligem Umschalten eine Schusschance aus 20 Metern.

Das Gewinnen des ersteren Duells gestaltete sich durch den recht steilen Winkel, in dem die Außenverteidiger die Pässe erhielten (über flachere Staffelung nachdenken), bereits als schwierig. Auch der Fakt, dass man gegen die besten Außenverteidiger der Liga antrat, half hier nicht. Ein erfolgreiches Ausspielen des Duells gelang ca. in der Hälfte der Fälle. Wenn der Ball dennoch den Flügel lang gespielt werden konnte, mussten sich Jimmy und Tekpetey mit einer negativen Dynamik im Duell gegen den aus ihrem Rücken kommenden Halbverteidiger durchsetzen.

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Tekpetey wird im direkten Duell von Van Drongelen gefoult. Zuvor hatte sich Zolinski auf den Flügel zurückfallen lassen und Mangala damit aus dem Zentrum gezogen

Tekpetey gelangen solche Lösungen grundsätzlich häufiger, wenngleich zumeist über weite Vorlagen ins Zentrum, welche zuteil von Mangala aufgesammelt werden konnten. Da zudem auch häufig gefoult wurde, bevor der Paderborner Flügelspieler ins Zentrum aufdrehen konnte, blieben solche Angriffe selten. Wenn sie doch einmal durchgespielt werden konnten, wurde es aber stets knapp. In Gleichzahl, mit 4 auf 4 bis 5 Gegner attackierend, spielte Paderborn verschiedenste Möglichkeiten (Distanzschüsse Halbfeldflanken etc.) heraus, ohne ein wiederkehrendes Muster zu entwickeln. Wie bereits bezüglich der Konter angesprochen war auch hier eine große Ungenauigkeit im Passspiel gegeben, welche sich mit dem forschen Vorverteidigen der Innenverteidiger zu Ballverlusten potenzierte.

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Dräger kann nach Ballgewinn recht unbedrängt in die Tiefe spielen

Aus der geordneten Defensive war Hamburg kaum auszuspielen. Paderborn kam nur in höhere Ballbesitzphasen, wenn man nach Fouls vorschob oder aber gegen im Umschaltmoment unorganisierte Hamburger, vor allem aber deren nach tiefen Defensivphasen tiefe Wingbacks einfach über den Flügel aufbauen konnte. Abgesehen davon gab es auf der linken Seite eine konkrete Situation, in welcher sich Jimmy und Zolinski gemeinsam zurückfallen lassen, um sich in der Folge mit einem Doppelpass in die Tiefe zu lösen.

Insbesondere vor der Halbzeit konnte Paderborn Ballbesitz weit in der Hamburger Hälfte etablieren. Im Genaueren agierte man stark am (rechten) Flügel (nach Einwürfen, seitlichen Freistößen und Aufbauspiel über die AV nur kaum verwunderlich). Dieses überlud man durch Herüberweichen des ballnahen Stürmers und Vorschieben von Außenverteidiger und ballnahem Sechser massiv, sodass man schnell auch das Hamburger Mittelfelddreieck auf seine Seite lockte. Während die Stürmer hoch zockend verblieben und nur situativ in tiefen Zonen unterstützten, postierte sich das Mittelfeld extrem horizontal kompakt. Durch diese Staffelung konnte man nach kurzen Pässen ins Zentrum, insbesondere auf die Sechser schnell und multidirektional Druck erzeugen, öffnete den ballfernen Halbraum, ach was, die Mitte, aber komplett.

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Vor der Abwehr ist die Mitte komplett offen, aber von Paderborn unbesetzt. (Jimmy könnte sofort von Sakai angegriffen werden)

Es ist meistens eine dumme Idee, das zu machen. Verlagerungen von Halbraum zur Mitte sind nicht lange genug unterwegs, als dass man kollektiv verschieben könnte. Zudem ist der Gegner zentral vor dem Strafraum in der vielleicht besten Position, um Steilpässe durch die Abwehr zu spielen. Man sollte es unbedingt vermeiden, da aufzumachen.

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Seem familiar?

Und doch schob Hamburg mit dem gesamten Mittelfeld auf den Flügel, doch agierte der ballferne Innenverteidiger in Strafraumnähe erst spät herausschiebend, doch schiebt der ballferne Wingback erst dann hervor, wenn der Ball herübergekommen ist. Doch Hamburg spielte gegen Paderborn, ein Fakt, den man nicht unterschätzen sollte. In der gesamten Ära Baumgart ist das Ausbleiben von Verlagerungen ein Problem. Zu häufig werden Angriffe durch Lokalkompaktheiten gezwungen, anstelle den Ausweg durch freie Räume zu wählen. Paderborn hatte keine Ausrichtung für Verlagerungen ins Zentrum, weder in Orientierung, noch in Staffelung.

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Ausnahmsweise wird die Verlagerung gespielt und ausnahmsweise kann Michel recht tief aufdrehen. Es fehlen allerdings passend getimte Tiefenläufe, sodass nur ein Distanzschuss folgt.

Vereinzelt, zwei, dreimal gab es dennoch Verlagerungen. Bei denen konnte sich ein Spieler vom überladenen rechten Flügel im Dribbling lösen und in die ballferne Mitte spielen. Dort mussten zumeist Michel als halblinker Stürmer oder Jimmy als linker Flügel auf den Ball zurückfallen, wurden im Aufdrehen ber von einem Herausschiebenden Gegenspieler behindert. Insbesondere Sakai erzwang dabei mehrere Ballgewinne, während Michel die Situation gegen Bates zwar meist lösen konnte, dabei aber verzögert wurde. Um eine kombinative Lösung zu finden, schob in der Folge Klement stärker in den offenen Raum. Er konnte den Ball damit zwar sichern, allerdings boten sich ihm kaum Möglichkeiten zum Tiefenpass an, da Jimmy ballfern nicht durchgehend tororientiert agierte, während auch von der überladenen rechten Seite kaum Tiefenläufe angesetzt wurden.

Das größere, weil systemische Problem, dieses Vorschiebens lag aber in der veränderten Staffelung. Da Vasiliadis zuvor bereits hoch in den rechten Halbraum mitgeschoben war, fehlte nach Klements Aufrücken der Anker im defensiven Mittelfeld. Es hätte zweifellos Lösungen gegeben, die alle Elemente, die Überladung des (rechten) Flügels, die Besetzung des Sechserraums und der ballfern geöffneten Räume vereinen. Eine solche bestünde in einer Postierung des ballfernen Außenverteidigers höher im Halbraum, wenngleich man so ein eher unpassendes Spielerprofil für das Ausspielen der Verlagerung an den Ball bringen würde. Eine weitere Lösung bestünde in einer dreifachen Mittelfeldbesetzung, in der einer der Achter hochschieben kann. Doch Paderborn stellte nicht um und verfluchte damit die gute eigene Tat.

A Walk in the Park

Durch das Öffnen des Sechserraums konnte Hamburg nämlich erheblich einfacher kontern. Der Ablauf war dabei immer derselbe. Nach Ballgewinn erfolgte stets ein vertikaler, wenngleich in seiner Schärfe stark schwankender Pass Richtung Lasogga, der sich, im Pressing hoch verblieben, in den offenen Raum vor der Paderborner Abwehr fallen ließ, um Ablagen zu spielen. Die Qualität der Pässe, die oftmals aus Engen, unter Druck, angechippt oder angeschnitten erfolgten, hätten durch eine Besetzung des Zentrums häufig abgefangen werden, doch diese war schlichtweg nicht gegeben.

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Kontereinleitung über tiefen Pass auf hoch verbliebenen Stürmer, diesmal Jatta. Im weiteren Verlauf kommt der Ball nach Verlagerung auf Santos, der Tekpetey und Dräger brilliant ins Leere laufen lässt, zu Holtby, der wiederum Jatta hinter die Abwehr schicken kann.

Die Innenverteidiger konnten währenddessen auch wenig ausmachen, Lasogga ist als Wandspieler, und insbesondere dann, wenn er vor seinen Rückfallbewegungen bereits einige Meter Abstand zum nächsten Verteidiger hat, kaum vom Ball zu trennen. Lasogga suchte nachfolgend die Ablage auf Holtby, der als höchster Spieler der Defensivstaffelung als erstes unterstützen konnte. Diesem wiederum wurden durch das schnelle Umschalten von Santos, Sakai und Mangala horizontale und durch Jatta, der in diesen Momenten hinter die Abwehr startete, eine vertikale Option geschaffen.

Letztendlich machte Hamburg kein Tor aus tiefen Kontern nach diesem Muster. Die Chancen waren zwar dar, allerdings zeigte man sich zuweilen etwas ungeschickt im Ausspielen und kassierte gegen Paderborner, bei denen die Flügelspieler nur vereinzelt unterstützten, Ballverluste und Gegenkonter.

Beruhigte Verzweiflung

Paderborn stellte nach den Gegentoren mit dem Mute der Verzweiflung um. Zunächst kam Pröger in einem Positionsgetreuen Wechsel nach dem ersten Gegentor, anschließend wurde mit der Einwechslung von Ritter für Dräger auf ein unkoordiniertes leicht asymmetrisches 3-2-3-2 umgestellt, in dem Innenverteidiger Hünemeier zuletzt als rechter Stürmer eingewechselt wurde.

Dieser Wechsel, die Aufstellung von Hünemeier als Stoßstürmer, mag in der Vergangenheit, insbesondere in den letzten Pokalrunden zwar Erfolg gebracht haben, zeigte sich hier aber als kontraproduktiv. Gegen Hamburgs kopfballstarke Dreierkette wurden nur weiterhin nur wenige hohe Bälle gesucht geschweige denn gewonnen. Stattdessen fiel Hüne, und wer mag es einem Innenverteidiger verdenken, als Fremdkörper im flachen Offensivspiel aus.

Der SCP konnte durch Ritters Einwechslung zwar noch stärker überladen, nutzte ballferne Zielräume aber weiterhin nicht aus. Im Gegenteil wurde das Spiel unruhiger, Paderborn konnte keine konstanten Vorteile kreieren und ausspielen.

Hamburg blieb währenddessen ruhig, spielte einige Konter, hielt ansonsten aber den Ballbesitz. Immer wieder konnten am Flügel Einwürfe erzwungen werden, die wiederum mit einer Seelenruhe ausgespielt wurden. Hamburg kontrollierte das Spiel zwar auch bei laufender Uhr, begnügte sich aber auch zunehmend damit, die Uhr herunterlaufen zu lassen. Mit Ballbesitz, Nadelstichen und Zeitspiel kühlte man die Emotionen auf den absoluten Nullpunkt herab, so weit, dass auch die in Anbetracht von mehreren Verletzungspausen, zwei Toren und durchgehendem Zeitspiel lächerlichen drei Minuten Nachspielzeit keinerlei Gefühlsregung hervorbrachten.

Fazit

Hamburg schaffte das, wovon jeder Gegner des SCP nur zu träumen gewagt hatte. Über ein starkes Angriffspressing wurden die Fehler im tiefen Block kaschiert, die Pressingresistenz, der Zentrumsfokus und nicht zuletzt die überlegene individuelle Qualität ließen die Paderborner Chancen im Umschaltspiel vergessen machten. Der HSV kontrollierte das Spiel so sehr, dass der Sportclub, der in dieser Saison so viele Spiele wie niemand anders drehen konnte, die Hoffnung verlor.

Unabhängig davon, wie schmerzhaft die Niederlage ist und wie groß der Zorn in der Paderborner Fanszene ob der übertriebenen, und, im Spielverlauf, vor allem unnötigen Schauspielereien und Zeitspiele war, so verdient ist diese Niederlage. Hamburg kann Spielen sein Tempo aufdrücken und sich dem chaotischen Paderborner Rhythmus, der schon so viele zu Fall brachte, entziehen. Der HSV ist des SCPs schwerster Gegner. Ein Gegner, der einen überragenden Pokallauf beendete und doch einen wichtigen Schritt in dieser Saisaon darstellen kann.

Am vorletzten, 33. Spieltag, kommt der HSV abermals in die Benteler Arena. Es könnte sich ein Spiel entwickeln, in dem Paderborn sich nicht nur revanchieren sondern das Ausscheiden im Pokal gänzlich vergessen machen könnte.

 

 

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