Wurschtelball

Nach einem ambivalenten Start in die Bundesligasaison durfte der SC Paderborn sein Heimdebüt gegen einen absoluten Angstgegner, den SC Freiburg bestreiten. Es entwickelte sich ein Spiel, in dem Paderborn schnell zur Führung und zu einigen weiteren Chancen kam, bevor sich Freiburg noch in der ersten Halbzeit zur Führung wurschtelte.

Paderborn erlangte gegen ein absolutes diffuses Freiburger Pressing die Spielkontrolle, konnte aus fast durchgehendem Ballbesitz aber keine vorteilhaften Situationen kreieren. Das Spiel dümpelte, mit plötzlichen, kaum herausgespielten Chancen beider Seiten vor sich hin, bis Freiburg pünklich zur neunzigsten Minute den Deckel auf das Würstchenglas machen konnte.

Mannschaftsaufstellungen

Auf Paderborner Seite gab es nur eine Änderung zur 3:2-Niederlage in Leverkusen. Namentlich begann der Duisburger Neuzugang Cauly Souza (einer meiner persönlichen Lieblingsspieler) anstelle von Kai Pröger. Die Abwehr blieb unverändert, Dräger spielte mit Ball schwach, Hünemeier stabil, Strohdiek ……….. nicht so, Collins defensiv überragend, wenn auch offensiv zu einseitig.

Im Mittelfeld traten Vasiliadis und Gjasula abermals in der Zum-Ball-Renn/Vom-Ball-Wegrenn Rollenverteilung auf. Vasiliadis war in allen Spielphasen stärker eingebunden, während Gjasula meist in dezent unpassende Räume lief. In der Spitze agierte Michel mit seiner üblichen Mischung aus unkonventionellen Drehungen und Tiefenläufen, während Mamba sich nicht nur beim Tor, sondern immer wieder in gefährliche Schusspositionen brachte.

SC Paderborn - SC Freiburg

Bei Freiburg stellte Urgestein Christian Streich eine zwischen Strukturen des 3-4-2-1 und 3-1-4-2 schwimmende Formation auf. Der junge Nico Schlotterbeck begann dabei vor Alexander Schwolow als linker Halbverteidiger und wichtigster Aufbauspieler, während die zentrale Defensivposition von Robin Koch gefüllt wurde. Philipp Lienhart komplettierte die junge Dreierkette auf der rechten Seite.

Als Flügelläufer wurden Christian Günter und Rückkehrer Jonathan Schmid, in der Mittelfeldzentrale der eher als Ankersechser auftretende Nicolas Höfler und der vorschiebende Jerome Gondorf aufgestellt. In der Offensive schwamm Brandon Borello zwischen Zehn und linkem Halbraum, während Luca Waldschmidt ähnlich, aber einige Meter weiter vorne, die rechte Seite besetzte. Als zentraler, manchmal nach links ausweichender, Stürmer agierte Nils Petersen.

Schwimmpferdchen

Freiburg baute das Spiel grundsätzlich aus einer Dreierkette auf, vor der sich Höfler zumeist zentral hinter der Paderborner Doppelspitze postierte. Paderborn agierte (Oh Wunder) wieder aus einem 4-4-2 mit phasenweise hohen Flügelspielern.

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Michel und Mamba stehen eng beieinander, um den Pass auf Höfler zu erschweren. Die Positionen der Flügelspieler sind in dieser Szene nicht repräsentativ. Im Gegenteil gelingt Koch hier einer von wenigen linienbrechenden Pässen.

Das Anlaufen der Dreierkette zeigte sich insgesamt etwas aktiver als gegen Leverkusen, im Detail zudem klarer definiert. Wenn Koch den Ball hatte, blieben Mamba und Michel schlicht eng zusammen, um den Pass auf Höfler zu erschweren. Wenn er nun nach außen passte, erfolgte das Anlaufen des Halbverteidigers. Der Flügelspieler presste dabei in einem äußeren Bogen, während der ballnahe Stürmer auf direktem Wege attackierte. Der ballferne Stürmer schob währenddessen in Kochs Richtung, um einen Rückpass zu kontrollieren.

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Ballbesitz des Halbverteidigers triggert das Pressing. Souza versperrt den Weg nach außen, Mamba läuft aus dem Zentrum an. Höfler bleibt frei, wurde aber nur selten gefunden

Meistens spielte Freiburg in Rekation darauf über den Torwart zurück, um dann auf die andere Seite zu verlagern. Auf diese Verlagerung erfolgte ein direktes Pressing des zuvor fernen Flügelspielers ohne fokussierte Abdeckung der Außenbahn. Weil sich der Flügelläufer auf dieser Seite frühzeitig zurückfallen ließ, wurde er stets anspielbar, bevor der Zugriff durch den Paderborner Außenverteidiger erfolgen konnte.

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Schmidt lässt sich in Reaktion auf die tiefe Verlagerung fallen. Waldschmidt läuft in die Tiefe, Pertersen kommt entgegen

(Auch die Halbverteidiger ließen sich häufig weit fallen, um den Paderborner Zugriff herauszuzögern)

Das Freispielen des Außenverteidigers nach Verlagerung war eine der wenigen strukturierten wiederkehrenden Progressionen der Freiburger. Eine weitere bestand darin den Halbverteidiger im Vorlauf anzuspielen, sodass dieser an der ersten Paderborner Linie vorbei andribbeln und Passwege in das offensive Zentrum erlangen konnte.

(Es gab noch eine weitere, einmalig aufgetretene Methode, in der sich Höfler ballfern auf die linke Außenbahn bewegte, um dann, nach Verlagerung auf Schlotterbeck, nach innen zu gehen. Durch diese Bewegung konnte er kurz Souzas Aufmerksamkeit ziehen und den Pass auf Günter öffnen)

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Höfler bewegt sich vor Souza nach innen, um den Pass auf die Außenbahn zu vereinfachen

Die Zirkulation in der ersten Linie war in den meisten Fällen schlicht so langsam, dass Paderborn auch mit suboptimalem Pressing immer rechtzeitig ankam. Anstatt stets den Weg nach vorne zu suchen, stoppten die Freiburger den Ball häufig erst, um sich dann zurück zum Torwart zu drehen.

Aber, zurück zum Thema. Die Außenverteidiger waren die wichtigste Zwischenstation im Aufbauspiel. So konnten diese, bei linearer Angriffentwicklung, durch das Pressing der Paderborner Flügelspieler, oder noch extremer nach Verlagerungen, mit der Möglichkeit der Überwindung der zweiten Linie angespielt werden. Die AV suchten schnell den Diagonalpass ins offensive Zentrum.

Dieses Zentrum, beziehungsweise das Verhalten der Spieler in diesem, ist vielleicht das einzig interessante Element der Freiburger Ballbesitzspiels. Anders als bei Leverkusen, wo die Spieler sich eng an ihre Positionen halten, erfolgt die Orientierung in der offensiven Freiburger Mitte eher nach Funktionen. Unabhängig davon, ob 2, 3 oder 4 Spieler in der Mitte sind, besteht das Ziel im Erreichen des höchsten Akteurs. Der Spieler, der nun im ballnahen Halbraum befindlich ist, läuft also in die Tiefe, während sich zumeist Petersen, leicht dem Ball entgegenfallen lässt, um eine Ablage zu spielen.

Soweit, so gut. Das einzige Problem bei diesem Angriff ist die Anschlussoption. Da Petersen bei seiner Ablage nach außen guckt, kann er eigentlich nur in diese Richtung spielen. Gerade dort ist in diesem Moment aber keiner, da der Spieler im Halbraum zuvor tief gelaufen ist.

Gelegentlich gelang dennoch eine Lösung. Waldschmidt drehte einige Male auf, wenn er in Petersens Rolle war, oder bewegte sich in Vorbereitung der Ablage tief in dessen Sichtfeld. Dennoch waren die folgenden Anschlussaktionen begrenzt. Der Flügelläufer, der zuvor den Pass gespielt hatte, war zu tief, ein Spieler ins Abseits gelaufen, die ballferne Seite nicht hoch besetzt. Es ist kaum verwunderlich, dass Freiburg keines seiner Tore über den häufigsten Angriff erspielte.

Stattdessen war es einfacher. Aus der ersten Linie heraus spielte Freiburg viele diagonale lange Bälle, in dessen Zeilraum sich Gondorf fokussiert bewegte. In der Luft war Paderborn ein gleichwertiger Gegner, bei Aufsetzern hingegen versagte Strohdiek komplett. Zwei Tore folgten daraus, dass er einen prallenden langen Ball falsch einschätzte und ein Gegner sich durchwurschteln konnte.

Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit

Apropos Wurschteln: Paderborns Offensivspiel lässt sich in weiten Teilen in diesem Wort zusammenfassen. Der Plan bei Kontern war schlichtweg, auf außen zu eröffnen, den Freiburger Halbverteidiger in den Zweikampf zu locken, sodass sich ein Stürmer in dessen Rücken lösen konnte. Im kontrollierten Ballbesitz waren die Sitautionen gleichwohl vielseitiger, wenn auch nicht wirklich kultivierter.

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Mustergültiger Ablauf vor der Führung. Vasiliadis‘ Dribbling lockt Lienharts Aufmerksamkeit, Mamba kann sich breit lösen.

In der Anfangsphase agierte der SCF noch in einem vorschiebenden hohen Mittelfeldpressing aus einem 3-4-1-2. Die beiden Stürmer orientierten sich zwischen Zugriff auf die Innenverteidiger und dem Abschneiden steiler Passwege auf die Außenverteidiger, während Borello als Zehner mannorientiert am etwaig zentralen Paderborner Sechser blieb. Die Doppelsechs blieb grundsätzlich tiefer, wenngleich Gondorf häufiger mannorientiert hevorschob, wenn Vasiliadis sich in die (aus Freiburger Sicht) rechte Halbspur bewegte. Die Flügelläufer waren zunächst hoch genug, um Druck auf die Paderborner Außenverteidiger zu erzeugen.

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Dräger kann das Pressing der Anfangsphase über ein diagonales Dribbling auflösen.

Gegen dieses Pressing fand Paderborn schnell zwei Lösungen. Zum einen ließen die Außenverteidiger sich so tief fallen, dass die keinen initialen Druck erhielten, zum anderen suchten sie das Dribbling ins Zentrum, wenn die in höheren Positionen angegriffen wurden. Als Resultat der zentralen Mannorientierungen und tiefen Positionen der Sechser war die Halbspur stets offen.

Freiburg wurde nun zusehends passiver im Pressing, insbesondere die Flügelläufer rückten nur noch sehr vereinzelt heraus. Für Paderborn war dies ambivalent. Zwar musste man keinen Ballverlust fürchten, allerdings gab Freiburg auch keine Dynamiken und Räume mehr auf den Außenbahn preis. Konnte Paderborn in der Anfangsphase noch den Raum hinter den breit herausschiebenden Halbverteidigern attackieren, konnten diese nun zentral bleiben.

Paderborn konnte kein Defensivverhalten ausnutzen, da Freiburg statisch war. In der Folge musste Paderborn stärker spielmachend aus den Außenverteidigerräumen agieren. Zwar nahmen die Freiburger Stürmer etwas breiter Positionen ein, um diesen zu kontrollieren, allerdings war der Zugang, zum Beispiel unter Nutzung von Staffelungen mit Doppelsechs, oder schlicht durch hohe Verlagerungen stets möglich.

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Dräger mit Platz. Nicht nur erfolgt seine Bewegung nach außen, auch erzeugen die Bewegungen im Zentrum keine Entscheidungskrisen. Jeder Freiburger verfolgt schlicht seinen Gegenspieler. Bewegungen zur Ausnutzung dieser Zuordnung (beispielsweise ein Tiefenlauf Vasiliadis‘ in die äußere Schnittstelle) erfolgen nicht

Dräger oder Collins hatten neben dem vorderen Freiburger 2-1-2-Block viel Platz zum Andribbeln. Collins tat dies aus bewusst engen Positionen recht linear, mit viel Vorwärtsdrang, während Dräger aus breiteren Positionen stärker diagonal agierte. Die Paderborner Außenverteidiger konnten in vielen Situationen 20 bis 30 Meter laufen, ohne irgendeine Form von Druck zu erhalten.

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Collins hat Unmengen an Platz, es fehlen aber die Bewegungen in die Tiefe. Ein Beispiel bestünde darin, Souza einlaufen zu lassen, während Mamba nach außen kreuzt.

Gelegentlich nutzten sie diese Freiheiten, um früh Chips auf die gegenläufig agierenden Stürmer hinter die Kette zu spielen. Häufiger aber hatte das Verhalten der Offensivspieler einen negativen Effekt. Die Paderborner Doppelspitze agiert nämlich durchweg so, dass der ballnahe Spieler entgegenkommt, während der ballferne in dessen Rücken, hinter einen herausgelockten Verteidiger herauskreuzt.

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Mamba fällt entgegen, Michel kreuzt in die Tiefe

Die Bewegung des ersten Spielers hin zum ballführenden Außenverteidiger ist sinnvoll, wenn damit ein funktional anderer Raum (beispielsweise der Zwischenlinienraum) geöffnet wird. Wenn der Stürmer aber lediglich im selben Raum, dem Ausweichraum neben dem Block, dafür aber mit einer geschlossenen Körperhaltung angespielt wird, verliert dieses Mittel seinen Sinn.

Nun ist es bei Paderborn auch allgemein so, dass die meisten Bewegungen zum Ball hin, nicht aber raumöffnend erfolgen. So kamen auch die Flügelspieler aus breiten Positionen gerne entgegen, anstatt ihrem Außenverteidiger eine schematische Überzahlsituation gegen den einzelnen Flügelläufer anzubieten. So bewegten sich auch die Mittelfeldspieler zum Ball, wodurch Freiburg rein reaktiv Kompaktheit schaffen konnte.

Es ist geradezu ein Paradoxon, dass extreme Passivität Paderborns Ballbesitz erschwert. Ohne Ambitionen auf einen Ballgewinn kann man keine Dynamiken und keine kurzzeitig geöffneten Räume ausnutzen, sondern muss diese eigeninitiativ kreieren. Ein Beispiel für eine solche Methode zeigt sich immer wiederkehrend bei ManCity.

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Collins hat Unmengen an Platz auf dem Flügel. Anstelle ein Anspiel durch die Schnittstelle vorzubereiten, kommt der Flügelspieler (hier Souza) tief

Anstatt, wie Jimmy, stumpf entgegenzukommen, täuscht Sterling am Flügel ein Zurückfallen an, um eine Bewegung seines Gegenspielers und eine folgende Öffnung der Schnittstelle zu provozieren.

In der zweiten Halbzeit stellte Freiburg leicht um, wechselte auf ein 5-2-3, in dem die Halbstürmer stärker nach hinten arbeiten. Den Außenverteidigern wurde so in der ersten Phase noch mehr Platz gelassen, Dribblings bis in die letzte Linie aber verhindert. Paderborn spielte ein paar vielversprechende Chips, blieb insgesamt aber ungefährlich.

Fazit

Das Paderborn mit tiefstehenden Gegnern seine lieben Probleme hat, ist nicht Neues. Dass sich ein Bundesligist so sehr aufgibt, wie der SC, hingegen schon. Paderborn kreiert wenig aus dem geordneten Ballbesitz, entwickelt dafür aber starke Konter vom Flügel ins Zentrum.

Die individuelle Klasse zeigt sich bei diesen Aktionen extrem, der Mangel an Klatschnäuzigkeit aber auch. In der ersten Halbzeit kommt Paderborn aus 5 freien Abschlusssituationen zu nur zwei Schüssen. Bei aller Klasse in der Offensive fehlt diese, wie absehbar, in der Innenverteidigung.

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